{"id":3802,"date":"2012-03-21T13:39:37","date_gmt":"2012-03-21T12:39:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=3802"},"modified":"2012-03-21T13:39:37","modified_gmt":"2012-03-21T12:39:37","slug":"text-uber-den-mond-lange-fassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2012\/03\/21\/text-uber-den-mond-lange-fassung\/","title":{"rendered":"Text: \u00dcber den Mond &#8211; lange Fassung"},"content":{"rendered":"<p><em>Im Rahmen der <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2012\/03\/17\/heute-abend-bei-der-langen-nacht-der-museen-in-stuttgart-die-gelb-rote-performance-nikita-gorbunov-fabian-neidhardt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gelb-Roten-Performance<\/a> f\u00fcr die Staatsgallerie entstand folgende Langfassung des Stra\u00dfenpoesietextes <a href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2011\/11\/05\/strasenpoesie-uber-den-mond\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00dcber den Mond<\/a>. An dieser Stelle vielen Dank an Chantal f\u00fcr die Hilfe.<br \/>\n<\/em><br \/>\nDas helle Licht der Sonne kommt von hinten und wirft unsere langen Schatten auf die vernarbte Oberfl\u00e4che des Mondes. Der Sonnenuntergang hinter uns beginnt gerade. Wir sitzen mittendrin im Sonnenlichtorangerotgelb. Im Warmen nach dem Sommerregen. In der Warmwettergegenlichtstimmung.<br \/>\nZwischen meinen Fingern tanzen kleine Kieselsteine. Die Dachschindeln unter unseren K\u00f6rpern sind rau und riechen nach nassem Ton. Nach Erde. Du riechst nach herben Tabak. Du riechst warm. Unsere Gesichter k\u00f6nnen wir nur anhand des Geruches erkennen.<br \/>\nDie W\u00e4rme des Tages kuschelt sich zwischen unsere K\u00f6rper und in unsere Gedanken, w\u00e4hrend wir schweigend die Schatten beobachten, die \u00fcber den Mond und die Wolken wandern.<br \/>\nIch h\u00f6re, wie unter uns die Welt vorbeirauscht. Sich weiterdreht. Autos rasen, Menschen rennen, grelle bunte Lichter blinken. Ohne sich selbst wahrzunehmen. Aber das ist Realit\u00e4t. Wenn \u201creal\u201d nicht \u201cecht\u201d bedeutet. Ich frage mich, wer behauptet hat, dass das da unten \u201cecht\u201d ist. Und dass es richtig ist, so und so, wie es ist. Ich frage mich, warum die Realit\u00e4t anscheinend soviel wirklicher ist, als die Wirklichkeit und wie es sein kann, dass man sich einfach daran gew\u00f6hnt. An diesen immerw\u00e4hrenden Ger\u00e4uschpegel, das Hupen, die dumpfe Musik, die aus den Kopfh\u00f6rern anderer schallt, die eine H\u00e4lfte des Gespr\u00e4chs, das am Handy gef\u00fchrt wird. An die sich ewig bewegenden bunten Lichter, an Ampelm\u00e4nnchen, die von Gr\u00fcn auf Rot und von Rot auf Gr\u00fcn springen, an die Leuchtreklamen und die poppigen Plakate? Selbst, wenn sie in die richtige Richtung sehen w\u00fcrden, w\u00fcrden sie das Sonnenlichtorangerotgelb nicht bemerken. Ich sehe es auch nicht, ich sitze mittendrin. Sehen tue ich nur dich.<br \/>\nDu betrachtest den Mond, die Kapuze \u00fcber dem Kopf, deine Lippen leicht ge\u00f6ffnet. Staunend wie ein kleines Kind. Alles echt. Hier oben, das ist Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit.<br \/>\nDen Geschmack dieser, deiner Lippen habe ich noch auf meinen. Du schmeckst s\u00fc\u00df und salzig gleichzeitig. Und dann ist da noch dieser raue Geschmack von Zigaretten. Ich mag den Geruch nicht. Aber wenn der Geschmack von deinen Lippen kommt, bin ich fasziniert.<br \/>\n\u201cHeute ist eigentlich Vollmond.\u201d sagte ich. \u201cWenn da jetzt nicht unsere Schatten w\u00e4ren. So, wie die Wolken ihre Schatten auf die Erde werfen und mit ihnen \u00fcber die Felder ziehen, werfen wir unsere auf den Mond.\u201d Du reagierst nicht. Deine Gedanken spielen in den Kratern des Mondes Verstecken. Dann rei\u00dft du dich los, sammelst sie wieder ein und drehst den Kopf ein wenig zu mir. Dein Schatten auf dem Mond macht es dir nach. Ich kann deine Augen nicht sehen, aber sie sp\u00fcren. Du umschlie\u00dft mit deinen Lippen die selbstgedrehte Kippe und bringst sie zum gl\u00fchen. Ein roter Punkt im dunklen Gesicht. Dann quillt der Rauch heraus und verh\u00fcllt es. Ich kann deinen Mund nicht sehen, aber h\u00f6ren.<br \/>\n\u201cHeute ist gar kein Mond\u201d, sagst du. Deine Hand zeigt in den Himmel. Der Schatten des Rauches hat den Mond geschluckt, die Wirklichkeit vernebelt. Ich kann deine Hand nicht sehen. Aber sie f\u00fchlen. Deine kalten Finger tasten \u00fcber die rissigen Schindeln und suchen meine Haut, meine Hand. Vereinzelte Sandk\u00f6rner, die auf deinen Fingerspitzen kleben. W\u00e4hrend der Mond langsam wieder zum Vorschein kommt, werden unsere Schatten auf ihm gr\u00f6\u00dfer. Du bist aufgestanden, ziehst mich an der Hand nach oben. Der Boden knirscht unter unseren F\u00fc\u00dfen, als wir die paar Meter zur Leiter laufen. Sie steht auf dem festen Biden der Realit\u00e4t, f\u00fchrt an diesem Dach, unserer Wirklichkeit, vorbei und endet auf dem Mond. Dem Ziel unserer Tr\u00e4ume. Ich lasse dir den Vortritt, helfe dir auf die erste Sprosse, als du noch einmal inneh\u00e4ltst und dich umschaust. Als w\u00fcrdest du dich verabschieden wollen, von der Wirklichkeit. Dann siehst du mich an.<br \/>\n\u201cRealit\u00e4t oder Tr\u00e4ume\u201d, frage ich. Du l\u00e4chelst. Ich schaue nach unten, sehe mir die Realit\u00e4t an. Ich blicke nach hinten, in das Sonnenlichtorangerotgelb. Dann sp\u00fcre ich deine kalten Finger, die meine warme Hand umschliessen und nach oben ziehen. Und ich sp\u00fcre die Sonne, die mir den R\u00fccken w\u00e4rmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Gelb-Roten-Performance f\u00fcr die Staatsgallerie entstand folgende Langfassung des Stra\u00dfenpoesietextes \u00dcber den Mond. An dieser Stelle vielen Dank an Chantal f\u00fcr die Hilfe. 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