{"id":52,"date":"2009-01-07T18:20:04","date_gmt":"2009-01-07T17:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=52"},"modified":"2009-01-07T18:20:04","modified_gmt":"2009-01-07T17:20:04","slug":"text-requiem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/text-requiem\/","title":{"rendered":"Text &#8211; Requiem"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Hand fegte sie sich ihre Haare aus dem Gesicht, doch der Wind trotzte ihr, sie nahm die zweite Hand zur Hilfe und band die Haare zu einem Zopf zusammen. Sie steckte sich die Kopfh\u00f6rer ins Ohr und dr\u00fcckte auf Play. Sie konnte die Stille nicht ertragen, wenn sie auf dem Weg nach Hause war, Das Klavier stimmte ein und sie schloss die Augen. Schon tausende Male war sie diesen Weg gegangen, sie kannte ihn auswendig, hatte ihn schon zigmal gesehen.<br \/>\n<!--more-->Als sie die Augen wieder \u00f6ffnete, bemerkte sie in den Augenwinkeln etwas, das neu war. Sie stoppte, ging ein paar Schritte zur\u00fcck und betrachtete das offene Gatter zwischen den Hecken. Es war ihr noch nie aufgefallen. War es schon immer da gewesen?<br \/>\nSie schritt durch das Tor und trat auf den Kiesweg, der unter den B\u00e4umen verschwand. Sie ging weiter, gelangte unter die B\u00e4ume und sah die ersten Grabsteine. Ein Schauer lief ihr \u00fcber den R\u00fccken. Wurde ihr kalt, weil sie im Schatten der B\u00e4ume stand, oder weil sie realisiert hatte, dass sie auf einem Friedhof stand? Vielleicht hatte sie das Tor unbewusst nicht bemerkten wollen, weil sie instinktiv gewusst hatte, was sich dahinter verbarg. Oder war sie schon mal hier gewesen?<br \/>\nSie war schon auf vielen Friedh\u00f6fen gewesen. Auf zu vielen Friedh\u00f6fen als zu junges M\u00e4dchen. Und immer stand eine Person weniger um das offene Grab herum. Sie b\u00fcckte sich unter einem herunterh\u00e4ngenden Ast hindurch und trat in das Sonnenlicht. Auch wenn es das gleiche Sonnenlicht war wie auf dem Weg, so schien hier alles etwas d\u00fcsterer zu sein. Eine kleine Kapelle am Ende der Lichtung. Viele der Gr\u00e4ber waren einfach und schmucklos. Oft standen nur Holzkreuze anstelle der Grabsteine. Zwei B\u00e4nke s\u00e4umten den Rand der Lichtung.<br \/>\nVor den B\u00e4nken flatterten ein paar V\u00f6gel, auf der Bank sa\u00df eine Frau. Wei\u00dfes, lichtes Haar wehte im Wind, sie musste wohl schon fast 100 Sommer erlebt haben. Sie sa\u00df mit dem R\u00fccken zu ihr und warf den V\u00f6geln Brotkrumen zu. Die Alte musste sie bemerkt haben, denn sie winkte ihr zu ohne, von den fliegenden Gesch\u00f6pfen aufzusehen. Langsamen Schrittes n\u00e4herte sie sich der Bank. Der Kies knirschte unter ihren F\u00fc\u00dfen, die V\u00f6gel sahen zu ihr auf, doch k\u00fcmmerten sich dann wieder um das Essen.<br \/>\n\u201eSetz dich.\u201c<br \/>\nNoch wandte sie ihr Gesicht nicht von den gefiederten Wesen ab.<br \/>\n\u201eWie nennt man dich?\u201c<br \/>\n\u201eNala\u201c<br \/>\nNala hatte einen Kopfh\u00f6rer aus dem Ohr genommen, um die Frau verstehen zu k\u00f6nnen. Jetzt sah die Alte sie an.<br \/>\n\u201eNala\u201c<br \/>\nGanz langsam lie\u00df sie den Namen auf der Zunge zergehen.<\/p>\n<p>\u201eHallo Nala, sch\u00f6n dich zu sehen.\u201c<br \/>\nBevor Nala ihr Misstrauen \u00fcberwinden konnte oder gar antworten konnte, sprach die Frau wieder.