{"id":59,"date":"2009-01-07T19:20:24","date_gmt":"2009-01-07T18:20:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=59"},"modified":"2009-01-07T19:20:24","modified_gmt":"2009-01-07T18:20:24","slug":"codamis-blur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/codamis-blur\/","title":{"rendered":"Text &#8211; Codamis Blur"},"content":{"rendered":"<p>Mein Name ist Nigel Waiters. Ich verbringe sehr viel Zeit mit meinem Job.<br \/>\nIch bin Nachlassverwalter. Bei einem Todesfall k\u00fcmmere ich mich um die Sachen der Verstorbenen.<br \/>\nMeistens geht die Hinterlassenschaft an irgendwelche Erben, aber in F\u00e4llen, in denen es keine Erben gibt, k\u00fcmmere ich mich darum die Sachen loszuwerden.<br \/>\nEs ist sehr interessant. Ihr glaubt nicht, wie faszinierend es ist, in Kellern und Dachb\u00f6den herumzust\u00f6bern. Ich f\u00fchle mich jedes Mal wie ein kleiner Junge, der auf dem Speicher seiner Gro\u00dfmutter nach einem verborgenen Schatz sucht.<br \/>\nIch war gerade dabei, eine Anzeige f\u00fcr ein altes Schlafzimmer aufzugeben, als das Telefon klingelte.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n&#8222;Wer st\u00f6rt?&#8220; &#8211;<br \/>\n&#8222;Hey Nigel! Nicht so m\u00fcrrisch! Heute mal wieder ein schlechter Tag?&#8220; Pits Stimme sch\u00e4umte mal wieder vor Fr\u00f6hlichkeit.<br \/>\n&#8222;Schlecht ist gar kein Ausdruck! Der Tag l\u00e4uft beschissen! Ich kriege dieses bl\u00f6de Schlafzimmer nicht los! Wer steht heute noch auf elend schweres Kirschholz und Verzierungen ohne Ende?&#8220; Bevor ich mich weiter aufregen konnte, plapperte Pit los.<br \/>\n&#8222;Hey, schalt mal kurz auf &#8218;zuh\u00f6ren&#8216;! Ich hab&#8216; was Neues f\u00fcr dich.&#8220; Pit war mein Agent f\u00fcr Todesf\u00e4lle. Er hatte mir schon lange keinen Fall mehr gebracht. Irgendwie verga\u00df die Welt zurzeit, dass mal wieder ein paar Menschen sterben sollten! Schlie\u00dflich lebte ich doch davon. Wenn das so weitergehen w\u00fcrde, w\u00e4re ich bald arbeitslos! Jetzt war ich neugierig.<br \/>\n&#8222;Red schon!&#8220; &#8211;<br \/>\n&#8222;&#8218;Kay, die Facts. Autounfall. 4 Tote, die Eltern und zwei Kinder. Der Mann hie\u00df Joshua Leeds. Hat manchmal Artikel f\u00fcr die Times geschrieben. Aber eher aus Vergn\u00fcgen. Die ganze Familie ist ziemlich reich.&#8220;<br \/>\n&#8222;Was hei\u00dft &#8218;ziemlich&#8216;?&#8220; unterbrach ich Pit.<br \/>\n&#8222;2 Villen, 3 Autos, und eine dicke Brieftasche, wenn du verstehst was ich meine.&#8220; Wenn Pit &#8218;eine dicke Brieftasche&#8216; sagte, dann war es eine dicke Brieftasche, das war sicher.<br \/>\n&#8222;Keine Hinterbliebenen?&#8220; fragte ich.<br \/>\n&#8222;Doch, der \u00e4lteste Sohn J\u00e9rome Leeds, 21 Jahre alt. War zu dem Zeitpunkt bei seiner Freundin. Dem Testament nach ist er der Alleinerbe.&#8220;<br \/>\n&#8222;Hm, soweit, so gut. Was hab ich damit zu tun? Will er das Erbe nicht antreten?&#8220;<br \/>\n&#8222;Doch, doch! Aber das Testament hat noch einen Zusatz&#8220;<br \/>\n&#8222;Dacht&#8216; ich mir&#8217;s doch, da ist der Hacken, stimmt&#8217;s?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, k\u00f6nnte man so sagen, aber lass dir erkl\u00e4ren. Leeds Senior verf\u00fcgte in seinem Testament, dass zwar seine engsten Verwandten, in diesem Falle nur der Sohn, alles bekommen solle, dass aber ein gewisser Benero deRe gesucht wird. Dieser hat dann das Recht, sich aus dem Besitz der Familie Leeds eine Sache, egal was es ist, aus zu suchen. Solang diese Forderung nicht erf\u00fcllt wird, darf niemand das Erbe antreten.&#8220; Ich runzelte die Stirn. Was sollte das? Man soll Typen auch noch suchen?<br \/>\n&#8222;Ist das alles was da steht? Wie kommt der Mensch dazu?&#8220;<br \/>\n&#8222;Keine Ahnung! Da m\u00fcsste man sich n\u00e4her informieren. Ich kann ja mal mit dem Sohn reden. Soll ich das machen?&#8220; Ich h\u00f6rte Pit am anderen Ende kramen.<br \/>\nWahrscheinlich suchte er gerade die Adresse. Ich sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n&#8222;Nein, sag mir die Adresse, ich mach das selber!&#8220;<br \/>\n&#8222;OK!&#8220;<br \/>\nAls ich sp\u00e4ter im Auto sa\u00df, fragte ich mich, warum ich darauf bestanden hatte, selbst mit dem Jungen zu reden. Ich machte das sonst nie.