{"id":6393,"date":"2018-09-14T10:15:52","date_gmt":"2018-09-14T09:15:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=6393"},"modified":"2018-09-14T10:15:52","modified_gmt":"2018-09-14T09:15:52","slug":"wie-nina-george-und-der-vs-unser-internet-kaputt-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2018\/09\/14\/wie-nina-george-und-der-vs-unser-internet-kaputt-machen\/","title":{"rendered":"Wie Nina George und der VS unser Internet kaputt machen"},"content":{"rendered":"\n<p>Das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/EU-Parlament-Plattformen-haften-fuer-Urheberrechtsverletzungen-der-Nutzer-4162837.html\">EU-Parlament hat f\u00fcr eine dubiose Urheberrechtsreform gestimmt<\/a>,\u00a0und ich finde es ziemlich schei\u00dfe, weil es komplett gegen meine Vorstellung von einem freien Internet und von Kreativit\u00e4t geht. Noch viel schlimmer aber ist die <a href=\"https:\/\/vs.verdi.de\/presse\/pressemitteilungen\/++co++8736d184-b6a0-11e8-86eb-52540066e5a9\">Freude von Nina George und des Verbands der Schriftsteller (VS)<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor zwei Jahren hielt Nina George eine Rede bei den Leipziger Buchtagen, die <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2016\/06\/26\/kommentar-zu-wahre-worte-nina-georges-rede-bei-den-buchtagen-2016-in-leipzig\/\">extrem polemisch und problematisch war und tats\u00e4chlich nur dazu diente, Menschen Angst zu machen<\/a>. Seitdem wird Frau George in Schriftstellerkreisen als Sprachrohr der <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2016\/10\/26\/ich-bin-es-muede-euch-jammern-zu-hoeren\/\">armen und ausgebeuteten Schriftsteller<\/a> gesehen und ist in dieser Funktion Mitglied des Bundesvorstandes des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und Beauftragte f\u00fcr das Ressort Urheberrecht. Wie im oben verlinkten Artikel ausgef\u00fchrt, finde ich ihre Argumentation sehr gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbSeit siebzehn Jahren warten Europas Kreativschaffende und ihre Branchenpartner auf eine rechtliche Grundlage f\u00fcr gerechte Verg\u00fctungen bei der Nutzung ihrer Werke im Internet. Die Entscheidung des Parlaments ist ein dreifaches Ja: zur Verantwortung, zur Kulturvielfalt im Internet, aber auch zum Schutz und zur Freiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher\u00ab, so Nina George, Mitglied des Bundesvorstandes und Beauftragte f\u00fcr das Ressort Urheberrecht.<\/p><cite>Aus der <a href=\"https:\/\/vs.verdi.de\/presse\/pressemitteilungen\/++co++8736d184-b6a0-11e8-86eb-52540066e5a9\">Pressemitteilung des VS<\/a><br\/><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Urheberrechtsreform wird hier als gro\u00dfe Neuerung und Verbesserung angepriesen, und scheinbar gibt es besonders unter den schreibenden Menschen die Hoffnung, endlich von ihren Werken leben zu k\u00f6nnen. Ich glaube, dass Nina George genau deshalb so viel Zustimmung erf\u00e4hrt. Jeder will endlich f\u00fcr seine Werke gerecht entlohnt werden, und diese Reform soll das richten. Aber das wird nicht passieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen nicht dar\u00fcber reden, dass Diebstahl und Piraterie illegal sind und nicht passieren sollten und wir Wege finden m\u00fcssen, diese zu unterbinden oder wenigstens f\u00fcr Nutzer unattraktiv zu machen. Aber die L\u00f6sungen, die in der aktuellen Reform angesprochen werden, werden nicht funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;gerechte Verg\u00fctung&#8220; soll einerseits \u00fcber das Leistungsschutzrecht erreicht werden, andererseits \u00fcber die Inpflichtnahme der sozialen Netzwerke und Plattformen, die von Usern hochgeladenen Dateien vorab auf Urheberrechtsverletzungen zu \u00fcberpr\u00fcfen und die Ver\u00f6ffentlichung zu unterbinden. Im folgenden Uploadfilter genannt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Uploadfilter<\/strong> sollen also verhindern, dass illegale Dateien verbreitet werden. Ein Algorithmus entscheidet, ob die hochgeladene Datei eine Urheberrechtsverletzung darstellt. \u00c4hnliche