{"id":941,"date":"2009-09-18T08:31:32","date_gmt":"2009-09-18T07:31:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=941"},"modified":"2009-09-18T08:31:32","modified_gmt":"2009-09-18T07:31:32","slug":"text-tag-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/09\/18\/text-tag-8\/","title":{"rendered":"Text: Tag 8"},"content":{"rendered":"<p>Es war der achte Tag, nachdem mein rostiger Vogel den staubigen Boden gek\u00fcsst hatte. Acht lange Tage war ich nun schon in dieser W\u00fcste, die tags\u00fcber so hei\u00df war wie die H\u00f6lle und nachts so kalt wie das Herz mancher Frauen. Seit mehr als 21 Jahren flog ich nun Pakete um die Welt, doch diese acht Tage im Sand kamen mir l\u00e4nger vor, als die gesamte Zeit in meinem Flugzeug. Es war aber auch die l\u00e4ngste Zeit, die ich in den letzten Jahren am St\u00fcck am Boden verbracht habe hatte. Sonst war ich immer nur angekommen, hatte mich mit einem Umweg \u00fcber eine Flughafenbar ins Bett geworfen und war am n\u00e4chsten Mittag weitergeflogen. Es gab nirgendwo irgendetwas, was mich l\u00e4nger am Boden gehalten h\u00e4tte. Die Frauen, die ich traf, konnte ich mir nicht l\u00e4nger als eine Nacht leisten.<br \/>\nSechs Tage ohne Essen, zwei Tage ohne Wasser. Und definitiv nicht der erste Tag, an dem ich mir ernsthafte Gedanken um mein \u00dcberleben machte.<br \/>\nAber fangen wir acht Tage vorher an:<!--more--><br \/>\nEs war ein Mittwoch, als meine Beechcraft abst\u00fcrzte. Eine Strecke \u00fcber der W\u00fcste Namib, die ich schon zu oft geflogen war, als dass ich mich um irgendwas zu k\u00fcmmern brauchte. \u00dcber die W\u00fcste zu fliegen ist wie mit einem Auto auf der Route 66 durch die Staaten zu fahren. Hunderte von Kilometern ohne eine Ver\u00e4nderung. Und pl\u00f6tzlich, mitten \u00fcber der endlosen Fl\u00e4che aus Sand und kargen Steinen, fing der rechte Propeller an zu brennen. Dann fiel er aus. Also ab in den Tiefflug und notlanden. Und noch bevor ich den Boden ber\u00fchrte, wusste ich: Diesen Vogel werde ich nie wieder fliegen. Beim Aufsetzen f\u00fchlte sich der Sand an wie Beton. Wie Wasser, wenn man mit zu hoher Geschwindigkeit aufschl\u00e4gt. Dann grub sich das Fahrwerk samt Bug in den Sand. Irgendwann kam der Flieger zum Stehen. Stille. Nach dem stundenlangen Brummen und den Fehlz\u00fcndungen w\u00e4hrend des Fluges und vor allem nach dem ohrenbet\u00e4ubendem Absturz war die Stille unheimlich. Benommen stieg ich durch die zerborstene Frontscheibe. Schei\u00dfe. Immer wenn Kollegen von Abst\u00fcrzen erz\u00e4hlt haben, war das unendlich weit weg. Wie ein Krieg in den Nachrichten, im flackernden Bild des Fernsehers\u00a0 der Flughafenbar, dem du eh weniger Beachtung schenkst, als dem Bier und der Frau neben dir. Und jetzt war ich selbst ein Abgest\u00fcrzter. Keine Geschichte in meiner Erinnerung, sondern eine reale Beule an meinem Kopf.<br \/>\nDie komplette Bordelektronik war Schrott. Okay, die Beechcraft war schon ein bisschen \u00e4lter und das gesamte Flugzeug war schon lange Schrott, doch jetzt funktionierte gar nichts mehr. Mir dagegen ging es wunderbar. Vorher erw\u00e4hnte Beule und schlechte Laune, ansonsten war ich erstaunlich lebendig.