{"id":5497,"date":"2016-02-29T15:54:24","date_gmt":"2016-02-29T14:54:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=5497"},"modified":"2016-02-29T15:54:24","modified_gmt":"2016-02-29T14:54:24","slug":"interview-selim-oezdogan-autor-von-wieso-heimat-ich-wohne-zur-miete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2016\/02\/29\/interview-selim-oezdogan-autor-von-wieso-heimat-ich-wohne-zur-miete\/","title":{"rendered":"Interview: Selim \u00d6zdogan, Autor von &quot;Wieso Heimat, ich wohne zur Miete&quot;"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich sollte man nicht immer einen Grund f\u00fcr ein Interview brauchen. Manchmal ist ein Grund aber ein ganz guter Startpunkt, um \u00fcber alles M\u00f6gliche reden zu k\u00f6nnen. Das habe ich mir Selim \u00d6zdogan, Autor von &#8222;<a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2016\/02\/24\/roman-wieso-heimat-ich-wohne-zur-miete-von-selim-oezdogan\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wieso Heimat, ich wohne zur Miete<\/a>&#8220; gemacht. Los gehts!<\/p>\n<p><strong>Selim, der neue Roman ist drau\u00dfen, du bist auf Lesetour. Ganz abgesehen davon, wie geht\u2019s dir gerade?<br \/>\n<\/strong>Sehr gut.<\/p>\n<p><strong>Gibt es ein Ritual, das du hast? Irgendetwas, womit du deine Tage beginnst?<\/strong><br \/>\nKaffee, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/wortmachtklang\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Twitter<\/a>, Yoga. In der Reihenfolge. So ziemlich jeden Tag.<\/p>\n<p><strong>In deinem neuen Roman \u201eWieso Heimat, ich wohne zu Miete\u201c hast du mit Krishna Mustafa einen Menschen, der naturstoned ist, jemand, der keine Drogen nimmt und fast durchgehend gut drauf ist. Im Roman zuvor, \u201e<a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2014\/03\/12\/buch-dz-von-selim-oezdogan\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DZ<\/a>\u201c, ging es um den gleichnamigen Staat, in dem alle Drogen legal sind. Warum nehmen sie so eine wichtige Rolle ein?<\/strong><br \/>\nDroge kann man ja auch als Metapher f\u00fcr Wahrnehmung sehen und daf\u00fcr, wie sehr Wahrnehmung ver\u00e4nderbar ist. Wie d\u00fcnn der biochemische Faden ist, an dem das h\u00e4ngt, was wir Realit\u00e4t nennen. Es gibt nichts anderes als Wahrnehmung. Ein Text erz\u00e4hlt dir, wie der Protagonist, die Welt wahr nimmt. Und f\u00fcr die Dauer des Textes kann man die Welt auch so sehen und f\u00fchlen. Das ist auch eine Wahrnehmungsver\u00e4nderung. Eine Droge.<\/p>\n<p>Es geht mir nicht um Substanzen, es geht darum die Grenzen, die klar scheinen, aufzul\u00f6sen. Wobei aufl\u00f6sen nicht das richtige Wort ist, weil sie ja gar nicht wirkich existieren, au\u00dfer im Kopf.<\/p>\n<p><strong>Schreibst du auch auf t\u00fcrkisch? Gibt es Dinge, die man nur auf T\u00fcrkisch sagen kann? Und Dinge, die nur auf Deutsch gehen?<\/strong><br \/>\nIch vermute, dass man auf jeder Sprache alles sagen kann. Nur vielleicht nicht so elegant. Ich empfinde T\u00fcrkisch als die emotional exaktere Sprache, aber ich schreibe nicht auf T\u00fcrkisch. Erstens ist mein T\u00fcrkisch leider schlechter als mein Deutsch, zweitens lesen in der T\u00fcrkei weniger Menschen B\u00fccher und ich habe mich in die Position gebracht, vom Schreiben leben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Die Titel deiner B\u00fccher sind manchmal \u201enormale\u201c Titel und manchmal f\u00fcr sich selbst stehend schon so etwas wie Sprichworte. Welche sind dir lieber?<\/strong><br \/>\nIch mag die alle gleich gern, bis auf die beiden, wo der jeweilige Verlag mir reingeredet hat. Die Titel m\u00fcssen einfach zum Buch passen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es erst die Titel oder erst die Ideen f\u00fcr die Geschichten?<\/strong><br \/>\nErst die Idee, dann der Titel, dann das Schreiben. Fast immer diese Reihenfolge.