<br \/>\nDementsprechend hatte Pit gestutzt, aber er stellte keine Fragen. Ich h\u00e4tte auch keine beantworten k\u00f6nnen. Es war so ein Gef\u00fchl, das Gef\u00fchl, das mir auch sagt, wo ich suchen soll, um auf einem Speicher etwas Wertvolles zu finden. Intuition.<br \/>\nAls ich das Eingangstor zu dem Grundst\u00fcck der Leeds durchfuhr, sah ich, dass Pit Recht hatte. Das Haus war nicht von schlechten Eltern. Als ich aus dem Wagen stieg, kam mir ein junger Mann entgegen. Er war gro\u00df und gut gebaut. Bestimmt trainierte er. Mit seinen kurzen hoch gegelten Haaren und braunen Augen war er der typische Highschoolschwarm der M\u00e4dchen. Und wie als Antwort auf meine Gedanken trat ein M\u00e4dchen aus der T\u00fcr des Hauses. Der Junge war J\u00e9rome Leeds, das M\u00e4dchen hie\u00df Beth, sie war seine Freundin. Er schlenderte zu mir her\u00fcber und gab mir die Hand. Er hatte einen erstaunlich festen H\u00e4ndedruck. Und auch sonst sah man ihm nicht an, dass er vor ein paar Tagen seine Familie verloren hatte.<br \/>\n&#8222;Hi, ich bin Leeds Junior. Sie m\u00fcssen Mister Waiters sein. Mister Lamor hat sie angek\u00fcndigt.&#8220; Tja, Pit war gewissenhaft.<br \/>\n&#8222;Kommen sie ins Haus. Ich habe Kaffee gekocht. Ich hoffe, sie trinken Kaffee.&#8220; Ich nickte. Zu mehr war ich nicht f\u00e4hig. Der Junge benahm sich \u00fcberhaupt nicht so, wie ich es erwartet hatte. Er sah aus wie ein Mensch der seine eigenen Regeln hatte und von Erwachsenen nichts hielt. Aber er verhielt sich wie&#8230; es gibt keinen Ausdruck daf\u00fcr. Noch nie hat mich ein Mensch so \u00fcberrascht. Das Haus war sehr sch\u00f6n eingerichtet, man sah, dass Leeds Senior Geschmack hatte. Und dennoch war ich froh, dass ich mich nicht um das ganze Zeug k\u00fcmmern musste. Das Anwesen war voll von exotischem Mobiliar, ich h\u00e4tte M\u00fche es zu verkaufen. Beth f\u00fchrte mich durch einen Flur in ein Wohnzimmer. Auf den alten Holzdielen lag ein gro\u00dfer Teppich. Ein riesiger Kamin aus Stein beherrschte fast die ganze Wand. Vor diesem standen zwei gro\u00dfe Sessel. In der Mitte des Raumes, auf dem Teppich, der nahezu jedes Ger\u00e4usch schluckte, stand ein runder Tisch, sehr alt und sehr sch\u00f6n verziert.<br \/>\nBevor ich mich setzen konnte, kam J\u00e9rome aus einer kleinen verdeckten T\u00fcr, die wahrscheinlich eine Verbindung zur K\u00fcche darstellte. Er trug ein Tablett, auf dem drei Tassen, eine Kanne, Zucker und Milch standen. Er balancierte es sehr geschickt auf einer Hand und lie\u00df es mit einer gekonnten Bewegung auf den Tisch gleiten. Dann stellte er die Tassen auf und schenkte ein.<br \/>\n&#8222;Zucker?&#8220; Ich sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n&#8222;Ich trinke meinen Kaffee immer schwarz, sonst schmeckt er nicht!&#8220; J\u00e9rome zuckte die Schultern.<br \/>\n&#8222;Ich mag&#8217;s s\u00fc\u00df. Sie sind wahrscheinlich nicht hier um sich mit mir dar\u00fcber zu unterhalten, wie man seinen Kaffee trinken sollte.&#8220; Er setzte sich mir gegen\u00fcber.<br \/>\n&#8222;Sie wissen, um was es geht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Mr. Lamor hat etwas erz\u00e4hlt, aber ich glaube, ich habe das nicht ganz verstanden.&#8220; Der junge Leeds schaute mich ernst an.<br \/>\n&#8222;Ich verstehe auch nicht alles. Aber ich werde ihnen jetzt erst einmal erz\u00e4hlen was ich wei\u00df!&#8220; Ich nickte.<br \/>\n&#8222;Aber erst hole ich noch eine Kleinigkeit zu Essen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber das ist doch nicht&#8230;&#8220; J\u00e9rome machte eine abwehrende Bewegung.<br \/>\n&#8222;Es ist eine lange Geschichte. Und au\u00dferdem m\u00f6chte ich selbst auch etwas essen.&#8220; Ich machte eine Geste, die Bescheidenheit zeigen sollte.<br \/>\n&#8222;Machen sie sich wegen mir keine M\u00fche.&#8220; Der Junge l\u00e4chelte.<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df, des Anstandes wegen soll man zur\u00fcckhaltend sein, aber&#8230;&#8220; Er machte eine wegwerfende Bewegung, dann grinste er.<br \/>\n&#8222;Sie k\u00f6nnen hier tun und lassen was sie wollen. F\u00fchlen sie sich wie zu Hause.