<br \/>\nDie Hoffnung, gefunden zu werden, lie\u00df mich dennoch die ersten zwei Tage im Flieger \u00fcbernachten. Umgeben von hunderten John Denver-Schallplatten. Diese w\u00fcrden wohl nicht mehr ihren Weg in die verstaubten Schr\u00e4nke von Vinylsammlern finden. Traurige Ironie war es tats\u00e4chlich, mit der Musik eines K\u00fcnstlers abzust\u00fcrzen, der mit seinem eigenen Flugzeug ums Leben gekommen war.<br \/>\nTags\u00fcber lag ich im hei\u00dfen Schatten des Laderaums und f\u00e4cherte mir Luft mit einer Platte zu. Des Nachts vergrub ich mich unter meiner Jacke und den kleinen Styropork\u00fcgelchen, in welche die Platten eingepackt waren. Eines musste ich zugeben: Die Platten waren sicher verpackt gewesen. Nur 42 der 1492 Vinylscheiben waren beim Absturz zu Bruch gegangen. Zeit zum Z\u00e4hlen hatte ich ja genug. Es waren genau 1492 Schallplatten. Noch so eine Ironie. Aber vielleicht war das auch ein Zeichen, dass ich gefunden werden w\u00fcrde!<br \/>\nNach zwei Tagen verlie\u00df ich das Wrack. Das Essen war alle, auch die Wasserreserven neigten sich dem Ende zu. Ich war ja auch nicht darauf vorbereitet gewesen, die W\u00fcste unter meinen F\u00fc\u00dfen zu sp\u00fcren. Eigentlich h\u00e4tte ich sie nur aus ein paar tausend Fu\u00df H\u00f6he sehen sollen.<br \/>\nKurz bevor die Sonne aufging, lief ich los. Schon die ersten Schritte brachten Schwei\u00dfausbr\u00fcche, ich warf alles von mir, was Ballast machte. Nur gerade so den K\u00f6rper bedecken, um Sonnenbrand zu vermeiden. Und nat\u00fcrlich die Wasserflaschen. Vier an der Zahl, in einen Pullover gebunden, auf dem R\u00fccken liegend. So machte ich mich auf den Weg durch den Sand. Nach ein paar Hundert Metern drehte ich mich um und verabschiedete mich von meiner Lady. Die alte Maschine hatte mich l\u00e4nger begleitet als es jemals eine Frau getan hatte. Sie war mir treu geblieben, eben bis jetzt. Bis dass der Tod uns scheidet. Ich weinte nicht, Wasser war hier kostbar, aber mein Herz schmerzte schon. Ich war mir sicher, den Vogel nicht mehr wieder zu sehen. Ich t\u00e4uschte mich.<br \/>\nAls es d\u00e4mmerte wurde es schlagartig k\u00fchler. Die K\u00fchlung motivierte zum Laufen, bis ich irgendwann ersch\u00f6pft in den Sand st\u00fcrzte. Ich drehte mich auf den R\u00fccken, die Augen geschlossen, alle Viere von mir gestreckt, ein L\u00e4cheln umspielte meine trockenen Lippen. Nach Tagen des Nichtbewegens war es trotz der Hitze ein gutes Gef\u00fchl, mal wieder etwas getan zu haben. Dann kroch mir die Nacht in die Glieder. Was ich noch vor kurzem als angenehme K\u00fchle empfunden hatte, war nun klirrende K\u00e4lte, die den verschwitzten K\u00f6rper schneller umschloss und durchdrang, als mir lieb war. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie gut ich es unter all den Styropork\u00fcgelchen gehabt hatte. Hatte ich das gelesen oder geh\u00f6rt, ich wusste es nicht mehr, aber ich hatte im Kopf, Nomaden waren immer komplett eingekleidet, das w\u00fcrde die W\u00e4rme isolieren. Und nachts vor der K\u00e4lte sch\u00fctzen. Ich musste zur\u00fcck. Die restlichen Klamotten mitnehmen. Also erhob ich mich und lief in der Nacht meinen eigenen halb verwehten Fu\u00dfspuren nach, zur\u00fcck zu meiner Lady. Normalerweise waren es die Frauen, die mich verlie\u00dfen und sie kamen nie zur\u00fcck. Jetzt\u00a0 verabschiedete ich mich und schon eine Nacht sp\u00e4ter war ich reum\u00fctig auf dem R\u00fcckweg. Zu meiner Verteidigung muss man sagen, es war Vollmond, ich h\u00e4tte sowieso nicht schlafen k\u00f6nnen. Und das Laufen hielt warm.