Filter setzen YouTube, Instagram und Facebook schon l\u00e4nger ein, um beispielsweise Bilder von weiblichen Nippel zu unterbinden. Problem ist: Bisher gibt es keinen Algorithmus, der das richtig kann. Stattdessen <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2018\/not-heidis-girl-wie-youtube-eine-kampagne-gegen-sexismus-ausbremste\/\">bremst YouTube eine Kampagne gegen Sexismus<\/a> aus, und Facebook l\u00f6scht nicht nur &#8222;echte&#8220; Nippel, sondern weist auch <a href=\"https:\/\/www.ksta.de\/panorama\/offener-brief-an-mark-zuckerberg-facebook-loescht-rubens-gemaelde-wegen-nackter-brueste-31008460\">Bilder von Kulturg\u00fctern wie alten Gem\u00e4lden ab<\/a>, sodass es Museen erschwert wird, sich in den sozialen Medien und nah an einer jungen Zielgruppe zu vermarkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird noch lange keinen Algorithmus geben, der zwischen einem Zitat, eine Parodie, einem Remix oder eben einer wirklichen Verletzung unterscheiden kann. Angesichts der hohen Strafen f\u00fcr die Plattformen bei Verletzung des Gesetzes werden diese ihre Filter eher sch\u00e4rfer einstellen und lieber zu viel filtern. Das bedeutet vielleicht weniger illegale Kopien gesch\u00fctzter Werke in den sozialen Netzwerken. Das bedeutet aber auch, dass beispielsweise <a href=\"https:\/\/giphy.com\/\">gifs<\/a>\u00a0nicht mehr hochgeladen werden k\u00f6nnen, wir im Zweifelsfall <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/explore\/tags\/bookstagram\/\">keine Bilder von sch\u00f6nen Buchcovern<\/a> mehr machen k\u00f6nnen, mit denen wir unsere Instagramkan\u00e4le f\u00fcllen und Frau George keine Werbung mehr f\u00fcr schreibende Kolleginnen unter dem Hashtag <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/nina.george.9\/posts\/1290345081003319?__xts__[0]=68.ARDhhTLzQPvbfPi6upWy9JS6TR7W0Cay8I7PT-B9HwUVVmakC66ic958nJtOCk9rRmQJ7ZIVH7ej55rN7z-HY8z-bzX4LDYaQoyagIVoVvDvHDCmav6SG6P_1M0uYp8k6U8NNoC6D83B7qylE5IqulHNHCRynZYyiNIW1OPVX7aL3lKgllEnUg&amp;__tn__=-R\">#Autorinnenzeit<\/a> machen kann, weil diese Screenshots als Urheberrechtsverletzung gedeutet werden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gewiss, auf einigen Plattformen k\u00f6nnten weniger illegale Kopien zu finden sein. Aber eben auch alles andere, das unsere Art, zeitgem\u00e4\u00df zu kommunizieren ausmacht. Und es bedeutet nicht, dass es keinerlei Piraterie mehr g\u00e4be. Weil die Verteilung \u00fcber diese Plattformen nur einen Teil der Vertriebswege ausmacht. Die Portale, die schon jetzt nur f\u00fcr die illegalen Kopien existieren, werden sich nicht an dieses weitere Gesetz halten. Und wenn jemand etwas illegal und kostenlos haben will, wird er einen Weg finden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leistungsschutzrecht_f%C3%BCr_Presseverleger\">Leistungsschutzrecht<\/a><\/strong>, welches nun EU-weit eingef\u00fchrt werden soll, gibt es schon seit 2013 in Deutschland. Es sollte dazu f\u00fchren, dass Verlage und Autoren besonders von Google an den Werbeeinnahmen beteiligt werden, die Google durch die Verwendung von Textabschnitten (Snippets) und Verlinkungen generiert. Schon damals wurde davor gewarnt. Es wurde dennoch durchgesetzt. Google drohte damit, keine Links mehr zu den Medienh\u00e4usern und Verlagen zu setzen. Dann:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Kurz vor Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts wurde am 30. Juli 2013 bekannt, dass viele der st\u00e4rksten Bef\u00fcrworter des Gesetzes, darunter die Verlage Axel Springer, Burda und FAZ, durch Annahme des von Google geforderten \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Opt-In\">Opt-In<\/a>\u201c einer weiteren unentgeltlichen Listung in\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Google_News\">Google News<\/a>\u00a0zugestimmt haben.