&#8220; Mit diesen Worten verschwand er wieder in der K\u00fcche. Ich blickte zu Beth, die mich freundlich ansah.<br \/>\n&#8222;F\u00fcr die Tatsache, dass er vor kurzem seine ganze Familie verstorben ist, ist er erstaunlich fr\u00f6hlich.&#8220; Beth schaute mich an und einen Augenblick dachte ich, es war falsch gewesen, das Thema anzusprechen. Dann nickte sie besorgt.<br \/>\n&#8222;Das ist seine Art, die Trauer zu \u00fcberwinden. Er st\u00fcrzt sich voll ins Leben, um nicht \u00fcber seine Familie nachdenken zu m\u00fcssen.&#8220; Ich zuckte mit den Schultern.<br \/>\n&#8222;Besser als wochenlang in einer Kammer zu sitzen und zu trauern.&#8220; Bevor das M\u00e4dchen antworten konnte, kam J\u00e9rome mit einem klirrenden Servicewagen wieder zum Vorschein. Er schob den Wagen schwungvoll neben den Tisch und setze sich dann wieder mir gegen\u00fcber.<br \/>\n&#8222;Bedienen sie sich!&#8220; Um nicht unh\u00f6flich zu wirken nahm ich ein Geb\u00e4ckst\u00fcckchen schob den Teller zu dem M\u00e4dchen. Dann sah ich den Jungen an. Ich muss wohl sehr neugierig geguckt haben, denn der junge Leeds schaute mich an und lachte.<br \/>\n&#8222;Ganz ruhig! Sie werden schon erfahren, was sie wissen wollen. Er nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse und setzte sich bequem hin.<br \/>\n&#8222;Gut, fangen wir an. Vor ein paar Jahren, warten sie, vor f\u00fcnf Jahren muss es gewesen sein. Ich war 16, July war acht und Jacky war f\u00fcnf.&#8220;, &#8222;Das sind ihre Geschwister?&#8220;, J\u00e9rome nickte. &#8222;Ist es Zufall oder fangen alle Vornamen der Familienmitglieder mit &#8218;J&#8216; an?&#8220; J\u00e9rome lachte.<br \/>\n&#8222;Ja, das ist so was wie Tradition. Mein Gro\u00dfvater hie\u00df zum Beispiel Jason.<br \/>\nDie Initialen &#8218;J.L.&#8216; begleiten meine Familie seit mehr als 150 Jahren.&#8220; Ich sch\u00fcttelte fasziniert den Kopf.<br \/>\n&#8222;Genial!&#8220; Der junge Leeds trank noch einen Schluck und erz\u00e4hlte dann weiter.<br \/>\n&#8222;Also in diesem Sommer vor f\u00fcnf Jahren waren wir mit unserer Familie und ein paar Bekannten an einem See picknicken. Um den ganzen See herum waren Familien mit Kindern und die Luft war erf\u00fcllt von hellen Kinderstimmen.<br \/>\nJuly und Jacky spielten mit ein paar andern Kindern Ball. Pl\u00f6tzlich rollte der Ball Richtung See. Der kleine Jack rannte dem Ball hinterher und wollte ihn aufhalten bevor er ins Wasser rollte. Dabei stolperte er und fiel selbst ins Wasser. July und die anderen Kinder fingen an zu lachen, denn sie wussten das Jacky ein guter Schwimmer war. Doch Jack bewegte sich nicht im Wasser. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass er sich beim Sturz den Kopf angesto\u00dfen hatte und bewusstlos geworden war. Nachdem die Kinder merkten, dass etwas nicht in Ordnung war, liefen sie zu den Eltern um Hilfe zu holen. Doch die Eltern waren so in ihr Gespr\u00e4ch vertieft, dass sie nicht auf die Kinder reagierten. Unweit von uns stand ein Stra\u00dfenkehrer, der auf seinem Besen gest\u00fctzt die ganze Szenerie beobachtet hatte. Als er realisierte, was passiert war, rannte er los und sprang ins Wasser. Jacky trieb mit dem Gesicht nach unten an der Wasseroberfl\u00e4che. Der Mann watete zu ihm hin und riss meinen kleinen Bruder aus dem Wasser. Er warf sich Jacky \u00fcber die Schulter, watete durch den See und kletterte die B\u00f6schung hoch, die Jacky zuvor heruntergefallen war. Mittlerweile hatten auch wir mitbekommen, was passiert war. Die ganze Familie rannte zu dem Mann, der den kleinen Jack ins Gras gelegt hatte. Bald hatte sich eine Traube von Menschen um die beiden versammelt und schauten neugierig, was passiert war. Sie standen im Kreis, aber keiner machte Anstalten, meinem Bruder zu helfen, der noch immer bewusstlos auf dem Boden lag. Der Mann strich die nassen Haare aus dem Gesicht und schaute die Menschen in der Menge an. Er fragte, ob denn ein Arzt hier sei. Als sich niemand regte, fluchte er und begann mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Meine Eltern hatten sich w\u00e4hrenddessen einen Weg durch die Menge gebahnt und knieten neben ihrem Sohn. Niemand wusste, was zu tun war. Alle waren wie gel\u00e4hmt und schauten dem Mann zu. Dieser stoppte die Beatmung und begann mit der Herzmassage. Dabei schrie er, dass doch irgendjemand einen Krankenwagen rufen solle. Jemand warf meinem Vater ein Handy zu. Und w\u00e4hrend mein Vater telefonierte, fing der K\u00f6rper des kleinen Jungen an zu zucken. Einen Augenblick sp\u00e4ter spuckte er eine ganze Menge Wasser aus und riss seine Augen auf. Meine Mutter nahm ihn in dem Arm und klopfte ihm auf den R\u00fccken. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter kam der Krankenwagen und brachte meine Mutter und meinen Bruder ins Krankenhaus.&#8220;<br \/>\nJ\u00e9rome, der ununterbrochen erz\u00e4hlt hatte, nahm die Kanne und f\u00fcllte seine Tasse. Dann trank er sie in gro\u00dfen Z\u00fcgen leer.<br \/>\n&#8222;Bis jetzt ist noch alles klar oder?&#8220;, ich nickte.<br \/>\n&#8222;Eine interessante Geschichte, aber was hat das jetzt mit mir und zu tun?&#8220;<br \/>\n&#8222;Kommt noch.&#8220;<br \/>\n&#8222;O.K.&#8220; Der jung Leeds beugte sich vor st\u00fctze sich mit den Ellbogen auf den Tisch und schaute mich wieder an.<br \/>\n&#8222;Nachdem der Krankenwagen weg war und die Menge sich wieder etwas verteilt hatte, ging mein Vater zu dem Retter, der nass und irgendwie verloren auf der Wiese stand. Er reichte ihm aufrichtig die Hand und fragte ihn, wie er sich f\u00fcr die Rettung bedanken k\u00f6nnte. Der Mann aber wehrte ab und meinte, dass es doch selbstverst\u00e4ndlich gewesen sei. Aber mein Vater lie\u00df keinen Widerspruch zu und bestand darauf, dass der Retter seines Sohnes wenigstens mit zu uns nach Hause kommen sollte, um die nassen Sachen loszuwerden und sich mit einem Kaffee zu w\u00e4rmen. So fuhren wir mit dem Mann nach Hause. Das Gespr\u00e4ch, das sich im Auto entwickelte und das zu Hause weitergef\u00fchrt wurde, lie\u00df uns viel \u00fcber den Mann erfahren. Er hie\u00df&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Benero deRe&#8220; J\u00e9rome nickte. Jetzt hatte ich verstanden, warum er mir diese Geschichte erz\u00e4hlte. Aber bevor ich noch etwas sagen konnte, erz\u00e4hlte J\u00e9rome weiter.<br \/>\n&#8222;Genauso hie\u00df er, 57 Jahre alt. Er hatte keine Familie mehr und er stand am Rande der Gesellschaft. Er sprach es zwar nicht aus, aber er z\u00e4hlte fast schon als Bettler. Erst in der Woche zuvor hatte er seine Zimmer r\u00e4umen m\u00fcssen. Jetzt wusste mein Vater auch, wie er sich revanchieren konnte. Er nahm July und mich beiseite und fragte uns, was wir von dem Mann hielten.<br \/>\nJuly hatte den Mann mit dem 3-Tage-Bart und der Sturmfrisur, der insgesamt einen etwas chaotischen, aber sympathischen Eindruck machte, sofort ins Herz geschlossen. Auch ich war fasziniert von dem Mann, der viele Geschichten auf Lager hatte, die einen Jungen in meinem Alter interessierten. Auch mein Vater nickte und wir gingen wieder zur\u00fcck an den Tisch. Dort machte er Benero das Angebot, dass er Gast bleiben k\u00f6nne, und im G\u00e4stezimmer wohnen k\u00f6nne, bis er wieder eine Bleibe gefunden habe.<br \/>\nBenero war sehr \u00fcberrascht \u00fcber das Angebot. So viel N\u00e4chstenliebe hatte er nicht erwartet. Stammelnd wollte er das Angebot ablehnen, aber man sah ihm an wie gern er geblieben w\u00e4re. Und so blieb er auch. Er a\u00df mit uns zusammen zu Abend. W\u00e4hrend wir a\u00dfen, kamen meine Mutter und Jacky wieder nach Hause.<br \/>\nDem Jungen ging es wieder gut. Aber meine Mutter erz\u00e4hlte uns, dass der Arzt meinte, dass wir das Gl\u00fcck nur der schnellen Rettung zu verdanken hatten. So war die Sache endg\u00fcltig entschieden. Benero blieb bei uns. Die Zeit, die der alte Mann bei uns verbrachte, war wunderbar. Nach kurzer Zeit war Benero so etwas wie ein Gro\u00dfvater f\u00fcr uns geworden. Oft sa\u00dfen wir mit ihm am Kamin und h\u00f6rten zu, wenn er eine seiner Geschichten erz\u00e4hlte.<br \/>\nBenero deRe plagte bald das schlechte Gewissen, hier kostenlos zu wohnen und so half er wo er konnte. Er war ein Freund der Familie geworden. Jeder hatte ihn gern.<br \/>\nUnd dann geschah das, womit keiner gerechnet hatte. Mein Vater war im Besitz einer goldenen Taschenuhr, die seit Generationen in unserer Familie weitergegeben wurde. In ihr waren die Familieninitialen &#8218;J.L.&#8216; eingraviert.