<br \/>\nBeim Sonnenaufgang kam ich wieder bei der Beechcraft an. Ersch\u00f6pft warf ich mich in das Verpackungsmaterial. Weder K\u00f6rper noch Geist waren gewillt, sofort wieder ohne den geringsten Schatten durch die W\u00fcste zu laufen. Also blieb ich versteckt vor der Sonne ein weiteres Mal in meiner Lady. Die Beechcraft war tats\u00e4chlich sehr weiblich. Sie war gem\u00fctlich, machte manchmal Zicken und in ihr drin f\u00fchlte man sich sehr wohl.<br \/>\nBei Anbruch der Nacht machte ich mich wieder auf den Weg. Diesmal aber in die andere Richtung, den Sand in der ersten Richtung kannte ich ja schon.<br \/>\nNach meiner Rettung sagte man mir, ich h\u00e4tte nur zwei Stunden weiter in die erste Richtung laufen m\u00fcssen und ich w\u00e4re auf ein Camp gesto\u00dfen. Traurige Ironie. Mal wieder.<br \/>\nIch packte mich komplett ein. Nur die Augen lie\u00df ich aus. Wie auf diesen Postkarten, auf denen man nur die sch\u00f6nen Augen einer Nomadin sieht, w\u00e4hrend alles andere in blaue T\u00fccher geh\u00fcllt ist. Vielleicht traf ich ja eine solche hier. Der Rest meines K\u00f6rpers war samt meiner zwei letzten Wasserflaschen in Kleider verh\u00fcllt. Ich hatte die Hosenbeine meiner Leinenhose zugeknotet und jeweils eine der beiden Flaschen hineingesteckt. Die Konstruktion hing mir jetzt um den Hals auf dem R\u00fccken. So konnte ich die Flaschen transportieren, ohne sie die ganze Zeit in der Hand zu halten. Mein Fahrtenmesser hatte ich eingesteckt. Das hatte ich als Kind einmal einem alten Mann geklaut. Seitdem begleitete es mich. Und wenn ich schon hier in der W\u00fcste mein Leben lassen sollte sollte, dann mit diesem Messer. Dann lief ich los.<br \/>\nIn der Nacht war alles gut. Dann wurde es warm. Zu der Erinnerung, Nomaden seien immer verh\u00fcllt kam jetzt auch der Fakt, dass sie knapp 10 Liter pro Tag trinken. Soviel Wasser hatte ich nicht. Also runter mit den Klamotten. Was nichts an der Temperatur \u00e4nderte. Dann dachte ich an die K\u00e4lte der Nacht und zog die Klamotten wieder an.<br \/>\nDie n\u00e4chsten zwei Tage tr\u00f6stete mich der Gedanke, immer zum Flugzeug zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Danach war ich definitiv zu weit entfernt. Meine Spuren w\u00fcrden sp\u00e4testens jetzt verweht sein. Ich musste mitten in der W\u00fcste sein, hin und wieder kam ich zwar an Steinformationen vorbei, aber haupts\u00e4chlich schlurfte ich durch Sand. Nichts zu sehen von den Felsen, die in der N\u00e4he der Skelettk\u00fcste zu finden waren. Ich hoffte, irgendwann auf welche zu stossen, denn an der K\u00fcste fand man immer wieder Schiffswracks, die ein wenig Schutz bieten konnten. Es war nur eine Frage der Zeit, dass mich ein Sandsturm erwischen w\u00fcrde. Diese kamen in Namib extrem oft vor. Ich hatte viele dieser St\u00fcrme bei meinen Fl\u00fcgen beobachten k\u00f6nnen, zu der Zeit als ich noch fasziniert nach unten sah und begeistert war von der W\u00fcste. Damals w\u00fcnschte ich mir, ich w\u00fcrde so einen Sandsturm auch aus der N\u00e4he betrachten k\u00f6nnen. Sobald mich jetzt einer erwischen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich mein damaliges Ich f\u00fcr den Wunsch verfluchen, denn so ein Sturm endete meist mit Sand in der Lunge und einem raschen Ende.