{"id":5291,"date":"2015-09-01T11:20:17","date_gmt":"2015-09-01T10:20:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=5291"},"modified":"2015-09-01T11:20:17","modified_gmt":"2015-09-01T10:20:17","slug":"und-ploetzlich-werden-die-probleme-in-der-ukraine-persoenlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2015\/09\/01\/und-ploetzlich-werden-die-probleme-in-der-ukraine-persoenlich\/","title":{"rendered":"Und pl\u00f6tzlich werden die Probleme in der Ukraine pers\u00f6nlich."},"content":{"rendered":"<h4>Ein Bericht \u00fcber <a href=\"http:\/\/radosni.pl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">COOLture Bridge<\/a>, ein Treffen von jungen Erwachsenen aus der Ukraine, Polen, Wei\u00dfrussland und Deutschland.<\/h4>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter lazyload\" data-src=\"http:\/\/fs2.directupload.net\/images\/150901\/w5iqdo43.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1365\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 2048px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 2048\/1365;\" \/><\/p>\n<p>Es sind die unauff\u00e4lligen, kleinen Dinge, die die gr\u00f6\u00dften \u00dcberraschungen bereithalten. Dieses Mal dieser Aufruf in einem sozialen Netzwerk. Eine Freundin schreibt, &#8222;Lust auf kostenlosen Urlaub in den Bergen in Polen?&#8220; Nicht ganz die Wahrheit, aber eine \u00dcberschrift, die mich weiterlesen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Es geht um ein Treffen junger Menschen, aus der Ukraine, Polen, Belarus\u00a0und Deutschland. F\u00fcr rund 10 Tage sollen sie in einer Jugendherberge in der N\u00e4he von Krakau zusammenkommen und sich \u00fcber die jeweiligen L\u00e4nder austauschen, Vorurteile bek\u00e4mpfen und Freundschaften schlie\u00dfen. Und ich dachte, naja, das ist kein Urlaub, aber das k\u00f6nnte trotzdem witzig werden.<\/p>\n<p>Bis es losgeht, gibt es einige Probleme. Andauernd wechseln die Teilnehmer der deutschen Gruppe. Eigentlich h\u00e4tte es ein Vortreffen in Deutschland geben sollen, dazu kommt es aber nicht, weil bis zum letzten Tag vor der Abfahrt nicht klar ist, wer genau mitkommt. Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig, besonders ironisch ist dieser: Eine Teilnehmerin ist t\u00fcrkischer Herkunft und ohne deutschen Pass und die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde l\u00e4sst sie zu einer\u00a0Zusammenkunft\u00a0internationaler Kulturen nicht ausreisen.<\/p>\n<p>Trotzdem m\u00fcssen einige Sachen gekl\u00e4rt werden: Was stellen wir vor, wenn wir an der Reihe sind? Wer hat eine deutsche Flagge zuhause? Was sind traditionelle deutsche T\u00e4nze? Und was gilt als deutsches Essen?<\/p>\n<p>Trotz aller Widrigkeiten sitze ich iergendwann mit einem Alex in einem Auto und wir fahren los. Damals kennen\u00a0Alex und ich uns nur fl\u00fcchtig. Aber er kommt auch dem S\u00fcden Deutschlands und ein Roadtrip nach Polen k\u00f6nnte ein guter Auftakt f\u00fcr diese Reise werden. Also fahren wir in zwei Tagen mehr als 1000 Kilometer, reden, erz\u00e4hlen, fragen, und freunden uns an und irgendwann sagen\u00a0wir, selbst wenn alle anderen Leute auf diesem Cool-tur Austausch\u00a0nur Nerds und komische Menschen sind, die sich nur \u00fcber Politik unterhalten wollen, dann haben wir wenigstens uns. Aber dann.<\/p>\n<p>33 Menschen, im Alter von 17 bis 33 Jahren, aus vier Nationen. Am ersten Abend sitzen wir noch an einzelnen Tischen, Alex und ich am Vegetarier-Tisch. Doch schon am n\u00e4chsten Morgen ist aus den Tischen eine gro\u00dfe Tafel geworden. Nat\u00fcrlich ist es da schwerer, an die hinten Pl\u00e4tze zu kommen, aber wir sitzen alle zusammen. Vielleicht ist das das deutlichste\u00a0Zeichen, wie schnell aus einzelnen Menschen, vier Delegationen europ\u00e4ischer L\u00e4nder, eine Gemeinschaft\u00a0geworden ist.