<br \/>\nSie war f\u00fcr unsere Familie von unsch\u00e4tzbarem Wert.<br \/>\nAber diese Uhr war eines Tages pl\u00f6tzlich weg. Mein Vater stellte das ganze Haus auf den Kopf. Aber er fand sie nicht. Es deutete darauf hin, das Benero sie genommen haben musste. Dieser stritt alles ab. Er schwor, dass er so etwas nie tun w\u00fcrde. Aber mein Vater war so in Rage, dass er den alten Mann verfluchte und aus dem Haus warf. Wenn er ihm jemals wieder unter die Augen treten w\u00fcrde, schwor er ihm, w\u00fcrde er den n\u00e4chsten Tag nicht mehr erleben. Danach haben wir nie wieder etwas von Benero deRe geh\u00f6rt.<br \/>\nDeswegen habe ich mich auch sehr \u00fcber den Zusatz im Testament gewundert. Um der Sache auf den Grund zu gehen habe ich das Arbeitszimmer meines Vaters durchst\u00f6bert. Und ich habe etwas gefunden. Warten sie hier.&#8220;<br \/>\nJ\u00e9rome verschwand durch die gro\u00dfe T\u00fcr. Ich schaute auf die Uhr. Die ganze Sache war zwar interessant, aber es war schon sp\u00e4t geworden. Ich wollte bald nach Hause. Der junge Mann kam mit einem Buch in der Hand wieder. Er setzte sich und suchte eine Seite in dem Buch. Als er anscheinend die Seite gefunden hatte, schob er das Buch zu mir.<br \/>\n&#8222;Das ist ein altes Tagebuch meines Vaters. Die Seite enth\u00e4lt Aufzeichnungen, die ein Jahr nach dem Verschwinden von deRe gemacht wurden.<br \/>\nLesen sie.&#8220;<br \/>\nIch beugte mich vor uns las.<br \/>\n&lt;&lt; Ich habe heute bemerkt, das ich einen riesigen Fehler begangen habe. Ich sa\u00df an meinem Schreibtisch im B\u00fcro und habe gearbeitet. F\u00fcr diese Arbeit ben\u00f6tigte ich Unterlagen, die ich vor zwei Jahren in einer Schublade verstaut hatte. Seither hatte ich sie nicht mehr ge\u00f6ffnet. Als ich heute die Schublade herauszog, h\u00f6rte ich ein Poltern in dem Schrank. Da nichts weiter passierte, belie\u00df ich es dabei. Aber als ich die Schublade wieder schlie\u00dfen wollte, blockierte sie, sie lie\u00df sich nicht ganz schlie\u00dfen.<br \/>\nDeshalb zog ich die Schublade ganz heraus. Als ich in das Fach schaute, konnte ich in der Ecke etwas liegen sehen. Wegen der Dunkelheit konnte ich aber nicht erkennen was es war. So fasste ich mit der Hand in das Fach.<br \/>\nMeine Finger trafen auf k\u00fchles Metall. Ich schloss meine Finger um den Gegenstand und holte ihn ans Licht. Erst als ich im Licht die Buchstaben &#8218;J.L.&#8216; erkannte, wusste ich, was ich in der Hand hielt. Ich kniete auf dem Boden und starrte die Uhr an. Und dann traf mich die Erkenntnis wie ein Hammerschlag. Ich hatte Unrecht gehabt. Ich habe Benero deRe ohne Grund rausgeworfen und verflucht. Die Uhr muss versehentlich vom Schrank gerutscht sein und sich verklemmt haben. Benero hatte wirklich nichts damit zu tun. Oh mein Gott, was habe ich getan? Nachdem ich meiner Fehler bewusst wurde, sa\u00df ich stundenlang an meinem Schreibtisch. Aber ich bringe es nicht \u00fcber mich, diesen Mann aufzusuchen und ihm zu sagen, dass ich es war, der einen Fehler gemacht hat. Ich w\u00fcrde es wohl nie vor jemanden zugeben, aber es ist die Wahrheit: ich traue mich nicht. Ich bin zu feige. Aber ich habe einen Zusatz in meinem Testament gemacht. So kann ich wenigstens nach dem Tod meine Fehler begleichen.&gt;&gt; Ich atmete tief ein. Jetzt verstand ich alles. Ich blickte J\u00e9rome an.<br \/>\n&#8222;Ist jetzt alles klar?&#8220; Ich nickte. Jetzt m\u00fcssen wir wohl nur noch diesen Mann suchen. Wir k\u00f6nnen nur hoffen dass er \u00fcberhaupt noch lebt. Der Junge seufzte.<br \/>\n&#8222;Hoffen wir&#8217;s mal.&#8220; Er stemmte sich mit beiden H\u00e4nden vom Tisch hoch. &#8222;Aber das k\u00f6nnen wir morgen machen. Es ist sp\u00e4t geworden.&#8220; Er begleitete mich noch zur T\u00fcr und wir verabredeten uns f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen, dann verschwand ich.<br \/>\nDer Morgen war frisch, aber sch\u00f6n. Es sah nach einem guten Tag aus. Gerade als ich bei der Villa der Leeds ankam, \u00f6ffnete sich die T\u00fcr und Beth kam heraus. Sie l\u00e4chelte und winkte mir zu als sie zu einem Auto ging.<br \/>\n&#8222;Wohin geht&#8217;s denn so fr\u00fch am Morgen?&#8220; Das M\u00e4dchen \u00f6ffnete die T\u00fcr des Wagens und sah mich an.