<br \/>\nWieder zwei Tage sp\u00e4ter war das Wasser alle. Die Lippen platzten auf. Die Haut wurde rissig. Der dehydrierte Kopf schmerzte. Wie wenn man zuviel Alkohol und zuwenig Wasser getrunken hatte. Ich f\u00fchlte mich wie nach einer durchzechten Nacht, die etwa ein Jahr lang gedauert haben musste. Eine Nacht, nach der man aufwacht und denkt, so sehr wie der Kopf brummt, so gut kann die Nacht gar nicht gewesen sein. Und Aspirin war keines da.<br \/>\nDas Schlimmste aber waren weder die trockene Haut, noch das Pochen im Kopf. Es war die Stille. Ich war noch nie ein Mensch gewesen, der viel Gesellschaft braucht. Einerseits mochte ich Menschenmassen nicht, andererseits beruhte das meist auf Gegenseitigkeit. Eine Frau reichte mir normalerweise, aber keine hielt es lang mit mir aus. Was irgendwie verst\u00e4ndlich war. Ich hielt es ja manchmal selbst nicht mit mir aus. Meine besten Freunde waren die Beechcraft und der jeweilige Barkeeper der Flughafenbar gewesen. Der eine schwieg oft, w\u00e4hrend die andere andauernd brummte. Dennoch, trotz dessen, dass ich nicht der Mensch f\u00fcr Gesellschaft war, die absolute Einsamkeit zerst\u00f6rte mich. Die unheimliche, un\u00fcberbr\u00fcckbare\u00a0 und ewige Stille in der W\u00fcste machte mich verr\u00fcckt.<br \/>\nAnfangs hatte ich nur geflucht. Dann hatte ich erst die Songs von John Denver und kurz darauf auch alle anderen, die ich kannte gesungen. Dann sprach ich mit mir selbst. Und irgendwann schwieg ich. Einerseits kostete das Sprechen Kraft. Andererseits ging ich mir auf die Nerven. Und irgendwie gab es dann auch nichts mehr zu sagen.<br \/>\nIch dachte an buddhistische M\u00f6nche. Deren Ziel war es, nichts mehr zu denken. Durch einfache Arbeit, die sehr bewusst ausgef\u00fchrt wird, soll man aufh\u00f6ren zu denken. Und durch Koan. Koan waren kurze Anekdoten oder Fragen, die den Sch\u00fclern vom Meister aufgetragen wurden. Das waren solche Sachen wie \u201eWie h\u00f6rt sich das Ger\u00e4usch einer einzelnen klatschenden Hand an?\u201c oder \u201eDie Freiheit des Himmels, eines Baumes, eines Steines ist die Messlatte.\u201c Noch konfuser als die S\u00e4tze des Meisters sind dann oft die Antworten der Sch\u00fcler, die sie nach Jahren dann bringen. Manchmal glaube ich, sobald etwas so schwer ist, dass es niemand versteht, wird es als genial erachtet. Jedenfalls, durch die Koan sollen die Sch\u00fcler lernen, nicht mehr zu denken. Weil es\u00a0 sowieso nichts bringt und man nur ohne Gedanken erleuchtet werden kann. Wenn das tats\u00e4chlich so ist, dann musste ich kurz davor gewesen sein, am achten Tag.<br \/>\nDie Sonne hatte ihren Zenit erreicht. Mein Schatten war direkt unter mir. Langsam zog ich immer einen Fu\u00df vor den anderen. Ich dachte an Beppo Stra\u00dfenkehrer. Dem alte Mann aus Michael Endes \u201eMomo\u201c. Er sagte, dass es keinen Sinn mache, eine Stra\u00dfe schnell und im Stress zu kehren. Man muss es ganz langsam machen. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Dann ist man irgendwann fertig, hat Schritt f\u00fcr Schritt die Stra\u00dfe gemacht. Man hat gar nicht gemerkt wie und ist nicht aus der Puste. Genauso lief ich durch die W\u00fcste. Den Kopf gesenkt, meinen eigenen Schatten betrachtend, setzte ich immer einen Fu\u00df vor den anderen. Irgendwann musste ich das Ende der W\u00fcste erreichen, ohne aus der Puste zu kommen. Leider hatte ich nicht Beppos Disziplin. Immer wieder sah ich auf. Dann st\u00f6hnte ich, wenn ich die endlosen Weiten Sand sah. Also wieder auf den Boden starren. Und weiter. Schritt. F\u00fcr. Schritt.<br \/>\nAls ich wieder aufsah, st\u00f6hnte ich, sah wieder runter und gleich wieder auf. Ein bisschen rechts von mir lag etwas im Sand. Da war ein Stein und nebendran lag etwas. Ein kleinerer Stein? Nein, es sah irgendwie nach&#8230; Tier aus. Ein Esel? In meiner ganzen Zeit in Namib hatte ich au\u00dfer Sand und Stein nichts gesehen. Ab und an entdeckte ich die Skelette einiger Skorpione, ansonsten hatte die Zeit und die Hitze alles ziemlich verjagt. Eben bis auf diesen braun-grauen Haufen, der genau vor mir lag. Zumindest wenn ich ein bisschen nach rechts schaute. Ich \u00e4nderte meine Richtung und ging auf die Erhebung zu. Ein Esel konnte es nicht sein, er hat in dieser Gegend nichts zu suchen. Es muss also ein Spie\u00dfbock sein. Im N\u00e4herkommen erkannte ich die schwarzen Flanken und\u00a0 die H\u00f6rner. Es war ein Spie\u00dfbock. Und er schien tot zu sein. Schlafen w\u00fcrde er dort nicht. Ersch\u00f6pft lie\u00df ich mich in den Sand fallen und lehnte mich an die schattige Seite des Steines. Sorgsam war ich darauf bedacht, mit keinem Teil meines K\u00f6rpers den Sand oder den Stein direkt zu ber\u00fchren. Verbrennungen waren das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte. Dennoch sp\u00fcrte ich die enorme Hitze des Felsens durch die vielen Lagen \u00fcber meinem K\u00f6rper. Zumindest traf mich die Sonne ein paar Momente lang nicht direkt. Ich sah mir das Tier an, das links von mir lag. Es musste erst vor kurzem gestorben sein. Es sah noch frisch aus.\u00a0 Ich sch\u00e4lte meine Hand aus den Stofflagen und ber\u00fchrte das Tier. Die Vorstellung, dass sich unter diesem st\u00f6rrischen Fell Fl\u00fcssigkeit und Fleisch verbarg, welche mir das Leben retten konnten, liessen mich handeln. Mit zitternden H\u00e4nden zog ich mein altes Messer hervor. Bevor ich zustach z\u00f6gerte ich einen Moment. Nicht, dass ich Vegetarier bin, auf keinen Fall. Aber es ist eine Sache, zubereitetes Fleisch zu essen, und eine komplett andere, rohes Fleisch aus einem Tier herauszuschneiden. Selbst f\u00fcr einen zynischen und abgebr\u00fchten Bastard wie mich. Dann schlitzte ich das Fell des Bocks auf. Blut quoll mir \u00fcber meine Hand. Ich sp\u00fcrte es aber kaum. Wenn ich fettige Pizza mit der Hand esse, l\u00e4uft mir manchmal das Fett die Hand herunter. Ich bemerke es aber nicht, weil es die gleiche Temperatur wie meine Haut hat. Genauso ging es mir mit dem Blut. Ich sah es, sp\u00fcrte es aber kaum. Mit ungelenken Bewegungen schnitt ich mir ein mundgerechtes St\u00fcck Fleisch aus dem Tier und steckte es in den Mund. Erst saugte ich all das Blut aus dem St\u00fcck, sch\u00fcttelte mich wegen des metallischen Geschmacks und fing an zu kauen. Der Spie\u00dfbock musste viel gelaufen sein, das Fleisch war z\u00e4h und sehnig. Und vor allem: roh! Ich habe die Franzosen nie verstanden, die ihr Fleisch blutig essen. Aber wie sagt man so sch\u00f6n: In der Not frisst der Teufel Fliegen. Ich kaute lange an meinem ersten St\u00fcck. Wollte meinen Magen nicht \u00fcberstrapazieren. Und als ich also am Kauen bin &#8211; mit geschlossenen Augen, das blutige St\u00fcck in meinem Mund geniessend und mit Vorfreude auf viele weitere St\u00fccke \u2013 h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich etwas.