<\/p>\n<p>Wir haben acht ganze\u00a0Tage miteinander und jeder Tag ist voll mit Programm. Vier Tage sind jeweils einem Land gewidmet, samt traditionellem Fr\u00fchst\u00fcck, Trachten, T\u00e4nzen und Liedern. Nachmittags wird dann gemeinsam ein Nationalgericht aus dem Land gekocht. Und wir Deutschen merken, dass es sowas gar nicht gibt, ein traditionelles Gericht, welches \u00fcberall in Deutschland gegessen wird. Also machen wir am deutschen Tag Linsen mit Sp\u00e4tzle und W\u00fcrstchen. Und ironischerweise bin ich selbst in der deutschen Gruppe der Einzige, der das schonmal gegessen hat. Aber ich greife vor. Der erste Tag geh\u00f6rt den Menschen aus der Ukraine. Und er sitzt.<\/p>\n<p>Wir hatten einen tollen Start, alle kennen sich und wir sind die ganze Zeit am Lachen und Scherze machen. Und dann, nachdem wir gemeinsam ukrainisch gekocht haben, geht es abends an die Pr\u00e4sentation des Landes. Und sp\u00e4testens jetzt ist klar, dass die Menschen nicht den gleichen Alltag haben, den wir haben. Sie haben Krieg. Also kriegen wir aus erster Hand erz\u00e4hlt, wir es ist, als junger Mann in der Ukraine in f\u00fcnf Tagen f\u00fcr die Armee ausgebildet zu werden. In einem Land, dass komplett zerrissen ist. Da sind auf der einen Seite die Generationen, f\u00fcr die die Zeit in der Sowejtunion eine glanzvolle Erinnerung\u00a0ist\u00a0und die sich sicher sind, dass alle L\u00e4nder im Westen der Ukraine etwas B\u00f6ses wollen und in Deutschland alle Nazis sind. Und dann gibt es aber auch die Leute, besonders die j\u00fcngeren, die sich gerne an den Westen ann\u00e4hern wollen. Leute, die sich nicht alles erz\u00e4hlen und sagen lassen wollen, sondern es selbst erleben wollen. Sich selbst ein Bild machen wollen. Und diese beiden Seiten prallen in der Ukraine aufeinander, jeweils unterst\u00fctzt von Russland und der EU. Da ist der Kerl, der nur vier Jahre \u00e4lter ist, als ich. Und er erz\u00e4hlt, wie russische Panzer in ukrainische St\u00e4dte schie\u00dfen und die Einwohner der festen \u00dcberzeugung sind, dass das nicht die Russen sind. Er zeigt uns Bilder und erz\u00e4hlt uns, wie er selbst bei den Schlachten dabei war.<\/p>\n<p>Wir diskutieren bis sp\u00e4t in die Nacht, versuchen zu verstehen und sind mehr als einmal sprachlos. Und denken daran, dass wir am n\u00e4chsten Tag Deutschland zeigen wollen, mit Knoppers und Oktoberfest\u00a0und Haribo. Wie kann das noch wichtig sein, nachdem wir diese Dinge aus der Ukraine geh\u00f6rt haben?<\/p>\n<p>Aber das ist die andere Seite dieses Austausches. Jeder ist hier, nicht nur, um von seinem Land, seiner Situation, seiner Lebenslage zu erz\u00e4hlen, sondern auch, um zu lernen, wie es den anderen geht, wie andere leben, was die Probleme der anderen sind. Und das haben wir gemacht.<\/p>\n<p>Acht Tage lang haben wir gemeinsam gelebt, gelernt, gelacht und diskutiert. Getanzt, gelaufen, gespielt und geweint. Wir haben alle wenig geschlafen, denn das k\u00f6nnen wir zuhause wieder tun. Wir haben lieber kommuniziert. Br\u00fccken gebaut, Bande gekn\u00fcpft, und Freundschaften geschlossen.<\/p>\n<p>Und klar, auf der einen Seite sind wir alle anders. Unsere Kulturen haben viele \u00c4hnlichkeiten, aber auch einige Unterschiede. Und ich als <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2014\/09\/08\/asket-sein-eine-liste-samt-antworten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">alkoholfreier Vegetarier<\/a> bin\u00a0sowieso nochmal anders. Aber auf der anderen, der viel gr\u00f6\u00dferen und wichtigeren Seite sind wir alles Menschen. Mit den gleichen Sorgen und Problemen. Mit dem gleichen Humor und dem gleichen Drang, gl\u00fccklich sein. F\u00fcr manche Menschen in der Gruppe ist dieser Austausch das erste Mal, dass sie ihr Heimatland verlassen. Verlassen k\u00f6nnen. Und obwohl sie ihre Heimat lieben, hei\u00dft das auch, zur\u00fcckzukehren in ein Land, dass nicht die gleichen Freiheiten bietet, wie es beispielsweise Deutschland tut.<\/p>\n<p>Dann sind die Tage vorbei, viel zu schnell, nat\u00fcrlich. Wir verabschieden uns, tr\u00e4nenreich und voller Umarmungen, mit vielen Versprechen und W\u00fcnschen und Zielen. Jeder geht in sein Land zur\u00fcck, seinen Alltag. Und jeder lacht und weint dabei. Weil wir uns nat\u00fcrlich freuen und gleichzeitig die anderen vermissen werden und auch wissen, wie die anderen leben.