<br \/>\n&#8222;Zu meinem Eltern. Ich muss mich mal wieder zu Hause blicken lassen. Ich war jetzt die ganze Zeit bei L.J.&#8220; Sie sah meinen verdutzten Gesichtsausdruck und f\u00fcgte hinzu: &#8222;Das ist der Spitzname von J\u00e9rome. Leeds Junior.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ach so! Na dann, viel Spa\u00df.&#8220;<br \/>\n&#8222;Danke.&#8220; Sie nickte mir noch einmal zu, stieg in den Wagen und fuhr los.<br \/>\nAls ich mich wieder zur T\u00fcr drehte, stand dort J\u00e9rome.<br \/>\n&#8222;Guten Morgen! Ich habe sie durch das Fenster gesehen! Kommen sie herein!&#8220;<br \/>\nEr f\u00fchrte mich wieder in das Zimmer in dem wir am Tag zuvor schon gesessen hatten. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, dass mir der Junge zuschob.<br \/>\n&#8222;Das ist alles was ich zu Benero deRe gefunden habe. Vielleicht hilft es ihnen weiter.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich brauche ein Telefon &#8211; und ein Faxger\u00e4t, wenn es geht.&#8220;<br \/>\n&#8222;Kein Problem! Kommen sie mit, wir gehen in das Arbeitszimmer meines Vaters, dort finden sie alles was sie brauchen.&#8220; Das Arbeitszimmer war ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte. Der Raum sah aus wie ein Salon oder wie ein Wohnzimmer. Es war alles vorhanden. Eine Bar, ein Sofa, ein gro\u00dfer Fernseher und auf der Seite stand ein gro\u00dfes Aquarium. Im hinteren Teil des Raumes stand ein Schreibtisch vor einer B\u00fccherwand. Leeds Junior schob den Stuhl vor dem Schreibtisch ein St\u00fcck zur\u00fcck und lie\u00df mich Platz nehmen. Dann zeigte er mir, wie alles funktionierte.<br \/>\n&#8222;Wenn sie mich brauchen, dr\u00fccken sie einfach auf den Knopf am Telefon, auf dem &#8218;J\u00e9rome&#8216; steht. Ich komme dann sofort.&#8220; Ich nickte.<br \/>\n&#8222;Gut, danke!&#8220; Der junge Leeds nickte noch einmal und verlies dann den Raum.<br \/>\nIch machte mich an die Arbeit. W\u00e4hrend ich Pit anrief, faxte ich ihm die Notizen, die J\u00e9rome mir gegeben hatte. Pits Stimme klang mal wieder unversch\u00e4mt frisch.<br \/>\n&#8222;Guten Morgen! Pit Lamor am Apparat, was kann ich f\u00fcr sie tun?&#8220;<br \/>\n&#8222;Hey Pit! Ich bin es. H\u00f6r zu, du m\u00fcsstest gleich ein Fax bekommen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Kommt gerade, was ist das?&#8220;<br \/>\n&#8222;Das ist alles, was ich von einem gewissen Benero deRe wei\u00df. Kannst du mir den Mann finden?&#8220; Ich h\u00f6rte ein Rascheln.<br \/>\n&#8222;Hmm&#8230; Gib mir eine Stunde und ich fax dir alles, was ich herausgefunden habe.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ok, bis dann!&#8220;<br \/>\n&#8222;Bye!&#8220; Ich legte den H\u00f6rer auf die Gabel. Nun hatte ich also eine Stunde Zeit. Ich stand auf und begann J\u00e9rome zu suchen. Schlie\u00dflich fand ich ihn in der K\u00fcche. Er machte gerade Kaffee als ich hereinkam.<br \/>\n&#8222;Oh, haben Sie ihn etwa schon gefunden?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, ich lasse gerade nach ihm suchen. Wir haben jetzt eine Stunde Zeit.&#8220;<br \/>\n&#8222;Hmm&#8230; Haben sie Lust auf eine Runde Billard? Wenn wir sowieso warten m\u00fcssen?&#8220; Ich zuckte mit den Schultern.<br \/>\n&#8222;Warum nicht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Gut, kommen sie mit.&#8220; Leeds Junior f\u00fchrte mich eine Treppe hinauf und in ein gro\u00dfes Zimmer. Das Zimmer war mit Holz getafelt und bis auf eine Bar und einem riesigen Billardtisch leer. J\u00e9rome reichte mir einen Queue und Kreide. Er selbst bereitete mit geschickten Handbewegungen den Tisch vor.<br \/>\nDrei Spiele und eine Stunde sp\u00e4ter sa\u00dfen wir wieder im Arbeitszimmer und betrachteten das Fax, das gerade angekommen war. Pit hatte tats\u00e4chlich die Adresse unseres Mannes herausgefunden. Benero wohnte jetzt in Natchez, eine Stadt, die ca. drei Autostunden von New Orleans, wo wir uns gerade befanden, entfernt lag. Pit hatte sogar eine Telefonnummer auf das Blatt gekritzelt.<br \/>\n&#8222;Sollen wir anrufen?&#8220; J\u00e9rome sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n&#8222;Ich w\u00fcrde sagen wir fahren gleich dorthin.