<\/p>\n<p><strong>Du bist jetzt bis November auf <a href=\"http:\/\/www.selimoezdogan.de\/#lesungen\">Lesungen<\/a>, liest aus dem aktuellen Roman und beantwortest oft \u00e4hnliche Fragen. Wie gut kannst du dich auf den n\u00e4chsten Roman konzentrieren und kannst du auf Reisen schreiben?<\/strong><br \/>\nIch kann auf Reisen schreiben, mache es aber in der Regel nicht, bzw. nicht so gerne, weil ich Lesereisen auch als eine angenehme Abwechslung von meinem Alltag erlebe, der ja vom Schreiben gepr\u00e4gt ist. Wenn aber Abgabetermine oder \u00c4hnliches dr\u00e4ngt, schreibe ich halt im Zug oder im Hotel.<\/p>\n<p><strong>Sollte man deine Texte lesen oder vorgelesen bekommen, vielleicht sogar von dir?<\/strong><br \/>\nDer Anspruch ist immer, dass der Text auch funktioniert, wenn er nicht vorgetragen wird. Au\u00dfer bei den <a href=\"http:\/\/wortmachtklang.bandcamp.com\/\">Bandcamp<\/a>-Sachen.<\/p>\n<p>Ich habe beim Schreiben immer einen bestimmten Rhythmus und Klang im Ohr und ich glaube, dass die Literatur dem Lied entsprungen ist. Dass sie auf eine orale Tradition zur\u00fcck geht, steht ja au\u00dfer Frage.<\/p>\n<p>Aber wir haben halt viel mit gedrucktem Text zu tun und es kann einen zeitlichen und interpretativen Vorteil haben, selber zu lesen. Man ist schneller fertig und der Sprecher kann nicht die Richtung festlegen, die Bilder sind meine eigenen.<\/p>\n<p><strong>Du experimentierst viel mit Ver\u00f6ffentlichungsm\u00f6glichkeiten. Manche deiner Texte gibt es nur als H\u00f6rb\u00fccher, einige davon kostenlos auf <a href=\"http:\/\/wortmachtklang.bandcamp.com\/\">Bandcamp<\/a>. Die Geschichtensammlung \u201eFreikarte f\u00fcrs Kopfkino\u201c gab es exklusiv auf torbooks, einer Seite, die haupts\u00e4chlich illegale Buchdownloads angeboten hat. Woher diese Experimentierfreude?<\/strong><br \/>\nWir sind ja alles nur Enkel Adenauers.<\/p>\n<p>Nein, weil ich es als meine Aufgabe ansehe, Grenzen aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Neben den normalen Buchverk\u00e4ufen gibt es bei vielen der vorher erw\u00e4hnten Sachen die M\u00f6glichkeit, zu spenden oder zu zahlen, was man will. Warum? Und was f\u00fcr Erfahrungen hast du damit gemacht?<\/strong><br \/>\nZum jetzigen Zeitpunkt habe ich mit den selber festzulegenden Preisen und Spenden kaum Geld verdient. Aber darum ging es ja auch nicht. Ich halte Ideen f\u00fcr unabh\u00e4ngig vom Kommerz. Es ist sch\u00f6n, dass einfach mal zu entkoppeln.<\/p>\n<p><strong>In deinen H\u00f6rb\u00fcchern verwendest du Samples aus anderen Texten und Reden, manche deiner Sachen stehen unter Creative Commons-Lizenzen. Ein Kommentar zum Copyright und zum Urheberrecht?<\/strong><br \/>\nDa gibt es so viel zu sagen \u2026 Vielleicht so: Die Kausalketten, die in der \u00f6ffentlichen Debatte geschmiedet werden, halten in meinen Augen nicht. Man sieht die Literatur, die kulturelle Vielfalt, usw. bedroht und es wird so getan, als k\u00f6nnten\u00a0 Autoren von ihren B\u00fcchern leben und illegale Ebookdownloads w\u00fcrden ihre Existenzgrundlage gef\u00e4hrden. Das stimmt nicht so nicht. Die wenigsten Autoren leben von Buchhonoraren. Die Literatur entsteht nicht, weil Autoren davon leben, sondern sie entsteht, obwohl sie nicht davon leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ideen k\u00f6nnen nicht vollst\u00e4ndig kommerzialisiert werden und sie k\u00f6nnen &#8211; einmal in der Welt &#8211; auch nicht mehr ausgerottet werden.<\/p>\n<p>Niemand kann die Frage beantworten, woher genau eine Idee kommt. Irgendwo, irgendwie geschieht ein Wunder:\u00a0 Fumps, eine Idee. An der arbeitet man dann. Ich w\u00fcrde die Idee nie als meine eigene beanspruchen, weil ich letztlich nicht wei\u00df, wo sie herkommt. Jah gave me song to sing, sagt Bob Marley.