{"id":5213,"date":"2015-06-08T12:33:00","date_gmt":"2015-06-08T11:33:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=5213"},"modified":"2015-06-08T12:33:00","modified_gmt":"2015-06-08T11:33:00","slug":"text-hbf-gegenwart-version-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2015\/06\/08\/text-hbf-gegenwart-version-2015\/","title":{"rendered":"Text: HBF Gegenwart, Version 2015"},"content":{"rendered":"<p><em>Unter dem Aspekt, dass Kunst niemals vollendet ist und sich immer weiter entwickelt, weiter verarbeitet wird und immer ver\u00e4ndert wird, hier die 2015er-Version einer <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/text-hbf-gegenwart\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kurzgeschichte<\/a>, deren erste Fassung aus dem Jahr 2004 stammt. Viel Spa\u00df.<\/em><\/p>\n<p>Immer im Kreis gehend sieht er nach dem n\u00e4chsten Zug. Der Bahnhof ist leer, bis auf ihn und die Kassiererin im H\u00e4uschen. Auf seinem Namensschild steht: \u201eRaum\u201c, auf ihrem \u201aZeit&#8216;. Es ist ein kleiner Provinzbahnhof, viel Gras und Natur um ihn herum. Auf einem alten Schild an den Glei\u00dfen steht der Name des Ortes: \u201eGegenwart\u201c.<br \/>\nLangsam fangen die Schienen an, zu vibrieren. Herr Raum sieht auf und r\u00fcckt mit der Hand seine M\u00fctze ein St\u00fcck h\u00f6her. Er tritt an die Bahnsteigkante, mit geb\u00fchrendem Abstand und strafft die Schultern, die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken.<br \/>\nMit lautem Quietschen h\u00e4lt der Zug, dann schnaubt er und die T\u00fcren \u00f6ffnen sich. Die Stimme von Frau Zeit schallt durch zwei Lautsprecher. \u201eDer Eilzug L.E.B.N. aus Vergangenheit Richtung Zukunft. Willkommen in Gegenwart. Wir w\u00fcnschen ihnen einen sch\u00f6nen Aufenthalt.\u201c<br \/>\nDoch keiner verl\u00e4sst den Zug. Alle warten sie freudig darauf, dass der Zug endlich in Zukunft ankommt, denn da wollen sie hin. Alle, bis auf die Kinder. Sie zeigen nach drau\u00dfen und schauen fasziniert in die Landschaft. Sie ziehen ihre Eltern an den Rockzipfeln und H\u00e4nden, sie wollen raus, ein bisschen Gegenwart sehen. Doch die Erwachsenen sch\u00fctteln nur den Kopf. Die kleinen Kinder m\u00fcssen noch viel lernen.<br \/>\nJeder wei\u00df doch, dass es in Zukunft viel sch\u00f6ner und besser ist. Und so schlie\u00dfen sich die T\u00fcren, ohne dass ein Mensch in Gegenwart bleibt. Der Zug pfeift noch einmal, dann rollt er langsam los. Die Menschen freuen sich und winken den Beiden am Bahnsteig zu, artig winken diese zur\u00fcck. Und wieder sind Raum und Zeit alleine in Gegenwart. Doch das werden sie nicht lange bleiben, denn es ist gewiss, dass der Zug bald wieder kommt.<br \/>\nDie Schienen Richtung Zukunft gl\u00e4nzen und blinken vor Sauberkeit durch das st\u00e4ndige Benutzen. Die Schienen in die andere Richtung dagegen sind braun und verrostet. An vielen Stellen sind sie schon von Unkraut \u00fcberwuchert. Es ist schon lange keiner mehr von Zukunft nach Vergangenheit gefahren.<br \/>\nAnscheinend ist dieser Ort nicht so attraktiv.<br \/>\nSchon n\u00e4hert sich der Zug. Er h\u00e4lt und \u00f6ffnet die T\u00fcren. Ein weiteres Mal leiert Frau Zeit ihren Text herunter. Bei dem Wort \u201aZukunft&#8216; fangen die Menschen im Zug an zu jubeln und pfeifen.<br \/>\nDoch dieses Mal steigt jemand aus dem Zug. Ein Stock schwingt aus der T\u00fcr und ein alter Mann folgt ihm. Die Menschen schreien ihm nach, was er denn hier will, ob er denn nicht mit m\u00f6chte nach Zukunft, wo es doch viel sch\u00f6ner ist, doch der Alte l\u00e4chelt nur und brummt in seinen Bart, das er noch ein bisschen hier bleiben will. Er nickt Frau Zeit und Herrn Raum zu, die beiden l\u00e4cheln, und der Mann setzt sich auf eine Bank und schaut in die Natur.<br \/>\nDie Kinder sind es, die zu ihm wollen, die ihm recht geben und ihm Gesellschaft leisten wollen, doch wieder halten die Eltern sie fest und so f\u00e4hrt der Zug an. Die Menschen freuen sich und winken dem alten Mann zu, der alleine auf der Bank sitzt und er winkt zur\u00fcck. Ein kleines M\u00e4dchen mit dunklen Locken und gro\u00dfen schwarzen Augen sieht ihm lange nach. Es sa\u00df auf dem Platz neben dem alten Mann, der jetzt leer ist.<br \/>\nAlles wird wieder still, kaum etwas bewegt sich, da kommt ein kleiner Schmetterling und setzt sich auf die Hand des Mannes, die den Stock h\u00e4lt. Seine kleinen Fl\u00fcgel bewegen sich langsam und z\u00e4rtlich. Die Augen des Mannes beobachten das sch\u00f6ne Tier und ein L\u00e4cheln erscheint unter seinem wei\u00dfen Bart. Wieder kommt der Zug an und der Schmetterling fliegt davon. Und ein weiteres Mal wiederholt sich die ganze Prozedur. Zug h\u00e4lt, T\u00fcren auf. Frau Zeit\u2019s Stimme, die Kinder die in die Gegenwart wollen, die Erwachsenen, denen die Zukunft am Herzen liegt. Die T\u00fcren schlie\u00dfen sich, der Zug rollt an und wieder winken die Menschen. Raum und Zeit winken zur\u00fcck, doch der Alte Mann schaut dem Zug nur nach, sucht und findet das M\u00e4dchen mit den gro\u00dfen dunklen Augen, dass ihn mit offenem Mund anstarrt. Er hebt die Hand und sie lacht und er wei\u00df, dass sie beim n\u00e4chsten Mal aussteigen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Aspekt, dass Kunst niemals vollendet ist und sich immer weiter entwickelt, weiter verarbeitet wird und immer ver\u00e4ndert wird, hier die 2015er-Version einer Kurzgeschichte, deren erste Fassung aus dem Jahr 2004 stammt. Viel Spa\u00df. Immer im Kreis gehend sieht er nach dem n\u00e4chsten Zug. 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