{"id":46,"date":"2009-01-07T18:11:21","date_gmt":"2009-01-07T17:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=46"},"modified":"2009-01-07T18:11:21","modified_gmt":"2009-01-07T17:11:21","slug":"text-hbf-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/text-hbf-gegenwart\/","title":{"rendered":"Text &#8211; HBF Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p>Immer im Kreis gehend, schaut er nach dem n\u00e4chsten Zug. Der Bahnhof ist leer, bis auf ihn und die Kassiererin im H\u00e4uschen. Auf seinem Namensschild steht: \u201aRaum&#8216; auf ihrem \u201aZeit&#8216;. Es ist ein kleiner Provinzbahnhof, viel Gras und Natur au\u00dfen herum. Auf einem alten Schild an den Glei\u00dfen steht der Name des Ortes: \u201aGegenwart&#8216;.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nPl\u00f6tzlich fangen die Schienen an zu vibrieren. Herr Raum sieht auf und r\u00fcckt mit der Hand seine M\u00fctze ein St\u00fcck weiter hoch. Ein Zug f\u00e4hrt in den Bahnhof ein. Mit lautem Quietschen h\u00e4lt der Zug, dann schnaubt er und die T\u00fcren \u00f6ffnen sich. Die Stimme von Frau Zeit schallt durch zwei Lautsprecher. \u201eDer Eilzug L.E.B.N. aus Vergangenheit Richtung Zukunft. Willkommen in Gegenwart. Wir w\u00fcnschen ihnen einen sch\u00f6nen Aufenthalt.\u201c<br \/>\nDoch keiner verl\u00e4sst den Zug. Alle warten sie freudig darauf, dass der Zug endlich in Zukunft ankommt, denn da wollen alle hin. Alle bis auf die Kinder. Sie zeigen nach drau\u00dfen und schauen fasziniert in die Landschaft. Sie ziehen ihre Eltern an den Rockzipfeln und H\u00e4nden, sie wollen raus, ein bisschen Gegenwart anschauen. Doch die Erwachsenen sch\u00fctteln nur den Kopf. Die kleinen Kinder m\u00fcssen noch viel lernen. Jeder wei\u00df doch, dass es in Zukunft viel sch\u00f6ner und besser ist. Und so schlie\u00dfen sich die T\u00fcren wieder, ohne dass ein Mensch in Gegenwart bleibt. Der Zug pfeift noch einmal, dann rollt er langsam los. Die Menschen freuen sich und winken den Beiden am Bahnsteig zu, artig winken diese zur\u00fcck. Und wieder sind Herr Raum und Frau Zeit alleine in Gegenwart. Doch das werden sie nicht lange bleiben, denn es ist gewiss, das bald die n\u00e4chste Ladung Menschen vorbeirauschen wird.<br \/>\nDie Schienen gl\u00e4nzen und blinken vor Sauberkeit durch das st\u00e4ndige Benutzen. Die Schienen in die andere Richtung dagegen sind braun und verrostet. An vielen Stellen sind sie schon von Unkraut \u00fcberwuchert. Es ist schon lange keiner mehr von Zukunft nach Vergangenheit gefahren. Anscheinend ist dieser Ort nicht so Attraktiv.<br \/>\nSchon n\u00e4hert sich der n\u00e4chste Zug aus Vergangenheit. Er h\u00e4lt wieder an und \u00f6ffnet die T\u00fcren. Ein weiteres Mal leiert Frau Zeit ihren Text herunter. Bei dem Wort \u201aZukunft&#8216; fangen die Menschen im Zug an zu jubeln und pfeifen. Doch dieses Mal steigt jemand aus dem Zug. Ein Stock schwingt aus der T\u00fcr und ein alter Mann folgt ihm. Die Menschen schreien ihm nach, was er denn hier will, ob er denn nicht mit m\u00f6chte nach Zukunft, wo es doch viel sch\u00f6ner ist, doch der Alte l\u00e4chelt nur und brummt in seinen Bart, das er noch ein bisschen hier bleiben will. Er nickt Frau Zeit und Herrn Raum zu, die beiden l\u00e4cheln wissend, und der Mann setzt sich auf eine Bank und schaut in die Natur.<br \/>\nDie Kinder sind es, die zu ihm wollen, die ihm recht geben und ihm Gesellschaft leisten wollen, doch wieder halten die Eltern sie fest und so f\u00e4hrt der Zug an. Die Menschen freuen sich und winken dem alten Mann zu, der alleine auf der Bank sitzt und er winkt zur\u00fcck.<br \/>\nAlles wird wieder still, kaum etwas bewegt sich, da kommt ein kleiner Schmetterling und setzt sich auf die Hand des Mannes, die den Stock h\u00e4lt. Seine kleinen Fl\u00fcgel bewegen sich ganz langsam und z\u00e4rtlich. Die Augen des Mannes beobachten das wundersch\u00f6ne Tier und ein L\u00e4cheln erscheint unter seinem wei\u00dfen Bart. Wieder kommt ein Zug an. Und ein weiteres Mal wiederholt sich die ganze Prozedur. Zug h\u00e4lt, T\u00fcren auf. Frau Zeit\u2019s Stimme, die Kinder die in die Gegenwart wollen, die Erwachsenen, denen die Zukunft am Herzen liegt. Die T\u00fcren schlie\u00dfen sich, der Zug rollt an und wieder winken die Menschen. Raum und Zeit winken zur\u00fcck, doch der Alte Mann schaut dem Zug nur nach, dann spricht er mit dem Schmetterling. \u201eSchau sie dir an, diese Narren, sie winken und merken doch nicht, dass Raum und Zeit nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Und w\u00fcrden diese T\u00f6lpel etwas genauer auf die Schilder achten, w\u00fcrden sie bemerken, das die Ortsnamen \u201aVergangenheit&#8216;, \u201aGegenwart&#8216; und \u201aZukunft&#8216; nur schlecht \u00fcber die echten Namen geklebt sind, denn tats\u00e4chlich steht auf allen dreien das Gleiche: \u201aHier und Jetzt&#8216;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht in der Slam Anthologie 1 des Kupferd\u00e4che Pforzheim. &#8211; Vergriffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer im Kreis gehend, schaut er nach dem n\u00e4chsten Zug. Der Bahnhof ist leer, bis auf ihn und die Kassiererin im H\u00e4uschen. Auf seinem Namensschild steht: \u201aRaum&#8216; auf ihrem \u201aZeit&#8216;. Es ist ein kleiner Provinzbahnhof, viel Gras und Natur au\u00dfen herum. 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