<br \/>\nWenn man sich nach langer Zeit mal wieder rasiert, dann f\u00fchlt sich die Haut dann ganz ungewohnt an. Genauso erging es mir mit der Stille und diesem Ger\u00e4usch, welches nicht von mir kam. Ich \u00f6ffnete die Augen. Und ich erkannte einen L\u00f6wen. Erst konnte ich es nicht glauben. Ich musste fantasieren. Doch das Tier, welches langsam auf mich zukam, war echt. Ich erinnerte mich, die W\u00fcstenl\u00f6wen der Skelettk\u00fcste Namibias galten seit mehr als 20 Jahren als ausgestorben. Erst vor zwei Jahren hatte man die ehemaligen K\u00f6nige der Wildnis in einem kleinen Tal wiederentdeckt. Eine Sensation. Seitdem versuchte man, die Population der W\u00fcstenl\u00f6wen wieder zu steigern. Mittlerweile waren sie einer Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr Touristen, nach Namibia zu kommen.<br \/>\nDas Tier vor mir hatte sich auf jeden Fall weit in die W\u00fcste getraut. Das hie\u00df einerseits, ich war nicht so weit von der K\u00fcste entfernt wie ich dachte. Andererseits hatte ich jetzt ein gro\u00dfes Problem. Mein erster Reflex war die Flucht. W\u00e4re ich nicht so ersch\u00f6pft gewesen, h\u00e4tte ich Fersengeld gegeben. Aber meine fehlende Kraft gab mir die Freiheit der Entscheidung. Ich sah zwei Alternativen. Nummer eins war aufstehen, das Essen hinter mir lassen und fl\u00fcchten. F\u00fcr den Fall, dass mir der L\u00f6we nicht hinterherhetzte, w\u00fcrde ich in den n\u00e4chsten paar Tagen in der W\u00fcste verhungern. Nummer zwei hie\u00df sitzenbleiben und weiteressen. Dann w\u00fcrde der L\u00f6we mich wahrscheinlich einfach hier reissen. Ich hatte also die Freiheit, zwischen zwei fast sicheren Todesm\u00f6glichkeiten zu entscheiden. Mein Trotz und mein Stolz meldeten sich. Wenn ich schon sterben w\u00fcrde, dann wollte ich nicht auf der Flucht sterben! Also schluckte ich das erste St\u00fcck Fleisch herunter, blieb sitzen und schnitt ein weiteres St\u00fcck aus dem Bock.<br \/>\nAls der L\u00f6we wieder n\u00e4her kam und die Z\u00e4hne fletschte, bereute ich meine Entscheidung schon. Dennoch blieb ich sitzen. Hunde konnten Angst anscheinend riechen. L\u00f6wen auch? Ich wusste es nicht. Es war im Grunde aber auch egal. Das Tier kam langsam auf mich zu. Sah mich dabei mit einem tiefen Blick an. Ich mochte die Bewegungen von Raubkatzen. Der majest\u00e4tische Gang. Die Schulterbl\u00e4tter, welche bei jedem Schritt sichtbar wurden. Die Muskeln, die unter dem Fell spielten. Dann stand das Tier vielleicht noch eine Arml\u00e4nge von mir weg. Trotzig schnitt ich weiter am Fleisch rum, ohne aber das Tier aus den Augen zu lassen. Der L\u00f6we sah mich weiter an. Fletschte die Z\u00e4hne. Dann lies er sich langsam vor mir nieder. Wie die Sphinx in Kleinformat. Und zwischen uns lag meine Mahlzeit. Ich schnitt mein zweites St\u00fcck Fleisch aus dem Spie\u00dfbock und steckte es in den Mund. Der L\u00f6we sah mich noch einen Moment an, legte dann eine Pfote auf das tote Tier zwischen uns, fuhr mit dem Maul \u00fcber das Fell und riss dann ein blutiges St\u00fcck aus dem Bock. Verbl\u00fcfft sah ich der kauenden Raubkatze zu. Ich wusste, L\u00f6wen essen auch Aas, aber nur in Ausnahmesituationen und dann wird auch jeder vertrieben, der das Essen streitig macht.