Bericht: ›Die schönsten Strände gibt es rund um Águilas‹ …

Gastbeitrag von Maria Nowotnick. 

Wir wollten vier Wochen durch Südspanien reisen, Andalusien erkunden, mit dem eigenen Auto, ich wollte meinem Freund zeigen, wie schön es dort ist …

Doch irgendwie kam alles anders.

Wir sind mit Sicherheit beobachtet worden, jemand hat aufgepasst, dass wir so schnell nicht wiederkommen, das macht es nur noch widerlicher. Am 28. April liegen wir gegen Mittag am Strand und fühlen uns aus irgendwelchen Gründen sicher, fühlen uns vor allem das erste Mal wohl auf dieser bis dahin eher abenteuerlichen Reise. Neben uns liegen junge Frauen oben ohne, ein Paar sogar komplett nackt. Spanien zeigt sich von seiner aufgeschlossensten Seite, denken wir. Da ahnen wir noch nicht, dass uns gerade alles genommen wird. Dass unser extra für diesen großen Urlaub neu gekauftes Auto vermutlich genau in diesem Moment aufgebrochen und leergeräumt wird. Bis aufs Letzte. Jede Tasche, jedes Kleidungsstück, alles wird blind mitgenommen. Ohne Rücksicht auf irgendetwas.

Wenig später habe ich keine Brille mehr, keine Papiere, keine Unterwäsche, und dass mein Laptop in meinem Rucksack neben meinem Tagebuch und meinem handgeschriebenen Kalender lag, ergänzt das Grauen nur.

Vorher verbringen wir zwei wirklich schöne Tage im etwas vereinsamt erscheinenden San Juan de los Terreros, ist ja noch keine Saison, denken wir, allerdings sollten die Einwohner schon ab und an zu sehen sein … ›Die Küste von Águilas ist nicht so touristisch‹, lesen wir nach, ›es gibt keinen großen Flughafen in der Nähe, deshalb bleiben die Besucherstürme aus.‹ Das klingt doch gerade für uns planlose Individualtouristen nett. Was fürchterlich aussieht an dieser hochgelobten Küste hingegen, sind die unzähligen Vans und Wohnmobile, teilweise sogar direkt am Strand geparkt. Schon von der Straße erspähen wir das dystopisch wirkende Bild, lassen uns davon aber nicht verdrießen, finden es sogar ein bisschen spannend, das mal aus der Nähe zu sehen.

Frohen Mutes checken wir an dem Tag, an dem wenige Stunden später in ganz Spanien der Strom ausfallen wird, aus unserem alles andere als luxuriösen 2-Sterne-Hotel aus, beladen unser Auto, das direkt davor parkt. Nehmen noch ein unbestelltes Frühstück ein, wollen es gar nicht glauben, dass wir ›so ein Glück haben‹. Lassen uns das Rührei kredenzen von der netten Hotelangestellten und freuen uns auf den nächsten Stopp – Granada. Streben, bevor es ins Landesinnere gehen soll, einen Halt an einem dieser schönen Strände hier an, unser Auto stellen wir Punkt 12:00 Uhr am Parkplatz direkt an der Straße und neben einem Wohnmobil mit Berliner Kennzeichen ab, halten das für ein gutes Zeichen. Halten diesen Parkplatz für sicher. Ich überlege noch, mein Portemonnaie nicht im Auto zu lassen (davon abgesehen, dass unser sämtliches Hab und Gut darin liegt), tue es dummerweise doch. Weibliche Intuition? Auf die ich leider nicht höre …

Gegen 12:30 Uhr fällt im ganzen Land der Strom aus, wir merken davon am Strand nichts. Lassen die Handys ausnahmsweise mal in unseren Taschen, genießen die Sonne und das Meer. Wundern uns, dass plötzlich ein Großteil der Badelustigen aufzubrechen scheint, denken: Es ist Mittagszeit, klar! Wir haben noch ein bisschen Zeit, wollen erst gegen frühen Abend in Granada sein (dass ausgerechnet dort auch noch der Grund für den Stromausfalls zu liegen scheint, ergänzt die Skurrilität unserer Geschichte nur). Wir schmieden Pläne und sind das erste Mal auf dieser Reise sicher, alles richtig gemacht zu haben. Packen es irgendwann und machen noch schöne Erinnerungsfotos von dieser Traumbucht.