<\/p>\n<p>Geistiges Eigentum ist ein seltsames Konzept. Wie kannst du etwas besitzen, dass man nicht anfassen kann? Wie kannst du ein Talent, das dir geschenkt worden ist, als eigene Leistung betrachten? Wie kannst du etwas, dass du verbreitet sehen m\u00f6chtest, einschr\u00e4nken durch Kaufkraft?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nat\u00fcrlich bezahlt werden, aber nicht f\u00fcr die Idee, sondern f\u00fcr die Arbeit, die ich da reinstecke. Und das auch nur, weil wir nun mal in diesem System leben.<\/p>\n<p>Die Ideen sind frei, das System arbeitet aber mit Zwang.<\/p>\n<p><strong>Die Liste deiner Ver\u00f6ffentlichung reicht bis ins Jahr 2019, zwei Romane sind schon angek\u00fcndigt. Wieviele weitere Projekte gibt es noch?<\/strong><br \/>\nEs gibt noch einige Nebenprojekte, von denen ich nicht sagen, wie viele davon realisiert werden, weil da auch andere Leute mit drinh\u00e4ngen. Bei einem Roman bin ich ja immer vollst\u00e4ndig eigenverantwortlich. Es gibt aktuell kein Romanprojekt, au\u00dfer die angek\u00fcndigten, aber das kann sich noch heute \u00e4ndern \u2026<\/p>\n<p><strong>Und gibt es Projekte, die du gro\u00dfartig findest, die aber realistisch gesehen niemals geschehen werden?<\/strong><br \/>\nNein. Der limitierende Faktor ist immer nur Zeit. Und so alt bin ich noch nicht \u2026<\/p>\n<p><strong>Sprichst du lieber vor Publikum oder in deiner Aufnahmekabine f\u00fcr deine H\u00f6rb\u00fccher?<\/strong><br \/>\nKommt sehr auf den Text an und was ich erreichen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Musik spielt in vielen deiner Texte eine Rolle, du beschreibst dich auch als \u201eDJ der Worte\u201c. War Musiker sein mal eine Alternative?<\/strong><br \/>\nLeider nein, es mangelt an Talent. Aber ich habe den Klang von Sprache immer auch als Musik empfunden.<\/p>\n<p><strong>Was waren die letzten B\u00fccher, die du gern gelesen hast?<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.aufbau-verlag.de\/auerhaus.html\">Auerhaus<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.penguinrandomhouse.com\/books\/311146\/a-brief-history-of-seven-killings-by-marlon-james\/9781594633942\/\">A brief history of seven killings<\/a> (noch nicht fertig), <a href=\"http:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/der-susan-effekt\/978-3-446-24904-2\/\">Der Susan Effekt<\/a> (trotz deutlicher Schw\u00e4chen)<\/p>\n<p><strong>Du hast selbst vor kurzem ein halbes Jahr in Istanbul verbracht. Was m\u00fcsste sich \u00e4ndern, damit du nicht mehr nach K\u00f6ln zur\u00fcckkehren w\u00f6lltest?<\/strong><br \/>\nDie Gesamtsituation in Deutschland m\u00fcsste sich deutlich \u00e4ndern, damit ich nicht mehr hier sein m\u00f6chte. Die Stimmung zur Zeit stufe ich als tempor\u00e4r ein.<\/p>\n<p><strong>Der Name dieser Seite, mokita, bedeutet \u201eDie Wahrheit, die jeder kennt, aber keiner ausspricht\u201c. Was ist ein mokita f\u00fcr dich?<\/strong><br \/>\nMan sucht drau\u00dfen Dinge, die man nur drinnen finden kann.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr die Zeit, dir alles Gute und auf bald!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich sollte man nicht immer einen Grund f\u00fcr ein Interview brauchen. Manchmal ist ein Grund aber ein ganz guter Startpunkt, um \u00fcber alles M\u00f6gliche reden zu k\u00f6nnen. Das habe ich mir Selim \u00d6zdogan, Autor von &#8222;Wieso Heimat, ich wohne zur Miete&#8220; gemacht. Los gehts! Selim, der neue Roman ist drau\u00dfen, du bist auf Lesetour. Ganz [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[1587,2886,3584],"class_list":["post-5497","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-interviews","tag-interview","tag-selim-oezdogan","tag-wieso-heimat-ich-wohne-zur-miete"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5497"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5497\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}