{"id":447,"date":"2009-03-22T19:46:40","date_gmt":"2009-03-22T18:46:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=447"},"modified":"2009-03-22T19:46:40","modified_gmt":"2009-03-22T18:46:40","slug":"text-das-u-bahn-seminar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/03\/22\/text-das-u-bahn-seminar\/","title":{"rendered":"Text: Das U-Bahn Seminar"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein d\u00fcsterer Dienstag. Und das nicht nur, weil es fr\u00fch am Morgen ist. Die Wolken werden an diesem Tag, wie schon seit Tagen, nicht aufrei\u00dfen. <!--more-->Daf\u00fcr nieselt es vielleicht noch ein bisschen. Auf jeden Fall ist es kalt. Die Menschen in der U-Bahn sind Pendler. Sie fahren die Strecke jeden Tag, um in die Arbeit zu kommen. Wie an jedem Dienstag. Der Hauptbahnhof ist noch eine Station entfernt. Noch 5 Minuten Schweigen unter Fremden. Die T\u00fcren schlie\u00dfen sich. Die Bahn f\u00e4hrt an. Ein Mann steht auf. An einem Ende des Abteils stehend reibt er sich die H\u00e4nde und l\u00e4chelt die Menschen an, die ihm noch keine Beachtung schenken.<\/p>\n<p>&#8222;Guten Morgen, meine Damen und Herren. Sch\u00f6n, dass sie zu unserem U-Bahn Seminar gekommen sind! Und das auch noch zu so fr\u00fcher Stunde!&#8220;<br \/>\nEr l\u00e4chelt in die Gesichter jener, die den Kopf heben.<br \/>\n&#8222;Heute haben wir 5 Minuten Zeit, um \u00fcber das Thema Sprechen zu reden.&#8220;<br \/>\nBegeistert sieht er in die fragenden Gesichter vor ihm. Die ersten Menschen, die mit dem R\u00fccken zu ihm sitzen, drehen sich um.<br \/>\n&#8222;Kennen Sie das? Sie sitzen in der U-Bahn, sagen wir an einem Dienstag. Der Gro\u00dfteil der Arbeitswoche liegt noch vor ihnen und Sie haben eigentlich, und das sage ich bewusst so wie ich es sage, \u00fcberhaupt keinen Bock in die Arbeit zu gehen und z\u00e4hlen insgeheim noch vor Arbeitsbeginn die Stunden, bis Sie wieder in der Bahn nach Hause sitzen.&#8220;<br \/>\nEr macht eine kurze Pause, schaut motiviert in die Runde, klatscht einmal in die H\u00e4nde, nickt und redet weiter, voller Leidenschaft.<br \/>\n&#8222;Sie sitzen also in der U-Bahn und wollen eigentlich nur ihre Ruhe, da steht pl\u00f6tzlich so ein Kerl auf und redet auf sie ein und erz\u00e4hlt irgendwas vom Sprechen. Kennen Sie das? Wer kennt das? K\u00f6nnten Sie mal die Hand heben?&#8220;<br \/>\nEr hebt seine eigene, drei weitere gehen hoch, eine kommt z\u00f6gernd nach. Er zwinkert in die Runde, die jetzt teilweise neugierig schaut, ansonsten aber verwirrt dreinblickt.<br \/>\n&#8222;Danke! Jetzt aber ernsthaft. Heute geht es hier um Sprechen. Miteinander sprechen.&#8220;<br \/>\nEr zeigt auf einen jungen Mann in seiner N\u00e4he.<br \/>\n&#8222;Sie zum Beispiel. Du. Darf ich dich duzen? Ja? Okay gut, danke. Kasimir&#8220;<br \/>\nEr sch\u00fcttelt dem Kerl die Hand.<br \/>\n&#8222;Also Martin, hast du dieses h\u00fcbsche M\u00e4dchen da hinten mit dem Buch schon mal gesehen? Ja? Sitzt sie auch \u00f6fter hier in der Bahn?&#8220;<br \/>\nMartin nickt und die junge Frau schaut aus ihrem Buch auf. Als sie bemerkt, dass sie gemeint wird sie rot und l\u00e4chelt sch\u00fcchtern.<br \/>\nKasimir geht mit schnellen Schritten durch das Abteil, setzt sich neben die Frau und reicht ihr die Hand.<br \/>\n&#8222;Hallo, ich bin Kasimir. Hallo Eva, das da dr\u00fcben ist Martin. Martin, wink mal!&#8220;<br \/>\nEin Schmunzeln geht durch das Abteil.<br \/>\n&#8222;Martin hat dich schon \u00f6fter hier in der Bahn sitzen sehen. Du ihn auch? Ja? Aber gesprochen habt ihr noch nie miteinander?&#8220;<br \/>\nKasimir nickt und steht auf und geht langsam durch das Abteil zu seinem alten Platz.<br \/>\n&#8222;Wer kennt das auch noch? Wem geht es wie Martin und Eva, die sich schon \u00f6fter gesehen haben, aber noch miteinander geredet haben?