Auf dem Weg zum Auto, kein Verdacht, ach, es steht nicht mehr im Schatten, ok. Passiert. Ich öffne die hintere Tür, lege unsere Badesachen ins Auto, merke nichts, immer noch. Mein Freund macht Fotos, als Erinnerung an diese schöne Reise mit unserem schicken neuen Auto … und plötzlich merke ich, dass die Rücksitze leicht nach vorn geklappt sind, frage ihn, ob er das war. Ja, vielleicht beim Einladen, überlegt, er noch laut … aber ich öffne instinktiv das Handschuhfach: leer. Mein Portemonnaie: weg. Er öffnet den Kofferraum, sieht nichts mehr von unserem Gepäck und sagt: ›Wir sind ausgeraubt worden – ruf die Polizei!‹ Diese Worte werde ich nie vergessen. ›Wir sind ausgeraubt worden‹, was heißt das nur auf Spanisch? Überlege ich, will es schnell googlen und parallel die Nummer der spanischen Polizei wählen – beides geht nicht, ich habe kein Netz. Er auch nicht. Wir rennen panisch mit den Handys in der Hand umher und versuchen vergeblich, Empfang zu bekommen. Keine Chance. Ich möchte weinen, schreien und einfach nur zusammenbrechen, weil mir langsam klar wird, dass wir all unserer Sachen beraubt wurden. Dass unser Auto aufgebrochen und alles aus ihm entfernt wurde, was wir nicht bei uns hatten.

Aber ich versuche, mich zusammenzureißen und stürze mich auf das erste Auto, das auf eben diesen Parkplatz gefahren kommt, auf dem wir offensichtlich ausgeraubt worden sind. Zwei englischsprachige Touristen sitzen darin, ich frage sie, ob sie auch keinen Empfang hätten, und erkläre ihnen, was uns passiert ist. Sie scheinen auch eben erst festzustellen, dass sie netzlos sind, wissen nicht so recht, was sie nun (für uns) tun können, und ich halte noch ein Auto an, eine Fügung!

Eine Familie sitzt darin, der Sohn fährt, seine Schwester sitzt neben ihm, hinten der Vater mit den beiden Enkeln. Sie sprechen Englisch, halten sofort an und erklären wiederum uns, was passiert ist. Blackout, in ganz Spanien, kein Strom, kein Netz, deshalb können wir auch keine Polizei anrufen oder sonst jemanden. Die Familie ist aus Island. Der Vater, Totti, unser rettender Engel, ist Reiseführer und spricht zufällig fließend Englisch, Spanisch und Deutsch.

Wir zeigen ihm die Stelle, an der die Fahrertür unseres Autos mit der Brechstange und jeder Menge Gewalt aufgehebelt wurde. Seine Tochter schaut mir tief in die Augen und versucht, mich zu beruhigen. Ich weiß nicht, was wir ohne diese Familie getan hätten … Totti sagt, er wohne in Águilas in der Nähe der Guardia Civil, wir sollen ihm folgen, hierher käme jetzt sowieso niemand, alle hätten gerade andere Sorgen. Wir glauben ihm, folgen blind. Inzwischen haben wir kapiert, dass jemand unser Auto aufgebrochen haben muss, während wir am Strand lagen, nichtsahnend, dass dieser jemand (oder noch viel mehr diese Jemande) all unsere Sachen, drei Koffer, zwei Taschen, zwei Rucksäcke, zwei Portemonnaies aus unserem Auto geholt, teils gezerrt haben müssen. Eine Sonnenbrille liegt neben unserem Auto, die war da vorher nicht, sie muss von einem der Diebe stammen. Ich nehme sie an mich. Auch einer unserer Corny-Riegel lag da, Notproviant, der beim Raub herausgefallen sein muss. Es fällt uns schwer, den Tatort zu verlassen, wir verstehen allerdings auch nicht viel in dem Moment. Eben noch war mir heiß in der Sonne am Strand, nun wird mir immer kälter … ich klammere mich an meine Wasserflasche und meine leere Gürteltasche, ich umklammere mein Telefon, auch wenn es mir gerade nichts bringt. Wir fahren Totti und seiner Familie hinterher, ohne zu wissen, wohin. Alles passiert wie im Wahn …

Die Männer der Guardia Civil sind bedingt freundlich, sie behaupten, sie würden uns helfen, sobald der Strom wieder da sei, wir sollen Ruhe bewahren. Ich möchte wieder nur weinen und schreien, habe mir inzwischen die durch Zufall übriggebliebenen Jacken alle übereinander gezogen. Mein winziges Glück in dem Moment: ein Dreckwäsche-Beutel, den die Diebe haben liegen lassen, eine lange Stoffhose bringt mich über den restlichen Tag (sowie über die weitere Reise).