<br \/>\nDer Hunger liess meine Gedanken hinter sich. Schweigend sa\u00dfen wir beide in der Sonne und a\u00dfen. Respektvoll liess ich meine Finger vom Bock, wenn der L\u00f6we gerade daran riss. Genauso geduldig schien er aber auch mir gegen\u00fcber zu sein. Er n\u00e4herte sich mit seiner mittlerweile blutigen Schnauze erst wieder dem Fleisch, wenn ich mir ein St\u00fcck abgeschnitten hatte.<br \/>\nMeine Furcht vor dem L\u00f6wen hatte sich ein bisschen gelegt, nach einiger Zeit. Ich tr\u00f6stete mich dann auch noch mit dem Gedanken, wenn er mich jetzt anfallen sollte, k\u00f6nnte ich mit dem Messer zustechen. Ich h\u00e4tte wahrscheinlich dennoch \u00fcberhaupt keine Chance gehabt.<br \/>\nIch musste aufpassen. Nach mehreren Tagen ohne Essen wollte ich mir das Fleisch nicht gleich nochmal durch den Kopf gehen lassen. Ich legte eine Pause ein und sah dem L\u00f6wen zu, wie er sich durch den Kadaver w\u00fchlte. Dann irgendwann putzte er sich mit Pfote und Sand das Maul sauber und stand auf. Ich stockte. Dann drehte sich das Tier um und ging. Ich starrte. Bis es mehrere hundert Meter weg war. Dann widmete ich mich wieder dem Fleisch. Irgendwann war auch ich fertig. Meine H\u00e4nde, mein Gesicht und das Messer. Alles war blutverschmiert. Und jetzt, wo ich keinen Hunger mehr hatte und das Blut langsam trocknete, sah ich mir das ausgeweidete Tier an und versuchte noch irgendeine Spur des L\u00f6wen auszumachen. Ich musste eine Halluzination gehabt haben! Hatte ich gerade zusammen mit einem L\u00f6wen einen Spie\u00dfbock ausgeweidet? Unm\u00f6glich! Mein verdorrtes Hirn musste mir einen Streich gespielt haben.<br \/>\nIch erhob mich von dem Stein und lief weiter. Zumindest hatte ich jetzt keinen Hunger mehr und nach langer Zeit mal wieder etwas anderes als Sand gesehen. Auch wenn ich mir einzureden versuchte, dass es nicht echt gewesen sein konnte.<br \/>\nAm Abend des achten Tages erlebte ich den lange gef\u00fcrchteten Sandsturm. Es fing als kleiner Windsto\u00df an, der k\u00fchlend durch meine Kleidung Strich. Doch viel zu schnell wurde daraus ein Wind, gemischt mit Sand, sodass die Sicht auf wenige Meter beschr\u00e4nkt war.<br \/>\nDann traf ich endlich auf die Skelettk\u00fcste. Ironie, mal wieder, dass die K\u00fcste meine Rettung vor dem Sturm sein sollte. Skelettk\u00fcste hie\u00df die Gegend aufgrund der vielen, die ihr Leben lassen mussten, nachdem sie mit ihren Schiffen und Booten hier gestrandet waren. Eines dieser Boote musste ich nun finden, um mich darin vor dem Sturm zu sch\u00fctzen. Ich hastete so schnell ich konnte am Strand entlang zu der dunklen Erhebung, die ich im Sturm ausmachen konnte. Das Laufen wurde immer problematischer, denn so nah am Wasser mischte sich die Luft nicht nur mit Sand, sondern wurde auch noch feucht. Der Matsch hing in meinen Kleidern als ich das erste Wrack erreichte. So schnell es mein untrainierter und geschundener K\u00f6rper schaffte, schlupfte ich durch ein verrostetes