{"id":642,"date":"2009-05-12T17:26:42","date_gmt":"2009-05-12T16:26:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=642"},"modified":"2009-05-12T17:26:42","modified_gmt":"2009-05-12T16:26:42","slug":"text-warum-ich-schreibe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/05\/12\/text-warum-ich-schreibe\/","title":{"rendered":"Text: Warum ich schreibe"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal helfe ich bei der Essensverteilung an die Obdachlosen, nur um ein ehrliches Danke von einem Menschen zu h\u00f6ren. <!--more--><br \/>\nAnfangs hatten sie mich selbst f\u00fcr einen Autonomen gehalten, ich mit meinen langen Haaren, dem dauerndem Stoppelbart, und der schwarzen Kleidung. Doch mittlerweile wissen sie wer ich bin, wenn sie meinen schwarzen Hut durch die T\u00fcr schlendern sehen.<br \/>\n\u201eAch, da kommt der Schreiber.\u201c<br \/>\nIch glaube nicht, dass sie meinen richtigen Namen \u00fcberhaupt wissen. Ich bin mir nicht mal sicher ob ich ihn selbst noch wei\u00df.<br \/>\nEines Tages gesellte sich ein junger Kerl zu mir. Einer, f\u00fcr den das Leben noch sch\u00f6n ist und die Sorgen ertragbar sind. Er stellte sich neben mich und wartete, bis ich ihn bemerkte und ansah.<br \/>\n\u201eDu bist der Schreiber?\u201c<br \/>\nIch war nicht in der Stimmung, freundlich zu sein, doch manchmal muss man anders sein als man sein will. Also nickte ich und kaute weiter auf meinem Brot herum. Je l\u00e4nger man auf Brot herumkaut, desto s\u00fc\u00dfer wird es. Wenn ich es lange genug gekaut habe, spucke ich es in meinen Kaffee und r\u00fchre es um. Nicht das ich kein Geld habe, aber das hat mir mein Vater beigebracht und der hatte keines. Und ein guter Sohn vergisst nie.<br \/>\nDas Greenhorn neben mir nickte wissend und sah mich wieder an. Kennen sie das Gef\u00fchl, beim Essen beobachtet zu werden? Das kann verdammt unangenehm werden. Aber ich hab meine Art zu essen und dieser Typ w\u00fcrde nichts dagegen tun k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eWarum nennt man sie so?\u201c<br \/>\nIch sah ihn nicht mal mehr an. Solche Gespr\u00e4che hatte ich schon zu oft gef\u00fchrt. Es war wie Schachspiel, bei dem ich alle Variationen und Z\u00fcge kannte. Und somit war das Spiel langweilig.<br \/>\n\u201eWeil ich es bin. Ich schreibe.\u201c<br \/>\n\u201eWarum schreiben sie?\u201c<br \/>\nIch hab es gewusst! Immer das Gleiche! Warum\u2026 Moment, er hat ja gar nicht gefragt was ich schreibe, sondern warum. Ich stutzte und sah ihn an. Was soll der Stuss? Ich frag\u2019 ihn doch auch nicht, wieso er hier bei der Essensausgabe ist.<br \/>\n\u201eWeil\u2019s mir Spa\u00df macht.\u201c<br \/>\nM\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6p! L\u00fcge! Aber wer Geschichten erfindet, kann auch L\u00fcgen ohne rot zu werden. Und genau genommen L\u00fcge ich nicht, ich habe der Wahrheit ein sch\u00f6neres Kleid angezogen. Der Junge schnallt endlich, dass ich weder Lust noch Bock hab, in diesem Moment \u00fcber den Grund meines Schreibens zu reden. Er nickt noch mal, schaut betreten zu Boden und verschwindet in eine Ecke des Raumes.<br \/>\nIch stehe immer noch da wie vor 5 Minuten, aber es hat sich etwas ge\u00e4ndert. Jetzt muss ich mich mit etwas auseinandersetzen, das ich bis jetzt immer umgangen habe.<br \/>\nWarum schreibe ich? Weil ich etwas den Menschen geben will.<br \/>\nHm\u2026 w\u00e4re mein Kopf eckig, m\u00fcsste dieser Gedanke sich in die Ecke stellen und sch\u00e4men, den er ist schlicht und einfach falsch. Ich schreibe aus verschiedenen Gr\u00fcnden. Aber das hier ist keiner davon.<br \/>\nDas Leben ist zu kurz um zu geben, man sollte nehmen soviel man bekommt. Hier bin ich um mir ein paar ernst gemeinte Danksagungen einzusammeln. Schreiben tue ich um Komplimente zu bekommen. Im Grunde genommen sind Schreiberlinge die gr\u00f6\u00dften Egoisten der Welt. Sie reden tausend Seiten lang \u00fcber eine Welt in denen es nur um sie geht. Und sie kassieren auch noch Geld daf\u00fcr. Das ist wie wenn ein Psychiater einem Patienten Geld geben w\u00fcrde damit er sich seine Probleme anh\u00f6ren darf. Nichts anderes ist schreiben. Nur dass es viele Psychiater und Gaffer sind, die deine Probleme lesen und analysieren.