Den Proviant für die Fahrt nach Granada stopfe ich mir aus Verzweiflung und unter Schock in den Mund, als wir einsehen müssen, dass niemand etwas für uns tun kann, solange der Strom weiter nicht zurückkommt. Dass wir niemanden über unseren Zustand informieren können, weil auch der Empfang nicht zurückkommen wird, ehe die Ursache für diesen landesweiten Blackout gefunden wurde, wiegt mit am schwersten.

Ich übergebe der Guardia Civil die Sonnenbrille, ich hätte sie nicht anfassen sollen, sagt der Polizist. Ich verstehe das meiste und kann auch knapp antworten, aber ohne Totti wären wir aufgeschmissen. Er erklärt geduldig, was uns geschehen ist. Es hilft nichts. Die Spurensicherung nimmt sich immerhin unser Auto vor, nimmt jede Menge Fingerabdrücke, die, wie wir betonen, unter keinen Umständen von uns stammen können. Wir entdecken auch jetzt erst all die Schleifspuren und verstehen erneut, was alles weg ist. Es wird Abend, wir haben keine Unterkunft mehr, keine Papiere, kein Geld …

Wir stehen am Strand und versuchen krampfhaft, mit jedem Hauch von Handyempfang unsere Karten sperren zu lassen. Eine joggende Amerikanerin fragt mich, ob wir Neues zum Stromausfall wüssten, und ich erkläre ihr unter Tränen, was uns geschehen ist. Sie nimmt mich in den Arm und spricht mir Mut zu, empfiehlt uns ein Hotel, in dem es angeblich Strom und Internet gäbe, ich schöpfe Hoffnung. Sie empfiehlt uns außerdem, ein Crowdfunding zu machen wegen all unserer verloren gegangenen Sachen, und überlegt dabei laut, was sie eigentlich für Versicherungen (nicht) abgeschlossen hat … sie joggt weiter in den Sonnenuntergang, wir erreichen tatsächlich mit viel Glück die Bank und haben Stunden nach dem Raub wenigstens alle Karten gesperrt. Im von der Amerikanerin empfohlenen Hotel gibt es keine freien Zimmer mehr. Wir werden abgewiesen, während sich die wohlhabenden Hotelgäste Sorgen um ihr warmes Abendessen machen. Die Amerikanerin kommt wieder auf uns zu, diesmal ganz in Weiß, fein gemacht fürs Abendessen. Keine freien Zimmer mehr? Nun kann auch sie uns nicht mehr helfen …

Wir haben von Totti 100 Euro in die Hand gedrückt bekommen, suchen weiter verzweifelt nach einem Hotel, das uns ohne Identität aufnimmt. ›San Carlos‹ tut es, der Besitzer ist vollkommen high, macht aber einen hilfsbereiten Eindruck. Ich erkläre ihm, was passiert ist, so gut wie ich eben kann. Mein Freund wartet im aufgebrochenen Auto. Carlos nimmt uns auf, sein Hotel ist (wie alles im Land) stockdunkel und dadurch noch unheimlicher. Mit einer Taschenlampe weist er uns dem Weg zum Zimmer, es riecht enorm nach Rauch. Wir müssen irgendwo schlafen, das wissen wir. Dann eben hier. Die 100 Euro an uns geklammert suchen wir einen Supermarkt auf. Wählen den Spar, den wir schon kennen, und treffen durch Zufall dort die Hotelangestellte, die uns heute Morgen unaufgefordert das Frühstück kredenzt hatte. Ich versuche, auch ihr zu erklären, was uns passiert ist. Sie antwortet mir, dass alle keinen Strom mehr hätten, wundert sich, dass wir überhaupt noch in der Stadt sind …