Loch in den Rumpf des Kahns. Kniend kroch ich in das d\u00e4mmrige Innere. Pl\u00f6tzlich erstarrte ich. In der Dunkelheit vor mir strahlen mir zwei Augen entgegen. Wie von einer Katze, nur gr\u00f6\u00dfer. Meine Augen gew\u00f6hnten und ich erkannte das blutverschmierte Maul. Schei\u00dfe. Und das gleich zweimal. Schei\u00dfe zum ersten, ich hatte nicht halluziniert. Ich hatte mit einem L\u00f6wen gegessen! Und schei\u00dfe zum zweiten, genau der L\u00f6we lag an dem einzig sicheren Platz vor dem Sturm. Ich hatte wieder meine Freiheit. Ginge ich wieder raus in dem Sturm, k\u00f6nnte ich in ihm sterben. Bliebe ich bei dem L\u00f6wen, k\u00f6nnte ich durch ihn sterben.<br \/>\nIch wei\u00df, man sollte sein Gl\u00fcck nicht \u00fcberstrapazieren, ich wei\u00df auch, man sollte sich eigentlich nicht in der N\u00e4he eines L\u00f6wen aufhalten, besonders, wenn dieser Hunger haben k\u00f6nnte. Ich wei\u00df aber nicht, was mich geritten hat. Ich sch\u00fcttelte den nassen Sand von meinen Klamotten und kroch langsam weiter in die Dunkelheit. Der Sturm draussen toste und pfiff durch das Wrack, aber je n\u00e4her ich dem Tier kam, desto stiller wurde es. Ich wagte es nicht, die Raubkatze zu ber\u00fchren, aber ich lehnte mich in ihrer N\u00e4he gegen die rostige Wand des Wracks. Der L\u00f6we sah mich noch eine Weile mit seinen gl\u00fchenden Augen an, dann legte er sein Haupt auf seine Pfoten. Zeit verlor angesichts des sausenden Winds die Bedeutung. Irgendwann wurde aus dem d\u00e4mmrigen Licht Dunkelheit. Aber der Sturm tobte weiter. Irgendwann wurde es kalt. Das rostige Metall in meinem R\u00fccken k\u00fchlte schnell ab. Ich zog meine Beine an mich und wickelte mich enger in die Schichten der Kleider ein. Dann sp\u00fcrte ich neben mir eine Bewegung. Der L\u00f6we r\u00fcckte n\u00e4her zu mir. Durch die Stoffschichten hindurch sp\u00fcrte ich den warmen K\u00f6rper. Angespannt zuckte ich immer zusammen, wenn sich die Muskeln des Tiers bewegten. Ich bef\u00fcrchtete, pl\u00f6tzlich die Z\u00e4hne des L\u00f6wen irgendwo in meinem Fleisch zu sp\u00fcren. Vergebens. Irgendwann entspannte ich mich. Schmiegte mich noch ein bisschen n\u00e4her an das Tier. Schlief ersch\u00f6pft ein.<br \/>\nWie in einem Zelt, welches in der prallen Sonne steht, wurde es irgendwann unertr\u00e4glich hei\u00df in dem Wrack. Ich erwachte. Allein. Ich h\u00f6rte aber Stimmen. Menschliche Stimmen, die sich in der N\u00e4he des Wracks befinden mussten. Benommen kletterte ich aus dem rostigen Kahn und stand zwei verbl\u00fcfften M\u00e4nnern gegen\u00fcber. Die beiden Mitarbeiter des Skeleton Coast Park sagten mir, ich k\u00f6nnte meinem Gott danken, sie seien eigentlich nicht so weit draussen. Sie waren nur dem L\u00f6wen gefolgt. L\u00f6wen sind immer eine Gefahr f\u00fcr die Besucher des Parks. Zwischen mir und den beiden lag der L\u00f6we. Das Blut des Bocks klebte immer noch an seinem Maul. Sein eigenes verlief langsam im Sand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war der achte Tag, nachdem mein rostiger Vogel den staubigen Boden gek\u00fcsst hatte. Acht lange Tage war ich nun schon in dieser W\u00fcste, die tags\u00fcber so hei\u00df war wie die H\u00f6lle und nachts so kalt wie das Herz mancher Frauen. 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