&#8220;<br \/>\n&#8222;Und was ist, wenn er nicht da ist&#8220;<br \/>\n&#8222;Dann warten wir auf ihn. Ich m\u00f6chte nicht mit Benero am Telefon sprechen.<br \/>\nIch m\u00f6chte ihn pers\u00f6nlich sehen.&#8220;<br \/>\nIch nickte. Das konnte ich verstehen. Wir zogen uns an und gingen in die Garage. Dort standen die drei Wagen von denen Pit gesprochen hatte. J\u00e9rome \u00f6ffnete eine versteckte Klappe in der Wand und nahm einen Autoschl\u00fcssel heraus.<br \/>\n&#8222;Wir nehmen den BMW&#8220; Der Junge \u00f6ffnete die T\u00fcren des silberfarbenen 3er BMW.<br \/>\nAuf der Fahrt von New Orleans nach Natchez r\u00e4tselten wir, was deRe sich wohl heraussuchen w\u00fcrde. Die Fahrt ging erstaunlich schnell. Die Adresse, die Pit uns gegeben hatte, f\u00fchrte uns zu einem Viertel, in dem ich nicht h\u00e4tte wohnen wollen.<br \/>\nAls nach einiger Zeit die T\u00fcr ge\u00f6ffnet wurde, an der wir klingelten, standen wir Benero deRe gegen\u00fcber. J\u00e9rome zuckte zusammen, als er ihn sah.<br \/>\nEr hatte Benero wohl erkannt, aber er musste sich stark ver\u00e4ndert haben.<br \/>\nVor uns stand ein Mann, der aussah als h\u00e4tte er schon lange aufgeh\u00f6rt zu leben. Sein graues Haar hing ihm zerzaust und dreckig ins Gesicht.<br \/>\n&#8222;Was wollen sie?&#8220;<br \/>\n&#8222;Benero deRe?&#8220; J\u00e9romes Stimme war ganz hei\u00dfer. Der Alte nickte.<br \/>\n&#8222;Ja, der bin ich. Und wer&#8230;&#8220; deRe redete nicht mehr weiter. Er starrte den jungen Leeds an. Seine Augen wurden gro\u00df.<br \/>\n&#8222;J\u00e9rome? J\u00e9rome Leeds?&#8220; Der Junge hatte Tr\u00e4nen in den Augen. Er nickte langsam. Benero strahlte pl\u00f6tzlich. Er trat auf J\u00e9rome zu und umarmte ihn.<br \/>\nLeeds Junior erwiderte die Umarmung. Er konnte sich nicht mehr halten. Die Tr\u00e4nen liefen ihm \u00fcbers Gesicht. Ich wollte diesen Moment nicht zerst\u00f6ren, deshalb ging ich langsam r\u00fcckw\u00e4rts die Treppe herunter.<br \/>\nEin kleiner Haufen Zigarettenstummel hatte sich vor meinen F\u00fc\u00dfen gebildet, als Benero und J\u00e9rome aus dem Haus traten. Der Junge stellte mich noch Benero vor, dann gingen wir zum Auto. J\u00e9rome hatte nichts von dem Zusatz erz\u00e4hlt und so war Benero sehr neugierig wohin wir fahren w\u00fcrden. In den drei Stunden Fahrt unterhielten sich die beiden ununterbrochen. Ich hatte das Steuer \u00fcbernommen so dass die beiden zusammen hinten sitzen konnten.<br \/>\nAls deRe vom Tod der Familienmitglieder erfuhr, war er sehr betr\u00fcbt. Wieder in New Orleans angekommen zeigte der junge Leeds Benero das Testament seines Vaters. Nachdem Benero das Testament gelesen hatte, schaute er J\u00e9rome an.<br \/>\n&#8222;Nat\u00fcrlich freut mich dieses Angebot, aber womit habe ich das verdient? Ich meine, dein Vater hat mich doch verflucht&#8230;&#8220; J\u00e9rome l\u00e4chelte, holte das Tagebuch und gab es Benero. W\u00e4hrend des Lesens fing der alte Mann an zu zittern. Tr\u00e4nen liefen ihm \u00fcber sein Gesicht. Dann sah er uns mit strahlenden Augen an.<br \/>\n&#8222;Ich habe immer gedacht, deine Familie hat mich nur aus Anstand bei euch wohnen lassen. Ich dachte immer, der Vorfall mit der Uhr war nur ein Vorwand um mich los zu werden. Aber ihr habt mich wirklich gern gehabt!&#8220; Er stand auf und schloss den Jungen wieder in die Arme. Nachdem sich Benero wieder beruhigt hatte, f\u00fchrte J\u00e9rome ihn ins Bad und sagte ihm er solle sich rasieren, waschen und neue Kleider anziehen. Die Sachen von Leeds Senior m\u00fcssten ihm passen. W\u00e4hrend sich der alte Mann fertig machte, half ich J\u00e9rome das Abendessen zu bereiten.<br \/>\nW\u00e4hrend des Essens entwickelte sich wieder ein Gefecht aus Erinnerungen.<br \/>\nNach dem Essen fragte J\u00e9rome Benero, was er denn jetzt haben wolle. Benero lehnte sich zur\u00fcck und schaute sich im Zimmer um. Der Junge machte ihm derweil Vorschl\u00e4ge.<br \/>\n&#8222;Willst du Geld oder ein Auto? Oder das Haus?&#8220; Benero sah den jungen Leeds an und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.<br \/>\n&#8222;Du spinnst, davon habe ich doch weniger als du.