Ich versuche ohne Hilfe von einem Wörterbuch klarzumachen, dass wir nicht nur ohne Strom, sondern ohne alles sind. Dass wir zwar, obwohl wir bis aufs Hemd ausgeraubt wurden, ein Hotel gefunden hätten, uns dort aber auch nicht wirklich sicher fühlten. Frage, ob sie uns wieder aufnehmen könnte – ›euch schon‹, sagt sie. Wir verabreden uns für ›gleich‹ vor dem ansonsten vollkommen verlassenen und wie alles andere auch dunklen Hotel. Bringen den Schlüssel zurück zu ›San Carlos‹, überlegen uns Ausreden, warum wir das Zimmer nicht mehr brauchen. Carlos ist es egal und wir haben Angst, wir könnten diese Entscheidung bereuen … Fiorella, wie wir später erfahren werden, wie die Hoteldame heißt, steht allerdings tatsächlich mit Taschenlampe vor dem Hotel und wartet auf uns, erlaubt uns sogar, das aufgebrochene Auto in die Garage zu fahren, heute, an diesem ›Pechtag‹ … Sie habe nun neben dem fehlenden Strom aber auch kein Wasser im ganzen Hotel, warnt sie uns. Die Strafe vielleicht doch, denn bei Carlos hätten wir eine heiße Dusche nehmen können. Egal.

Warum auch immer, wir fühlen uns hier sicher. Obwohl wir höchstwahrscheinlich genau hier schon beobachtet wurden, wie wir das Auto vollluden, vielleicht sogar deshalb das unbestellte Frühstück? Um Zeit zu gewinnen? Vielleicht hat genau diese Frau, die uns gerade Obdach gewährt, heute Morgen den Dieben Bescheid gegeben, dass wir nun unterwegs und angreifbar sind …

Wir sitzen abends im selben Zimmer, aus dem wir morgens glückselig und mit leichter Wehmut ausgecheckt waren. Nur haben wir nichts mehr, wir haben nur noch uns. Die Toilettenspülung reicht genau für einen Gang, die Hände desinfizieren wir, statt sie zu waschen und die Zähne putzen wir spärlich mit Trinkwasser. Es ist ein Horrortag, ich weiß nicht, wie wir es schaffen, engumschlungen in den Schlaf zu finden. Unsere einzige Hoffnung ist, dass am nächsten Tag der Strom wieder geht und wir jemanden anrufen können. Unsere Handys laden … Wir sind mit Totti an seiner Wohnung verabredet, falls dem nicht so sein sollte, und so kommt es.

Am nächsten Morgen: eine unveränderte Gesamtsituation. Kein Strom, kein Wasser, kein Handyempfang – und es ist wirklich wahr: Alle unsere Sachen sind gestohlen. Es war kein böser Traum, es ist alles genauso passiert … Wir müssen zur Polizei! Sie müssen! uns jetzt endlich helfen …

Auf dem Weg nach Águilas kehrt der Handyempfang zurück, der Strom scheint hier wieder da zu sein – wo gestern Abend noch absolutes Chaos herrschte, die Polizei Patrouille fuhr und die Restaurants alle geschlossen, die Geschäfte dunkel waren, die Ampeln ausgefallen und die Menschen panisch, scheint langsam Normalität einzukehren. Wir müssen zur Guardia Civil! Aber erst zu Totti, wo wir eine Liste mit den geklauten Dingen anlegen, sogar die Seriennummern unserer Computer herausfinden und im Onlinebanking sehen, dass unsere Kreditkarten doch schon genutzt wurden – in den wenigen Supermärkten, die überhaupt Kartenzahlung über Notstrom möglich gemacht hatten.

Jetzt müssen sie die Diebe doch kriegen! Denke ich noch, ahne, wie sehr ich mich täusche. Wir haben inzwischen unsere Familien informiert, sie kommen um vor Sorge und fragen, wie sie helfen können. Der Besuch bei der Guardia Civil wird wie erwartet anstrengend. Totti dolmetscht zum Glück, er findet das alles ganz spannend, kommt sich vor wie ›Derrick‹. Wir werden getrennt verhört, als wären wir die Verbrecher. Bekommen Ärger, weil wir kein Foto von unserem Ausweis haben, keine Ausweisnummer im Kopf. Wir, die ausgeraubt wurden, müssen Rechenschaft ablegen …

Ich punkte mit meinem Spanisch und meinem Vornamen (›Maria, wie die Jungfrau‹) – ich will das hier gut meistern, als würde es irgendetwas ändern … Wir geben die Namen unsere Eltern an, unseren Wohnort und wann wir geboren wurden, wiederholen wieder und wieder, was passiert ist und bekommen am Ende eine ausgedruckte Anzeige auf Spanisch, die uns durch die nächsten Tage tragen muss.