<\/p><cite>Aus dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leistungsschutzrecht_f%C3%BCr_Presseverleger#Reaktionen_auf_die_Einf%C3%BChrung\">Wikipediaartikel<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hei\u00dft: Der Schaden f\u00fcr die Verlage w\u00e4re gr\u00f6\u00dfer, wenn sie <i>gar nicht<\/i> bei Google auftauchen w\u00fcrden, als dass sie es kostenlos tun. Und dieses neue Gesetz soll nun in der ganzen EU daf\u00fcr sorgen, dass die Verlage und Autoren mehr Geld bekommen? Meine Vorhersage: Google bekommt wieder seine Gratislizenz der meisten Verlage, weil sie es sich nicht leisten k\u00f6nnen, nicht von Google gelistet zu werden. Aber die Versch\u00e4rfung f\u00fchrt dazu, dass kleinere Anbieter nicht mehr auf die Verlage verlinken werden. Im schlimmsten Fall kann ich bei einer Buchbesprechung nicht mehr auf den Verlag verlinken, weil ich nicht daf\u00fcr zahlen kann und m\u00f6chte. In meinen Augen verlieren die Verlage dadurch mehr, als sie verdienen k\u00f6nnten. Und selbst, wenn sie etwas verdienen sollten, <a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/leistungsschutzrecht-so-viel-geld-wuerden-die-verlage-von-google-bekommen-1809-136436.html\">gingen knapp zwei Drittel aller Einnahmen im deutschen Raum an die Axel-Springer-Gruppe<\/a>. Es sind also mitnichten die kleinen (Buch-)Verlage und Autoren, die durch diese Regelung besser bezahlt werden w\u00fcrden. Eine von der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/digital\/internet\/2017-12\/leistungsschutzrecht-presseverleger-eu-kommission-haelt-studie-zurueck\">EU-Kommission zur\u00fcckgehaltene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das bereits existierende Leistungsschutzrecht der deutschen Medienlandschaft schadet<\/a> und die Ausweitung desselbigen all das nicht besser macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Monaten versuchen mehrere Gruppen, unter anderem unter dem Begriff <a href=\"https:\/\/savetheinternet.info\/\">#savetheinternet<\/a>, auf genau diese Probleme hinzuweisen und zu warnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der VS und Nina George nennen diese Aufkl\u00e4rung &#8222;Desinformationskampagne&#8220; und &#8222;von Techgiganten inszenierte Meinungsmache&#8220; und stellen diese &#8222;als Gefahr f\u00fcr demokratische Prozesse&#8220; dar. Dabei ist es genau andersherum! Vielleicht werden ein paar illegale Vertriebswege gesperrt. Die &#8222;Anbieter&#8220; werden sich neue suchen. Gleichzeitig aber wird vieles kaputt gemacht, was Teil des Internets ist, in dem ich mich gerne aufhalte und einen signifikanten Teil meiner Art zu kommunizieren darstellt. Dieser demokratische Dialog wird gest\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht falsch verstehen: Auch ich bin f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung des Urheberrechts, f\u00fcr eine Unterbindung illegaler Aktivit\u00e4ten und sehe die Macht gro\u00dfer Firmen kritisch. Es gibt viele verbesserungsw\u00fcrdige Dinge, Dinge f\u00fcr und gegen die wir uns einsetzen m\u00fcssen. Aber nicht auf die Art und mit dem Kollateralschaden, den diese Reform mit sich zu bringen droht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Buchbranche hat seit Jahren Angst um ihre alten und eingefahrenen Vertriebswege, und sie wiederholt die Fehler der Musik- und Filmindustrie. Sie klammert sich an jeden Versuch, auf irgendeine Art noch mit alten Strukturen Geld zu verdienen, <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2015\/07\/20\/5-dinge-die-verlage-besser-machen-koennten\/\">statt sich der Aufgabe zu stellen, in unserem neuen Alltag Wege zu finden, das Buch zu vermarkten<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freude von Nina George und des VS scheint mir ein Teil dieses Festklammerns zu sein. Das macht mich sehr traurig, weil ich mir von einem Verband schreibender Menschen mehr erhofft habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das\u00a0EU-Parlament hat f\u00fcr eine dubiose Urheberrechtsreform gestimmt,\u00a0und ich finde es ziemlich schei\u00dfe, weil es komplett gegen meine Vorstellung von einem freien Internet und von Kreativit\u00e4t geht. Noch viel schlimmer aber ist die Freude von Nina George und des Verbands der Schriftsteller (VS). 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