<br \/>\nSagt mir, wozu haben wir Freunde? Freunde sind dazu da, dich f\u00fcr das zu loben was du tust. Der Mensch lebt in Selbstzweifel und deshalb holt er sich Freunde die ihn best\u00e4tigen. Und das ist einer der Gr\u00fcnde weshalb ich schreibe. Ich schreibe und zeige es Menschen, die mich daf\u00fcr loben. Ich schaue ihnen zu, wenn sie es lesen und ich wei\u00df wo sie sind wenn sie die Stirn runzeln oder grinsen oder den Kopf sch\u00fctteln. Aber war das immer so?<br \/>\nIch schaue zu dem Jungen r\u00fcber und dieser l\u00e4chelt. Er steht\u00a0 auf und kommt r\u00fcber. Dr\u00fcckt mir ein Magazin in die Hand, hebt seine Hand zum Gru\u00df und verl\u00e4sst den Raum. Das Magazin ist vergilbt, ca. 10 Jahre alt. Ein Zettel steckt zwischen zwei Seiten. Ich setze mich auf den Stuhl hinter mir, schlage die markierte Seite auf und fange an zu lesen:<\/p>\n<p>Warum ich schreibe<br \/>\nSeit mehr als einem Jahrzehnt f\u00fchre ich meine Feder und versetze Menschen in andere Welten. Und in dieser ganzen Zeit wurde ich oft gefragt, was ich schreibe und was ich damit bezwecke. Doch es scheint keinen zu interessieren, wieso ich das tue. Also habe ich zur\u00fcckgefragt, warum denken sie, schreibe ich. Die Antworten waren oft \u00e4hnlich. Wegen des Geldes, oder weil es mir Spa\u00df macht.<br \/>\nAber das ist nicht wahr. Ich habe nicht angefangen zu schreiben, weil ich Geld brauchte, es gibt viele M\u00f6glichkeiten, schneller an Geld zu kommen. Und Spa\u00df? Nein. Spa\u00df macht das Schreiben auch nicht. Es ist anstrengend. Wenn ich einen guten Gedanken habe oder eine Idee, dann habe ich Spa\u00df an der Idee, aber das Aufschreiben macht keinen Spa\u00df, denn einen Gedanken aufzuschreiben dauert l\u00e4nger als ihn zu formulieren.<br \/>\nAber diese Gedanken sprie\u00dfen aus meinem Kopf, bl\u00fchen auf und verdorren und alles was mir bleibt sind die Samen der Erinnerung.<br \/>\nMeine Muttersprache umfasst 26 Buchstaben, 10 Ziffern und ein paar Sonderzeichen. Kaum 50 Symbole, die zur Verf\u00fcgung stehen. Und seit jeher versuchen Menschen, die gesamte Welt mit diesen Symbolen wiederzugeben. Doch das geschriebene Wort ist die niederste Form der Kommunikation. Beschreiben sie zwei Menschen eine bestimmte Blume, jeder von ihnen drei wird sich eine andere vorstellen. Warum also habe ich, der das Wort nicht mag, jenes Handwerk aufgegriffen, welches mit reinen Worten arbeitet?<br \/>\nGerade deswegen. Alles was ich je geschrieben habe und was ich je schreiben werde ist nichts anderes als der Versuch die Worte so zu verwenden, dass sie getreu das wiedergeben was ich f\u00fchle. Ich schreibe tausende Variationen vom Verst\u00e4ndnis der Welt, besonders der Liebe und biete sie meinen Lesern an, sie sollen sich ihre eigene passende Umschreibung heraussuchen. Ich schreibe nicht aus Spa\u00df, sondern ich suche gewissenhaft und hart eine M\u00f6glichkeit, Worten Gewicht zu verleihen.<br \/>\nEs ist nicht leicht, glauben sie mir. Aber ich hege doch die Hoffnung, irgendwann die Buchstaben zu Worten zusammenzufassen, die in den Herzen der Menschen etwas \u00f6ffnen und sie ber\u00fchren. Deswegen schreibe ich.<\/p>\n<p>Unter dem Artikel steht ein Name &#8211; und ich erinnere mich daran, dass es mein eigener ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal helfe ich bei der Essensverteilung an die Obdachlosen, nur um ein ehrliches Danke von einem Menschen zu h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[1238,2301,2845,3206],"class_list":["post-642","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schreiben","category-texte","tag-gedankenspaziergange","tag-mokita","tag-schreiben","tag-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=642"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/642\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}