Mein Freund will sofort weg, ich kann das verstehen. Wir bleiben trotzdem ein paar Tage, um etwas zur Ruhe zu kommen. Ich hoffe insgeheim, dass die Guardia Civil sich vielleicht doch noch meldet oder dass wir irgendwo irgendetwas finden.

Wir fahren die Supermärkte ab, in denen die Diebe mit unseren Karten bezahlt haben, obwohl wir eigentlich kein Geld für den Sprit samt Maut haben. Ich will mir einreden, dass wir am Straßenrand oder in den Mülleimern irgendetwas von unseren Sachen finden … jeder Fetzen würde mich glücklich machen. Uns fällt mit jeder Minute etwas Neues ein, das im Koffer oder im Handgepäck war … es ist ein unschönes Gefühl, die Route der Diebe zu nehmen, die Supermärkte zu betreten – hier waren die gestern … wir finden: Nichts. Die Enttäuschung ist riesig.

Ich telefoniere auf dem Rückweg mit dem ADAC, er kann uns nicht helfen, weil wir ja keine Panne haben. Rät uns, Geld über Western Union schicken zu lassen – wie, ohne Ausweise?! Im Restaurant ›Mi Cortijo‹, das wir die ersten Tage aufgesucht und mit dessen Besitzer wir uns glücklicherweise sehr gut verstanden hatten, ist leider an diesem zweiten Abend nach dem Raub Ruhetag. Wir hatten die Hoffnung, dort vielleicht umsonst essen zu können. Christian ist trotzdem da und kämpft wie alle mit den Folgen des Stromausfalls. Er ist zutiefst betroffen von dem, was uns passiert ist, hatte sich so für uns und unsere Reise durch Andalusien gefreut. Er gibt uns Bier, Zigaretten und Oliven, mehr hat er an dem Abend nicht, aber auch das hilft uns ungemein. Wenig später sind wir volltrunken, aber auch etwas getröstet. Christian will versuchen, unsere Autotür gerade zu biegen – mit einem Spanngurt. Und er schafft es. Wir sind beruhigt, weil es nun immerhin nicht mehr reinregnen kann (was laut ADAC ›unangenehm, aber nicht weiter schlimm‹ gewesen wäre), unser Auto ist nicht mehr aufgebrochen.

Wir müssen Christian versprechen, noch zu bleiben, damit wir am nächsten Abend zu ihm zum Essen kommen können. Wir bleiben. Und haben noch ein, zwei schöne Strandtage, immer mit der Angst, wieder beobachtet zu werden. Totti leiht uns noch viel mehr Geld, immerhin müssen wir 3000 km zurückfahren. Meine Schwester überweist es ihm, so schnell es geht, versichert sich, dass ich nicht KI-generiert bin, als ich sie am Telefon darum bitte.

Niemand kann verstehen, wie groß der Verlust ist, wir sind nicht einfach nur bestohlen worden, uns wurde alles genommen – inklusive unseres Urlaubs. Wir liegen plötzlich ohne alles im Bett, ohne Dinge wie eine Knirschschiene, an die man sich gewöhnt hat und ohne die man wieder auszukommen lernen muss. Auch das Asthmaspray meines Freundes haben die Widerlinge mitgenommen, mit unserer Anzeige erkläre ich in der Apotheke, dass es ein Notfall sei und wir ohne Rezept ein neues bräuchten. Es funktioniert. Sowieso sind alle – außer der Guardia Civil und selbstverständlich den Dieben – sehr lieb zu uns. Auch Fiorella gibt sich weiter große Mühe, obwohl ich immer noch unsicher bin, ob sie nicht mit Schuld trägt an all dem.

