{"id":6197,"date":"2017-12-07T14:03:01","date_gmt":"2017-12-07T13:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=6197"},"modified":"2023-11-12T11:22:55","modified_gmt":"2023-11-12T10:22:55","slug":"eine-woche-im-hospiz-arbeiten-ein-bericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2017\/12\/07\/eine-woche-im-hospiz-arbeiten-ein-bericht\/","title":{"rendered":"Eine Woche im Hospiz arbeiten, ein Bericht."},"content":{"rendered":"<p>Ich schreibe an diesem Roman &#8211; <a href=\"https:\/\/www.haymonverlag.at\/produkt\/immer-noch-wach\/\">Immer noch wach<\/a> &#8211;\u00a0 und ein signifikanter Teil spielt in einem station\u00e4rem Hospiz. Meine Hospizerfahrung beschr\u00e4nkte sich bis vor kurzem auf das Wissen \u00fcber ihre Existenz. Da werden kranke Menschen beim Sterben begleitet. Das reicht aber nicht, um dar\u00fcber zu schreiben. Also habe ich mir ein paar Artikel und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hospiz\">ein<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.pflegewiki.de\/wiki\/Station%C3%A4res_Hospiz\">andere Wiki-Seite<\/a> durchgelesen, habe mir Dokumentationen angesehen und mit Leuten geredet, die im Hospiz arbeiten. Und das war ein eklatanter Unterschied.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Erz\u00e4hlungen sehr warm und wohlwollend, sehr menschlich und nah waren, hatte jede Dokumentation einen beklemmenden, distanzierten und betroffenen Beigeschmack. Jede Dokumentation beinhaltet den Satz &#8218;man darf dort auch lachen&#8216; und jedes Mal f\u00fchlt es sich gesagt, aber nicht gemeint an. Also es selbst erleben, ein paar Tage mitlaufen und alle Fragen stellen.<\/p>\n<p>Ich war mir nicht sicher, wie ein Hospiz auf so eine Anfrage reagieren w\u00fcrde und h\u00e4tte es verstanden, wenn ich aus Gr\u00fcnden des Respekts und der Piet\u00e4t nicht h\u00e4tte kommen d\u00fcrfen. Also schrieb ich eine lange Nachricht, in der ich sagte, dass es mir um die akkurates und warmes Bild eines Alltags im Hospiz ging. Dass ich\u00a0<span class=\"s1\">\u00fcber den Weg des Romanes die Relevanz, die Arbeitsweise und die Wichtigkeit von Hospizen aufzeigen und Menschen nahebringen wollte.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der Nachricht folgte ein Telefonat und dann war klar, dass ich eine Woche mitarbeiten w\u00fcrde. Wenn ich schon da war, dann nicht nur als Zuschauer, sondern als Praktikant, der auch Aufgaben \u00fcbernimmt. Und auch nur als Ausnahme f\u00fcr lediglich eine Woche, normalerweise geht nichts unter vier Wochen. Vor dieser Woche sollte ich zuerst einmal vorbeikommen, mir alles ansehen und dann entscheiden, ob ich die Woche machen wollte.<\/p>\n<p>Kurz vor dem ersten Besuch hatte ich extremen Respekt und Zweifel, ob ich wirklich eine Woche lang dort zubringen w\u00fcrde. Dort zubringen k\u00f6nnte. Ich kann kein Blut sehen, bin viel zu emphatisch und fantasievoll, was Schmerzen angeht. Beschreibt mir jemand seine, sp\u00fcre ich sie selbst. Ich muss auch bei B\u00fcchern, Filmen und Serien manchmal pausieren, wenn es mir zu explizit wird. Wollte ich wirklich eine Woche lang Menschen beim Sterben begleiten?<\/p>\n<p>Ich komme im Hospiz an und sehe die brennende Kerze, das Signal, dass k\u00fcrzlich jemand verstorben ist. Dann muss ich warten, weil die Pflegerin, die mich herumf\u00fchren sollte, noch bei der Trauerfeier ist. Das f\u00e4ngt an, wie bef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Ich warte also, den Kopf gesenkt, die H\u00e4nde im Scho\u00df und betrachtete die Kerze und den Namen der Verstorbenen in einem Buch, welches davor lag. Kinderh\u00e4nde hatten bunte Schmetterlinge dar\u00fcber gemalt und einen steinernen Engel dazugelegt.<\/p>\n<p>Und dann kommt die Pflegerin, die mich begr\u00fc\u00dft hat, fragt mich nach meinen Computerkenntnissen und ob ich helfen k\u00f6nne. Kurz darauf stehe ich im Zimmer eines Gastes &#8211; es gibt im Hospiz keine Patienten, es gibt nur G\u00e4ste &#8211; und half, den Bundesliga-Livestream zu aktivieren.<\/p>\n<p>Danach esse ich Kuchen und lache \u00fcber einen makaberen Witz, beobachte, wie ein Gast dick eingepackt mit seinem Rollstuhl nach drau\u00dfen rollt, um eine Rauchen zu gehen. Um seinen Hals h\u00e4ngt die Schmerzmittelpumpe, die ihm best\u00e4ndig ein Morphin eingibt. Und wenn er doch noch Schmerzen hat, kann er sich einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bolus_(Medizin)\">Bolus<\/a> geben.