&#8220; Pl\u00f6tzlich schien er zu wissen was er wollte. Er stand auf und verlies das Zimmer. J\u00e9rome und ich folgten ihm. Obwohl er zuletzt vor f\u00fcnf Jahren durch das Haus gegangen war, wusste er den Weg. Er ging geradewegs in July\u00b4s Kinderzimmer. Benero kniete vor dem Bett nieder und zog eine Holzkiste hervor. Auf dieser stand mit Kinderhand &#8222;PRIVAT! H\u00c4NDE WEG!&#8220; geschrieben. Benero schaute zu uns hoch.<br \/>\n&#8222;July hat mir mal ihre Sch\u00e4tze gezeigt. Ich hoffe&#8230;&#8220; Er \u00f6ffnete die Holzkiste und durchsuchte sie. W\u00e4hrend er das tat, beobachtete ich sein Gesicht. Von dem Mann der uns in Natchez die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte, war nichts mehr \u00fcbrig. Abgesehen von dem \u00c4u\u00dferen strahlte der Mann, der hier kniete so eine Lebensfreude aus, das hatte ich noch nie gesehen. Dieser Mann schaute einen an und man wusste, dass dieser Mensch Freude am Leben hatte.<br \/>\nEr schien gefunden zu haben wonach er gesucht hatte. Benero zog ein Blatt Papier heraus, betrachtete es kurz und hielt es dann hoch.<br \/>\n&#8222;Das m\u00f6chte ich haben.&#8220; Er strahlte uns an. J\u00e9rome nahm das Blatt in die Hand und betrachtet es. Es war ein Bild. Von einem Kind gemalt. Man sah die Erde als kleine Kugel, Wolken und die Sonne. Und mittendrin ein Mann mit Engelsfl\u00fcgeln. Ich wei\u00df nicht warum oder woran, aber man sah dass der Mann<br \/>\nBenero deRe war. \u00dcber dem Bild stand mit Kinderhand geschrieben:<br \/>\nJACKY\u00b4S SCHUTZENGEL<br \/>\nUnd unter dem Bild stand:<br \/>\nCODAMIS BLUR<br \/>\nAls Benero anfing zu sprechen, zuckte ich zusammen.<br \/>\n&#8222;July hat das gemalt. Sie hat es mir gezeigt, bevor sie es versteckte. Kann ich es haben, J\u00e9rome?&#8220; J\u00e9rome blickte das Bild immer noch an.<br \/>\n&#8222;Sonst nichts? Aber willst du kein Geld oder&#8230;&#8220; Benero unterbrach ihn.<br \/>\n&#8222;Kein Geld der Welt&#8230;&#8220; Er sch\u00fcttelte l\u00e4chelnd den Kopf.<br \/>\n&#8222;Nichts auf der Welt k\u00f6nnte mir so viel Gl\u00fcck und Zufriedenheit bescheren wie dieses Bild und die Gewissheit, dass ich geliebt wurde.&#8220; Ich werde diese Worte nie vergessen.<br \/>\nDie Sache ist mittlerweile ein halbes Jahr her. Seitdem hat sich einiges ver\u00e4ndert. Benero ist wieder nach New Orleans zu J\u00e9rome gezogen. Er hat wieder die Stelle des Gro\u00dfvaters eingenommen. In seinem Zimmer, er hat darauf bestanden, wieder ins G\u00e4stezimmer zu kommen, h\u00e4ngt July\u00b4s Bild jetzt eingerahmt an der Wand. Vor kurzem, als ich mal wieder zu Besuch kam, stand Benero vor dem Bild und betrachtete es. Ich stellte mich neben ihn.<br \/>\n&#8222;Codamis Blur&#8220; Die langsam ausgesprochenen Worte h\u00f6rten sich an wie ausgesprochene Gedanken. Ich sah Benero an.<br \/>\n&#8222;Was bedeutet das eigentlich?&#8220; Benero deRe drehte den Kopf und l\u00e4chelte.<br \/>\n&#8222;Kinder sind oft kl\u00fcger als man glaubt. Sie verstehen die Welt schneller als Erwachsene. Sie haben nicht so viele Sorgen. An dem Abend, an dem mir July das Bild gezeigt hat, ich fragte sie genau das Gleiche.<br \/>\nWas sie geantwortet hat, werde ich nie vergessen. Diese Worte enthielten mehr Weisheit als alles, was ich je von Gelehrten geh\u00f6rt habe. Sie sagte:<br \/>\n&#8222;Ich habe nach einem Ausdruck gesucht, der unser Verh\u00e4ltnis beschreibt.&#8220;<br \/>\nIch fragte:<br \/>\n&#8222;Welches Verh\u00e4ltnis?&#8220; Sie l\u00e4chelte und sagte:<br \/>\n&#8222;Ich LIEBE dich, wir VERTRAUEN einander und du gibst mir GEBORGENHEIT.&#8220; Ich war verbl\u00fcfft und fragte:<br \/>\n&#8222;Und, hast du einen Ausdruck gefunden?&#8220; Sie nickte ernst und sagte:<br \/>\n&#8222;Ja, aber es gab kein Wort daf\u00fcr in unserer Sprache. Ich musste es erfinden.<br \/>\n&#8211; Codamis Blur!&#8220;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlich auf <a title=\"Online-Roman.de\" href=\"http:\/\/www.online-roman.de\/schluesselerlebnis\/schluesselerlebnis-655.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Online-Roman.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Name ist Nigel Waiters. Ich verbringe sehr viel Zeit mit meinem Job. Ich bin Nachlassverwalter. Bei einem Todesfall k\u00fcmmere ich mich um die Sachen der Verstorbenen. 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