<br \/>\n\u201eMich nennt man Rose, denn Rosalia findet jeder zu lang, ich auch.\u201c<br \/>\nSie betrachtete den herunterh\u00e4ngenden Kopfh\u00f6rer.<br \/>\n\u201eH\u00f6rst du immer Musik?\u201c<br \/>\nDas M\u00e4dchen machte eine Kopfbewegung, die man als Nicken auslegen konnte.<br \/>\n\u201eIch mag es nicht, wenn es still ist.\u201c<br \/>\n\u201eStill? Wo ist es still?\u201c<br \/>\n\u201eWenn ich nach Hause laufe, in der freien Natur\u2026\u201c<br \/>\n\u201eIm Freien? In der Natur?\u201c<br \/>\nWieder ein Nicken.<br \/>\n\u201eAber es ist doch nicht still! H\u00f6r doch mal!\u201c<br \/>\nUnd Nala lauschte.<br \/>\nErst h\u00f6rte sie nichts. Dann zwitscherte ein Vogel irgendwo \u00fcber ihren K\u00f6pfen. Sie sah hoch und Roses Mundwinkel zuckten. Hinter ihnen im Wald knackte es. Immer mehr Ger\u00e4usche wurden laut und jedes Mal, wenn das M\u00e4dchen sich danach umdrehte, l\u00e4chelte die Alte ein bisschen mehr. Die Luft war erf\u00fcllt von verschiedensten Ger\u00e4uschen.<br \/>\n\u201eSiehst du, es ist nicht still. Man nimmt die Ger\u00e4usche oft nur nicht wahr. Wei\u00dft du, die Natur hat ihre eigene Musik, ihre harmonische Melodie. H\u00f6r dir einen Vogel an. Sein Gezwitscher ist sch\u00f6ner und melodischer als die vielen Lieder, die im Radio zu h\u00f6ren sind.\u201c<br \/>\nW\u00e4hrend sie lauschten, h\u00f6rten sie ein Auto, das zum stehen kam, eine T\u00fcr schlug auf und zu und ein Mann erschien. Er trug zwei leere Gie\u00dfkannen, in jeder Hand eine. Er schien die Frauen auf der Bank nicht zu sehen Er stellte sich vor ein Grab und setzte die Gie\u00dfkannen ab.<br \/>\n\u201eEr kommt mindestens einmal die Woche.\u201c<br \/>\n\u201eWas macht er?\u201c<br \/>\n\u201eSchau!\u201c<br \/>\nDer Mann starrte auf das Grab hinab. Sein Gesicht war starr, aber Tr\u00e4nen flossen aus seinen Augen.<br \/>\n\u201eOh.\u201c<br \/>\nNala war best\u00fcrzt.<br \/>\n\u201eEr trauert! Wer ist das? Seine Frau?\u201c<br \/>\n\u201eNein es war nicht seine Frau, es war eine Freundin, so etwas wie seine Schwester im Geiste.\u201c<br \/>\n\u201eHaben Sie sie gekannt?\u201c<br \/>\nRose l\u00e4chelte und bei diesem L\u00e4cheln fiel Nala auf, das die meisten Falten in ihrem Gesicht Lachfalten waren.<br \/>\n\u201eNun, ich habe sie nicht wirklich gekannt. Sagen wir mal ich habe gewusst, wer sie ist. Sie war aus meinem Jahrgang.\u201c<br \/>\n\u201eWann ist sie gestorben?\u201c<br \/>\nDie Frau zuckte mit den Schultern.<br \/>\n\u201eWei\u00df ich nicht mehr, ist schon etwas l\u00e4nger her.\u201c<br \/>\nSie betrachtete den Mann.<br \/>\nNala seufzte.<br \/>\n\u201eEs ist wirklich schlimm, wenn ein Mensch stirbt.\u201c<br \/>\nRose sah sie an, ihre Augen blitzten und sie schmunzelte.<br \/>\n\u201eDenkst du wirklich, dass es schlimm ist? Wenn das Himmelreich so sch\u00f6n ist, wieso soll es dann so schlimm sein zu sterben?\u201c<br \/>\nNala wiegte ihren Kopf hin und her.<br \/>\n\u201eF\u00fcr den der stirbt, ist es nicht schlimm, aber f\u00fcr die, die er zur\u00fcckl\u00e4sst. Sie bleiben mit ihrer Trauer zur\u00fcck, dass sie einen Menschen, den sie lieben, verloren haben.