{"id":4710,"date":"2015-04-30T17:29:13","date_gmt":"2015-04-30T16:29:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=4710"},"modified":"2015-04-30T17:29:13","modified_gmt":"2015-04-30T16:29:13","slug":"die-art-wie-wir-lesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2015\/04\/30\/die-art-wie-wir-lesen\/","title":{"rendered":"Sieben Minuten im Bus, drei Minuten in der U-Bahn, vier Minuten beim Mittagessen. Die Art, wie wir lesen und wie wir vielleicht schreiben sollten."},"content":{"rendered":"<div title=\"Page 394\">\n<blockquote><p>Pop-Songs werden immer ku\u0308rzer, Kinofilme immer rasanter geschnitten. Die Konsumenten haben keine Geduld mehr. Sie zappen nicht mehr nur zwischen Fernsehkana\u0308len. Sie springen von Online-Artikel zu Online-Artikel, ohne einen zu Ende zu lesen, sie konsumieren dutzende YouTube-Clips statt eines Films, wenn sie iPod ho\u0308ren, hu\u0308pfen sie jede Minute zum na\u0308chsten Song, Aber sie \u00fcberspringen nie <a href=\"https:\/\/www.cozino.com\/de\/casino-games\/\">new casino<\/a> Online-Spiele, das ist potenziell gut, um Geld zu verdienen. One Minute Media, das ist die Zukunft, ob wir wollen oder nicht. Wenn ich tatsa\u0308chlich mal ein Buch schreibe, irgendwann, werde ich es in tausend kurze Absa\u0308tze brechen. Schau dir doch mal an, wie die Leute Bu\u0308cher lesen: Sieben Minuten im Bus, drei Minuten in der U-Bahn, vier Minuten beim Mittagessen, zwei Minuten am Klo.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">Michel Reimon &#8211; <a href=\"http:\/\/www.reimon.net\/2012\/02\/01\/incommunicado\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">#Incommunicado<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michel_Reimon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Michel Reimon<\/a> hat die erste Version seines Romanes\u00a0<a href=\"http:\/\/www.reimon.net\/2012\/02\/01\/incommunicado\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">#Incommunicado<\/a>\u00a02012 ver\u00f6ffentlicht und die Tendenz, dass wir immer schneller zwischen immer k\u00fcrzeren Konsumh\u00e4ppchen hin und her springen, hat sich versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, es gibt auch Gegenbewegungen, Longreads wie das <a href=\"http:\/\/langstrecke.sueddeutsche.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Langstrecke-Projekt<\/a> der S\u00fcddeutschen Zeitung. Aber\u00a0die Nutzerzahlen von Twitter und dem 6 Sekunden-Video-Service <a href=\"https:\/\/vine.co\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vine<\/a> steigen, in immer mehr journalistischen Artikeln gibt es die twitterbare Infobits, unter dem Schlagwort\u00a0<a href=\"http:\/\/knowyourmeme.com\/memes\/tldr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">tl;dr<\/a> (Abk\u00fcrzung f\u00fcr &#8222;Too long; didn&#8217;t read&#8220;, auf Deutsch: &#8222;Zu lang, hab&#8217;s nicht gelesen&#8220;) geben Autoren minutengerechte Zusammenfassungen ihrer langen Gedanken \u00fcber ihren Artikeln und selbst die S\u00fcddeutsche hat ihr Ressort f\u00fcr K\u00fcrzesttexte: <a href=\"http:\/\/espresso.sueddeutsche.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">SZ Espresso<\/a>. Die Frage ist also, ob Michel Recht hat und auch die Literatur in Kurzen H\u00e4ppchen zu liefern ist.<\/p>\n<p>Aber dann kommen die emp\u00f6rten Rufe, wie die Literatur dem Untergang geweiht ist. Physisch schon stark geschw\u00e4cht durch die eBooks und jetzt auch noch durch die Anpassung der Schreibe an die Lesegewohnheiten der Massen? M\u00fcsste Literatur nicht \u00fcber allen Modeerscheinungen stehen und unabh\u00e4ngig von ihrer Erscheinungsform geschrieben werden? Das ist ebenso ein Mythos, wie die Idee, Literatur sei die einzige Kunst, die nur von gottgegebenen und musengek\u00fcssten Genies produziert wird. Tats\u00e4chlich ist die Anpassung von Literatur an Mode,\u00a0Format und Lesegewohnheiten der Masse so alt, wie Literatur selbst.<\/p>\n<p>Charles Dickens schrieb seine Romane nicht f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung als Buchform,\u00a0sondern als Fortsetzungsgeschichten f\u00fcr Zeitschriften, oft mehrere parallel. Nur so konnte er neben seiner journalistischen Texte auch Literatur ver\u00f6ffentlichen, bis er als Autor anerkannt war. Deshalb finden sich in seinen Romanen oft episodenartige Teile.