<\/p>\n<p>Ich werde durch das Geb\u00e4ude gef\u00fchrt und erfahre in diesen ersten Stunden schon so viel \u00fcber das Leben und Arbeiten im Hospiz. Als ich nach Hause gehe, wei\u00df ich, dass ich f\u00fcr diese Woche wiederkommen werde. Weil, nat\u00fcrlich sterben dort Menschen und es ist ein sehr sehr trauriger Ort. Aber eben nicht nur. Insgesamt f\u00fchlt es sich nach ein paar Stunden eher nach einem Ferienlager an. F\u00fcr kranke Menschen zwar, die nie wieder nach Hause gehen, aber dennoch ein sch\u00f6ner Ort, in dem viel erlaubt ist.<\/p>\n<p>Also arbeite ich eine Woche mit, gebe Essen ein, pflege und sitze stundenlang bei Menschen. Halte ihre Hand und rede mit ihnen. Ich war mir ziemlich unsicher, wie die Menschen dort auf mich reagieren w\u00fcrden, ob sie offen mit mir reden w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich wurde ich extrem herzlich empfangen und jeder erz\u00e4hlte mir freigiebig. Von den PflegerInnen \u00fcber die G\u00e4ste, bis hin zur Pfarrerin und der \u00c4rztin, ich konnte alle Fragen stellen, die ich stellen wollte und erfuhr dar\u00fcber hinaus noch viel mehr.<\/p>\n<p>In meiner Zeit dort sterben zwei Menschen und fast jedes Schicksal dort macht mir klar, dass das Leben keine Geschichte ist, die zwangsl\u00e4ufig gut endet. Viel zu oft, k\u00f6nnen Menschen sich nicht von jenen verabschieden, von denen sie sich unbedingt verabschieden wollen. Schaffen es nicht nochmal, diesen Urlaub zu machen oder sich mit jenem Menschen zusammenzusetzen, um Dinge zu kl\u00e4ren, die jahrzehntelang nicht gekl\u00e4rt wurden.<\/p>\n<p>Diese Wahrheit &#8211; &#8222;Tue Dinge, die du tun willst, bevor es zu sp\u00e4t ist&#8220; wird uns regelm\u00e4\u00dfig, in allen m\u00f6glichen Filmen, Serien, B\u00fcchern, Liedern und Anekdoten eingetrichtert, sie ist so banal, wie kompliziert. Sie ist nichts neues. Sie aber auf diese Art zu erleben, ist viel eindr\u00fccklicher, als alles bisherige.<\/p>\n<p>Ich mache alles mit. Katheter setzen, blutige Verb\u00e4nde wechseln, Abschiedsfeiern beiwohnen. Alles mit einer absurden Distanz, auf der ich meine Seele halte, um diese Dinge erleben zu k\u00f6nnen, sie aufnehmen zu k\u00f6nnen. Sobald ich nach Hause komme, erz\u00e4hle ich meiner Freundin davon, lasse alles an mich heran und heule mich in den Schlaf. Um am n\u00e4chsten Tag wieder dort zu sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich am Eindr\u00fccklichsten, am Emotionalsten ist die Verbundenheit zweier Menschen. Eines Paares, das mehr als vierzig Jahre lang zusammen war und ein Mensch nun seinen Partner im Arm hat, w\u00e4hrend er wimmernd, verwirrt und traumatisiert im Bett liegt und so w\u00fcrdevoll wie m\u00f6glich von uns intim gepflegt wird. Unten wir, mit Gummihandschuhen und Waschlappen und Inkontinenzhosen. Oben sie, mit K\u00fcsschen und Kosenamen und intimer N\u00e4he. Skurriler konnte es nicht sein. Niemals habe ich bedingungsloser Liebe erlebt. Die Erinnerung daran dr\u00fcckt mir jedes Mal Tr\u00e4nen in die Augen.<\/p>\n<p>Nach einer Woche bin ich fertig. Ich umarme das Personal und wei\u00df, in irgendeiner Form werde ich wieder kommen. Ich bin sehr froh, diese Woche dort verbracht zu haben, an diesem herzlichen, warmen Ort, in dem extrem viel Dankbarkeit und Menschlichkeit vorhanden ist.<\/p>\n<p>Aber ich bin auch froh, dass es vorbei ist, weil dort extreme Emotionen in jede Richtung zum Vorschein kommen. Ich kann mich nicht emphatisch und menschlich um jemanden k\u00fcmmern, ohne ihn auch an mich heranzulassen. Es ist ein destilliertes, in k\u00fcrzester Zeit jemanden kennen und m\u00f6gen lernen, um ihn dann zu verlieren. Nun ist meine Zeit dort ein paar Tage her und ich knabbere immer noch an dem, was ich erlebt habe. Meine Hochachtung jedem, der diese Arbeit macht.<\/p>\n<p>Jeder sollte ein Hospiz zumindest mal f\u00fcr ein paar Stunden besuchen. Es kalibriert das Leben. Setzt Priorit\u00e4ten anders. Ich freue mich mehr und \u00e4rgere mich weniger. Ich verbringe Zeit mit Menschen bewusster und ich sage, was ich sagen will, auch wenn ich mich dabei manchmal dumm f\u00fchle. Daf\u00fcr bin ich dankbar. Ich hoffe, das h\u00e4lt eine Weile an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe an diesem Roman &#8211; Immer noch wach &#8211;\u00a0 und ein signifikanter Teil spielt in einem station\u00e4rem Hospiz. Meine Hospizerfahrung beschr\u00e4nkte sich bis vor kurzem auf das Wissen \u00fcber ihre Existenz. Da werden kranke Menschen beim Sterben begleitet. Das reicht aber nicht, um dar\u00fcber zu schreiben. 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