\u201c<br \/>\nW\u00e4hrend das M\u00e4dchen redete, stiegen ihr die Tr\u00e4nen in die Augen. Es war das erste Mal, das sie die Gedanken, die bei jeder Beerdigung aufkamen, aussprach. Viele Erinnerungen hingen an diesen Gedanken. Sie senkte den Kopf, dann sah sie die Frau an. Rose l\u00e4chelte sie mitf\u00fchlend an, dann wischte sie dem M\u00e4dchen die Tr\u00e4nen aus den Augen.<br \/>\n\u201eWarum trauerst du um Menschen die du liebst? Schw\u00e4rmen wir nicht immer von bedingungsloser Liebe? Und hei\u00dft bedingungslose Liebe nicht auch, dass man loslassen kann? Ich hatte einen Menschen, den ich liebte und er liebte mich genauso. Er sagte immer ich sei die Rose, die sein Leben bl\u00fchen l\u00e4sst. Wir wurden getrennt, aber ich wusste, dass ich weiterhin in seinem Leben bl\u00fchen werde. Doch ich glaube, er selbst wei\u00df es nicht mehr.\u201c<br \/>\nBei diesen Worten verschwand das L\u00e4cheln in ihrem Gesicht.<br \/>\n\u201eDenkst du an jemanden, dann lebt er frei in deiner Erinnerung, trauerst du um ihn so bindest du ihn an seinen Tod.\u201c<br \/>\nIn Nala\u2019s\u00a0 Kopf hallten die Worte noch nach und etwas, was sich in langen Jahren voller Trauer festgesetzt hatte, l\u00f6ste sich. Wie Schmutz und Dreck von einer wundersch\u00f6nen Skulptur, so l\u00f6ste sich die Trauer von ihrem Herzen, all die Erinnerungen an die d\u00fcsteren S\u00e4rge und Beerdigungen wurden angestrahlt und verblassten im Schein sch\u00f6ner Erinnerungen. Sie wollte ihre Lieben nicht an sich binden, sie wollte ihnen alle Freiheiten gew\u00e4hren, die sie selbst verlangte. Sie wandte den Kopf und wollte sich bei der alten Frau bedanken, doch diese war nicht mehr da.<br \/>\nSie sa\u00df allein auf der Bank, neben ihr lag eine wei\u00dfe Rose. Nala hob die Rose auf und sah sich um. Es war niemand zu sehen, au\u00dfer dem alten Mann vor dem Grab. Dieser blickte vom Grab auf und wischte sich die Tr\u00e4nen ab. Sein Blick erfasste sie und ein m\u00fcdes L\u00e4cheln erschien. Dann packte er die beiden Gie\u00dfkannen und verschwand wieder hinter der Kapelle. Nala wartete bis das Ger\u00e4usch verklungen war, dann stand sie auf und ging zu dem Grab, vor dem der Mann gestanden hatte. Sie legte die Rose auf die Erde und betrachtete den Grabstein:<\/p>\n<p>Hier ruht Rosalia Perro<br \/>\nDie Rose, die mein Leben hat bl\u00fchen lassen.<\/p>\n<p>Diese und weitere sch\u00f6ne und tr\u00f6stende Geschichten sind 2007 erschienen im Buch:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" data-src=\"http:\/\/nightheart.ni.funpic.de\/mambo\/images\/bilder\/dsc01703.jpg\" alt=\"Gott\" width=\"200\" height=\"267\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" class=\"lazyload\" style=\"--smush-placeholder-width: 200px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 200\/267;\" \/><\/p>\n<p>Zu kaufen im <a title=\"Klick mich!\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Gott-trocknet-Tr%8anen-Eckart-Haase\/dp\/3930730537\/sr=11-1\/qid=1169119389\/ref=sr_11_1\/028-3866222-1174944\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Handel.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Hand fegte sie sich ihre Haare aus dem Gesicht, doch der Wind trotzte ihr, sie nahm die zweite Hand zur Hilfe und band die Haare zu einem Zopf zusammen. 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