Als meine beste Freundin mir erzählt, dass sie und eine weitere gute Freundin drei Tickets bekommen haben und mich gerne dabei hätten, beim letzten Konzert in Manchester, denke ich mir, okay, ich kenne vielleicht drei Songs der Band. Und ich bin seit knapp zehn Jahren nicht geflogen. Und das wird kein günstiger Trip. Aber wir sind nun alle fast 40, wir leben knapp 800 voneinander entfernt, sie haben Kinder, ich hab einen Hund und sowieso sehen wir uns viel zu wenig. Wenn also nicht der Band wegen, dann für diese beiden Frauen, die mich seit fast 30 Jahren in diesem Leben begleiten.
Also ja gesagt und Flug gebucht und auf AirBnB und Booking.com bisschen rumgesucht. Unsere Bleibe haben wir storniert, als extrem viele schlechte Bewertungen reingekommen sind, haben uns dann doch für ein Hotel entschieden, 3 Sterne in Trafford inklusive Frühstück, ähnlich teuer.
Es vergehen Monate und eine schlaflose Nacht vor dem Flug, aber dann landen wir in Manchester, die Leute sind von Anfang an extrem nett und alle fahren und laufen auf der falschen Seite, woran ich mich in diesen fünf Tagen nicht gewöhnen werde. So oft müssen Leute mir ausweichen, weil ich Treppen auf der falschen Seite benutze. Sorry.
Wir lernen mit einem Guided Music Walk Manchester kennen, so viel krasse Musik kommt aus dieser Stadt, wusste ich alles nicht, alles ganz toll. Sowieso schreit die ganze Stadt nach Oasis. Überall Plakate und Merch und jeder Laden denkt sich irgendeine Referenz zur band und den Songs aus und schreibt sie auf ihre Tafeln.
Am Sonntagmorgen sehen wir anhand der Shirts und der dreckigen Schuhe im Frühstücksraum, wer letzte Nacht auf dem Konzert war und alle sind übermüdet, aber happy. Wir reden mit den Jungs aus den Niederlanden und aus Italien und denen aus Brighton, die heute mit uns gehen werden und dann spricht uns dieser alte Mann vom Tisch neben uns an. Fragt ganz höflich, ob wir aus Deutschland kämen und woher denn genau. Ich sage Hamburg und seine Augen leuchten auf und er sagt „Landungsbrücken, Jungfernstieg, Berliner Tor, Altona“ und ich sage, „Richtig, woher wissen Sie das?“
Und er erzählt von seinem Jahr in Hamburg als Mitarbeiter der Jugendherberge an der Horner Rennbahn. 1961 und 1962. Danach war er noch ein paar Monate Hafenarbeiter, bevor er zurück nach England ist. Knapp zwei Stunden erzählt er von damals und fragt, ob es die Reeperbahn noch gibt und die Herbertstraße. Bei letzterem beugt er sich zu mir und wird leiser, und seine Augen werden groß, als ich alles bejahe.
John ist 82 und lebt seit fünf Jahren in diesem Hotel. Günstiger als ein Heim. Seine Frau ist 10 Jahre älter als er, sie sei oben im Zimmer. Seit 35 Jahren sind sie zusammen, sie sei blind von Geburt an und hat ihn also noch nie gesehen. „Ich Glücklicher“, sagt er. Er ist aufmerksam und witzig, merkt sich alles, was wir ihm erzählen und kann nicht richtig loslassen, als wir uns auf den Weg machen wollen.
Wir sind schon Mittags bei den Bussen, die uns zu Heaton Park bringen und sind schon da lange nicht die ersten. Alle sind voller Vorfreude und gut drauf, gemeinsam strömen wir auf die Wiese, die vom Konzert der letzten Nacht immer noch ziemlich aufgeweicht ist. Wir hatten bei der Lotterie für den vorderen Bereich kein Glück und suchen uns auf der Anhöhe im goldenen Dreieck der Boxen einen Platz, von dem aus wir die Bühne gut sehen können. Und dann müssen wir knapp vier Stunden warten. Andere sind besser ausgerüstet und setzen sich auf mitgebrachte Mülltüten und Regenponchos.
Wir sitzen irgendwann auf Pizzakartons und es wird immer voller. Da ist der geschätzt Siebzigjährige, von dem ich glaube, dass er nur zuliebe seines Sohnes dabei ist, aber dann auch ganz aufgeregt mitsingt. Und da ist der vielleicht Zehnjährige, der schon bei Richard Ashcroft alles mitsingen kann. Er bleibt eine ganze Weile auf den Schultern seines Papas, bis der nicht mehr kann, dann bietet ein Typ daneben an, ihn auf die Schultern zu nehmen. So wechseln sich fremde Leute den ganzen Abend über ab und der Junge strahlt durchgehend und gröhlt alles mit.
Sind alles immer noch Menschen und natürlich sind da auch Arschlöcher bei, wie der Typ, der vielleicht 20 Zentimeter neben ein auf dem Boden sitzendes Pärchen kotzt und ungerührt weitergeht. Oder die Jungs neben uns, die einige Liter an Bier trinken, danach in die Becher pinkeln und sie auf dem Boden ausleeren, wo das Urin den leichten Hang hinab den anderen Leuten um die Schuhe läuft. Aber dafür, dass da 80.000 Leute sind, ist es extrem nett und zugewandt und freundlich. Nicht ganz so krass wie bei Taylor Swift in München, aber auffällig nett. Und dann geht es los. Wie krass bitte die Stimmung und das mitsingen. Und natürlich kenne ich mehr Songs. Manchmal denke ich, ah, stimmt, das kenne ich auch. Und manchmal denke ich, ach krass, das ist von denen!
Knapp zwei Stunden macht die Band Programm. Noel und Liam kommen Hand in Hand auf die Bühne und gar nicht so zynisch gemeint, wie es klingt: Sie leisten was für ihr Geld.
Am Ende kommt die Zugabe mit „The Masterplan“ und „Don’t Look Back in Anger“ und „Wonderwall“ und „Champagne Supernova“ und wenigstens für zwei Songs kann ich auch alles mitgröhlen, nicht nur die Refrains. Dann ist es vorbei und wie Ameisen reihen sich diese ganzen Menschen, um wieder zurück nach Manchester zu kommen. Und selbst das funktioniert und die Stimmung ist gut.
Am nächsten Tag fahren wir nochmal ins Northern Quarter, tingeln durch die Stadt und schauen uns noch ein paar Sachen an. Als wir am Abend ins Hotel kommen, steht John an der Rezeption, wollte eine Nachricht für uns hinterlassen. Aber besser so, weil wir am nächsten Tag wirklich früh zum Flughafen müssen. Wir reden nochmal kurz, machen ein Abschiedsfoto, wir bedanken uns und er schüttelt den Kopf. All diese Erinnerungen nochmal aufgefrischt zu bekommen und dieses Gespräch führen zu dürfen. „Das ist das Highlight, vielleicht sogar des Jahres“, sagt er, auf eine Art, die uns klar macht, dass er es ernst meint. Damit verabschieden wir uns und gehen aufs Zimmer, packen und reden und schlafen zu spät ein.
Natürlich sind wir alle übermüdet und wir verabschieden uns, bevor wir in unterschiedliche Flugzeuge steigen, um ein paar Stunden später zuhause ankommen. So kaputt, dass ich gleich ins Bett falle. Aber sehr sehr happy.
Ja, so wars. Gerne wieder.

Bericht: Oasis in Manchester am 20. Juli 2025
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