&#8220;<br \/>\nEr hebt seine Hand, ein Gro\u00dfteil der Leute im Abteil tut es ihm gleich.<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df, man will nicht mit jedem sprechen, aber Martin.&#8220;<br \/>\nEr legt Martin eine Hand auf die Schulter und zeigt mit der anderen auf Eva.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ganz im Ernst, so schlecht sieht Eva nicht aus, oder?&#8220;<br \/>\nMartin ist es der rot wird, Eva l\u00e4chelt in an und Kasimir zwinkert. Er reibt seine H\u00e4nde und schaut dann in die Runde.<br \/>\n&#8222;Vielleicht hat der Herr hier die perfekte L\u00f6sung f\u00fcr das Problem f\u00fcr die Dame, die mich so grimmig ansieht.&#8220;<br \/>\nEr hebt beide H\u00e4nde hoch, die Handfl\u00e4chen nach au\u00dfen gerichtet.<br \/>\n&#8222;Nicht dass ich Ihnen ein Problem unterstellen m\u00f6chte! Im Gegenteil! Ich hoffe, Sie sind der gl\u00fccklichste Mensch der Erde! Aber wenn nicht, vielleicht k\u00f6nnte der Mann dort ihnen helfen! Ich will Sie einladen, Sie und auch alle anderen hier im Raum. Ich m\u00f6chte Sie alle einladen, einfach mal mit den Menschen, die sie jeden Tag sehen zu sprechen. Vielleicht bleibt es bei einem Small Talk, vielleicht wird aber die Freundschaft des Lebens daraus. Vielleicht werden sie entt\u00e4uscht, weil sie sich das Leben des Anderen ganz anders vorgestellt haben. Wie auch immer, was k\u00f6nnen Sie verlieren? Eine U-Bahnfahrt, in der nicht geschwiegen wurde. Ich f\u00fcr mich muss sagen, dass ist es doch wert.&#8220;<br \/>\nEine Durchsage unterbricht ihn:<br \/>\n&#8222;Sehr geehrte Fahrg\u00e4ste, aufgrund einer technischen St\u00f6rung verz\u00f6gert sich unsere Ankunft um 2 Minuten.&#8220;<br \/>\nKasimir schaut zum Lautsprecher, dreht dich zu seinem Publikum und strahlt.<br \/>\n&#8222;Wie es aussieht haben wir zwei weitere Minuten Zeit, uns \u00fcber das Reden und das Schweigen zu unterhalten.&#8220;<br \/>\nUnd dann spricht er weiter. Nochmal 2 Minuten voller Leidenschaft.<br \/>\n&#8222;Sie werden sich vielleicht fragen, vielleicht werden Sie auch gleich mich fragen wollen, wor\u00fcber man denn sprechen k\u00f6nnte. Hier sind keine Grenzen gesetzt. Lassen sie ihrer Fantasie freien Lauf! Oder fangen sie bei den einfachen Dingen an. Wer Sie sind und was sie tun.&#8220;<br \/>\nEr zeigt auf sich.<br \/>\n&#8222;Hi, mein Name ist Kasimir. Und ich bin Seminarleiter. Und schon reden wir dar\u00fcber, was f\u00fcr Seminare ich halte und wie meine Eltern damals auf den Gedanken gekommen sind, mir diesen Namen zu geben. Und wenn mein Gegen\u00fcber mir auch noch sagt, wie er hei\u00dft und was er macht, dann reicht eine Bahnfahrt gar nicht mehr f\u00fcr das Gespr\u00e4ch. Die Themen d\u00fcrften nie das Problem sein, sobald sie das Schweigen gebrochen haben.&#8220;<br \/>\nDie Dame aus den Lautsprecher verk\u00fcndet den n\u00e4chsten Halt: Hauptbahnhof. Und das gleiche nochmal auf Englisch.<br \/>\n&#8222;So, meine Damen und Herren, das war es von meiner Seite aus. Haben sie noch irgendwelche Fragen?&#8220;<br \/>\nAufgeschlossen schaut er in die Runde. Manche sehen ihn l\u00e4chelnd an, andere packen schon zusammen, um auszusteigen.<br \/>\n&#8222;Gut, dann w\u00e4ren wir heute fertig. Ich freue mich, dass Sie heute alle trotz der fr\u00fchen Uhrzeit gekommen sind und vor allem, dass sie bis zum Ende geblieben sind. Mein Name ist Kasimir Dax und ich w\u00fcnsche ihnen einen sch\u00f6nen Tag!&#8220;<br \/>\nEr l\u00e4chelt in die Runde, nimmt seinen Mantel und seine Tasche in die Hand und verl\u00e4sst das U-Bahn Abteil durch die T\u00fcren, die sich gerade ge\u00f6ffnet haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein d\u00fcsterer Dienstag. Und das nicht nur, weil es fr\u00fch am Morgen ist. 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