<\/p>\n<p>Bei Brechts Kalendergeschichten\u00a0ist der Name Programm. Sie hei\u00dfen Kalendergeschichten, weil sie Kalendergeschichten sind.<\/p>\n<blockquote><p>Volkskalender bildeten \u2212 abgesehen von <a title=\"Gesangbuch\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesangbuch\">Gesangbuch<\/a> und <a title=\"Bibel\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bibel\">Bibel<\/a> \u2212 im 17. und 18. Jahrhundert oft das einzige <a title=\"Lekt\u00fcre\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lekt%C3%BCre\">Lesematerial<\/a> der <a title=\"Gelehrsamkeit\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gelehrsamkeit\">\u201eungelehrten\u201c<\/a> Volksschichten. Neben kalendarischen und astronomischen Informationen enthielten sie Wetterregeln, Gesundheitstipps, praktische Ratschl\u00e4ge, Kochrezepte und allgemeine Lebensweisheiten. Die zur Steigerung ihres Unterhaltungswerts eingef\u00fcgten Erz\u00e4hlungen handelten von \u201emerkw\u00fcrdigen Begebenheiten\u201c und belustigenden Ereignissen im <a title=\"Alltag\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alltag\">Alltagsleben<\/a> der einfachen Leute, h\u00e4ufig vor dem Hintergrund einschneidender geschichtlicher Vorg\u00e4nge. Die sprachliche Gestaltung dieser Erz\u00e4hlungen war schlicht und an die <a title=\"Rede (Sprachwissenschaft)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rede_(Sprachwissenschaft)\">m\u00fcndliche Rede<\/a> angelehnt. Das Zeitalter der <a title=\"Aufkl\u00e4rung\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aufkl%C3%A4rung\">Aufkl\u00e4rung<\/a> entdeckte die Kalendergeschichte als Mittel der <a class=\"new\" title=\"Volksp\u00e4dagogik (Seite nicht vorhanden)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Volksp%C3%A4dagogik&amp;action=edit&amp;redlink=1\">Volksp\u00e4dagogik<\/a> zur Bek\u00e4mpfung des <a class=\"mw-redirect\" title=\"Aberglauben\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aberglauben\">Aberglaubens<\/a> und zur moralischen Belehrung.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">Wikipedia \u00fcber <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kalendergeschichte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kalendergeschichten<\/a><\/p>\n<p>Vor dem Zeitalter des Buchdrucks, als die Anfertigung von schriftlichen Kopien noch richtige Arbeit war &#8211; eine Bibel zu kopieren,\u00a0brauchte es drei Leute und etwa 5 Jahre Zeit &#8211; nutzten Literaten andere Formen der Ver\u00f6ffentlichung: Das Drama, die Ballade, der Minnesang aus dem Mittelalter, die griechischen Epen, mit all diesen Formen konnte man Geschichten an ein Publikum bringen, die einem zuh\u00f6rten, weil sie oft noch gar nicht lesen konnten.<\/p>\n<p>Als der Roman als literarische Form aufkam, was erst ein paar Jahrhunderte her ist, gab es einen Aufschrei, die Hochkultur des Drama k\u00f6nnte durch das &#8222;Medium f\u00fcr die Massen&#8220;, den profanen Roman, ersetzt werden. Und heute schreien wir auf, wenn nachfolgende Medien und Formen mit der\u00a0&#8222;Hochkultur Roman&#8220; konkurrieren.<\/p>\n<p>Worauf ich hinauswill: Jede Zeit hat seine alteingesessenen Medien, sei es das Drama, die Kalendergeschichte, der Roman oder der Tweet. Und in jeder Generation gibt es Geschichtenerz\u00e4hler, die sich Geh\u00f6r verschaffen wollen und sich dem Strom der Zeit anpassen. Was die Qualit\u00e4t nicht zwingend mindert. Aber zumindest unseren Horizont erweitert.<\/p>\n<p>Wenn wir also auch in Zukunft Romane schreiben wollen, sollten sie vielleicht wirklich an unsere aktuellen Lesegewohnheiten angepasst sein: Sieben Minuten im Bus, drei Minuten in der U-Bahn, vier Minuten beim Mittagessen, zwei Minuten am Klo.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pop-Songs werden immer ku\u0308rzer, Kinofilme immer rasanter geschnitten. Die Konsumenten haben keine Geduld mehr. Sie zappen nicht mehr nur zwischen Fernsehkana\u0308len. 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