Weil wir zwischen Águilas und San Juan de los Terreros hin und herfahren müssen in den Tagen nach dem Raub, passieren wir auch den Parkplatz, den Tatort, wieder und wieder. Das Wohnmobil mit dem Berliner Kennzeichen steht immer noch da und wir beschließen, anzuklopfen – vielleicht haben die Besitzer uns auch beobachtet und tragen nun vergnügt unsere Kleidung …

Andreas ist der Besitzer und nicht aus Berlin. Auch er ist sichtlich betroffen von unserer Geschichte, macht sich Vorwürfe, dass er nichts bemerkt hat, steckt uns 20 Euro zu. Er will die Augen offenhalten, falls sich doch noch Kleidung von uns anfindet …

Während wir dort wieder an derselben Stelle stehen, an der wir vor drei Tagen ausgeraubt wurden, und die Sonne schon wieder knallt, kommt ein sehr alter spanischer Vespafahrer angerollt. Er hat Andreas eine Brezel mitgebracht, hier kennt man sich, wenn man länger mit dem Wohnmobil am selben Ort verweilt. Er spricht Deutsch mit starkem Frankfurter Dialekt, denn da hat er 20 Jahre gelebt. Und meint tatsächlich, er habe unser Auto an dem Tag des Überfalls stehen sehen, sich noch gefragt, ob das gut gehen würde, ein Auto mit ausländischem Kennzeichen hier so ganz allein …

Er klärt uns auf: Solche Überfälle, wie uns geschehen, seien hier an der Tagesordnung. Als wir fragen, warum, antwortet er der schlechten wirtschaftlichen Situation wegen, der Flüchtlinge …, Gründe gäbe es genug. Und die Polizei, ja, die traue sich in manche Stadtviertel gar nicht mehr rein. In dem Moment, als er uns die Horrorgeschichten erzählt, möchte eine spanische Familie sich auf den Parkplatz stellen, von dem aus wir bestohlen wurden – ich warne sie, empfehle ihnen, umzuparken. Sie stellen keine Fragen, reagieren prompt. Der Vater ist selbst bei der Polizei und als ich ihn frage, ob so etwas hier öfter passiere, antwortet er nur, es sei kompliziert …

Je mehr wir über die gefährliche Gegend und über die klassische Art des Diebstahls an vollbeladenen Fahrzeugen ausländischer Touristen hier erfahren, desto wütender werden wir. Aber irgendwie hilft es uns auch. Wir sind bei Weitem nicht die Einzigen, denen so etwas passiert ist. Aber wir hätten es wissen müssen. Wir hätten niemals so naiv handeln dürfen, wir hätten nach Granada fahren und dort während des landesweiten Stromausfalls ankommen sollen. Es ist nicht zu ändern, unsere Sachen sind weg. Und sie werden nie wieder auftauchen. Es wartet eine Menge an Dingen auf uns, die erledigt werden wollen … Die Versicherung, die neuen Dokumente, die Reparatur des Autos, der Ersatz zumindest der wichtigsten Dinge (ohne Brille lebt es sich schlecht) und irgendwann das Nachholen des versauten Urlaubs.

Der Rückweg ist deprimierend, wir zahlen Sprit und Maut am laufenden Band, ohne Urlaub gehabt zu haben. Wir sind knapp 3000 km gefahren, um ausgeraubt zu werden. Und nun fahren wir all diese Kilometer wieder zurück, ohne Gepäck, ohne Papiere, nur mit dem geliehenen Geld, das wir zum Tanken, Übernachten und Essen brauchen.

Als wir zuhause ankommen, ist der Schock erneut riesig. Unser Kleiderschrank ist wirklich leer. Vielmehr noch fehlen mehr Dinge, als wir ursprünglich dachten. Regenjacken, falls es doch mal schlechtes Wetter gegeben hätte, Strandkleidung, wenn es schön gewesen wäre. All die schicken Sommersachen, die den ganzen Winter darauf gewartet haben, wieder getragen zu werden, und die noch unangerührt im Koffer waren. Es sind aber auch Erinnerungstücke verloren gegangen, die unter keinen Umständen zu ersetzen sind.

Als wir anfangen, unsere Geschichte zu erzählen, weiß keiner, wie er auf unseren Verlust reagieren soll. Alle sind betroffen und sprachlos, die meisten haben ähnliche Geschichten in petto oder zumindest schonmal von so einer gehört.

Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll …

Aber es muss. Irgendwie.

Maria liebt es zu schreiben: Rezensionen, Interviews, redaktionelle Beiträge, an ihrem ersten Roman … und eben manchmal auch über das, was ihr selbst passiert. Auch wenn sie sich diesen Text lieber erspart hätte, möchte sie, dass er gelesen wird. Um zu warnen? Zu verarbeiten? Oder einfach, um zu erzählen … Schreiben hilft, immer!

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