<\/p>\n<p>Alex und ich sitzen im Auto, wir verlassen Krakau in str\u00f6mendem Regen, die Stra\u00dfe halb \u00fcberschwemmt. Vor uns liegen noch anderthalb Tage Fahrt. Ziemlich viel Zeit davon verbringen wir schweigend. Wie wenn man langsam aus einem Traum erwacht, den man erst abspeichern muss und irgendwie auch verstehen muss, dass es jetzt zur\u00fcck geht in die Realit\u00e4t. Und wir sprechen es nicht nochmal an, aber unsere Bef\u00fcrchtungen von der Hinfahrt haben sich definitiv nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, wir entfernen uns von einer Zeit voller sch\u00f6ner und intelligenter Menschen, die in k\u00fcrzester Zeit Freunde geworden sind und mit denen wir, neben vielen anderen Sachen, auch extrem gern und viel \u00fcber Politik geredet haben.<\/p>\n<p>Jetzt sind wir wieder zuhause und sofort \u00fcberlagert der Alltag die Erinnerung und was uns f\u00fcr an diesen Tage wichtig war, ger\u00e4t in die Gefahr, in den Schlagzeilen des Alltags unterzugehen. Wir gehen arbeiten und klinken uns wieder ein in die Geschwindigkeit, die unser Leben davor hatte. Machen uns Gedanken \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2015\/08\/24\/ist-es-wirklich-keine-selbstverstaendlichkeit-fluechtlingen-zu-helfen-bloggerfuerfluechtlinge\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fl\u00fcchtlinge<\/a>. Aber auch\u00a0dar\u00fcber, dass die Bahn mal wieder zu sp\u00e4t kommt und was wir heute Abend zu essen machen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Aber gleichzeitig sind wir aufmerksam, denn unsere Freundesliste ist nicht nur auf Facebook um rund 30 Leute gewachsen. Wir halten Kontakt in L\u00e4nder, von denen wir zuvor nicht mehr als den Namen kannten. Zu Menschen, die wir hoffen, wiederzusehen. Wir lesen Nachrichten aus Polen, Belarus und der <a href=\"http:\/\/en.censor.net.ua\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ukraine<\/a> aufmerksamer. Und wir reden mit unseren Freunden \u00fcber die Probleme in anderen L\u00e4ndern. Denn jetzt sind die Probleme pers\u00f6nlich geworden.<\/p>\n<p>Dieser Ausflug hat sich gelohnt und sein Ziel erreicht. Genau f\u00fcr solche Ergebnisse und Ereignisse ist <a href=\"http:\/\/www.erasmusplus.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erasmus+<\/a> da. Um Menschen zu vernetzen und uns weiter zusammenwachsen zu lassen. Wenn ich die M\u00f6glichkeit habe, bin ich sofort wieder dabei. Und ich rate euch, tut das Gleiche.<\/p>\n<hr \/>\n<p>In Deutschland gibt es einige Organisationen, die Austausche und \u00e4hnliches erm\u00f6glichen, hier sind ein paar davon aufgelistet. Wenn Wichtiges fehlt, einfach Bescheid geben.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/radosni.pl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stowarzyszenie Absolwent\u00f3w<\/a> &#8211; Die Organisation, die diesen Austausch in Polen organisiert und durchgef\u00fchrt hat.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/esw-berchum.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jugendbildungsst\u00e4tte Berchum<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/eastwesteast?ref=ts&amp;fref=ts&amp;hc_location=ufi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">East West East<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/bfreegermany?ref=ts&amp;fref=ts&amp;hc_location=ufi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">B-free<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.asf-ev.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aktion S\u00fchnezeichen Friedensdienste<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Nachrichten aus der Ukraine gibt es in englischer Sprache auf <a href=\"http:\/\/en.censor.net.ua\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Censor.net<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.unian.info\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">UNIAN News<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht \u00fcber COOLture Bridge, ein Treffen von jungen Erwachsenen aus der Ukraine, Polen, Wei\u00dfrussland und Deutschland. 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