{"id":317,"date":"2009-02-18T18:43:35","date_gmt":"2009-02-18T17:43:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=317"},"modified":"2009-02-18T18:43:35","modified_gmt":"2009-02-18T17:43:35","slug":"text-hinterland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/02\/18\/text-hinterland\/","title":{"rendered":"Text: Hinterland"},"content":{"rendered":"<p>Er f\u00fchrte die Coladose zum Mund und kippte sie, doch sie war leer.<!--more--><br \/>\nEr drehte sie ganz um und sch\u00fcttelte sie, die letzten paar Tropfen fielen auf den staubigen Boden. Er stellte sie auf den Tisch und machte \u00fcber ihr ein Kreuzzeichen mit zwei Fingern, dann setzte er wieder an und lie\u00df die kalte Fl\u00fcssigkeit seinen Hals herunterlaufen. Mit dem Handr\u00fccken wischte er sich den Mund ab und reckte sich. Die Wirbel knackten und knirschten. Dann r\u00fcckte er den Hut hoch und sah auf. Der Bahnhof war immer noch leer, kein Zug in Sicht. War ja auch kein Wunder, wenn die Woche gut lief, kamen hier zwei Z\u00fcge pro Tag an und fuhren wieder weg. In den drei Tagen, die er schon hier wartete, hatte ihm noch kein Zug dass beschert auf das er wartete.<br \/>\nKlar war er unterwegs gewesen, hatte sich Menschen \u2013 von denen es hier sehr wenige gab \u2013 und Tiere, besonders K\u00fche \u2013 von denen es sehr viel gab &#8211; angeschaut, doch er war sich sicher, das er hier nicht gebraucht wurde. Das Warten machte Kopfschmerzen. Er fuhr sich mit der Hand \u00fcber Augen und Stirn und wischte die Kopfschmerzen weg. Eine Zigarette w\u00e4re jetzt nicht schlecht. Aber hier an diesem Bahnhof gab es nicht mal einen Zigarettenautomaten. W\u00fcrde sich auch nicht lohnen. Er fragte sich, wozu das hier \u00fcberhaupt geschaffen wurde. War ja alles f\u00fcr die Menschen geschaffen. Nur gab es hier nicht viele. Die, die hier waren, k\u00f6nnte man auch woanders unterbringen. Aber nein, der werte Herr musste ja spendabel sein und noch Land hinter dem Land schaffen, damit auch ja alle den Freiraum haben, den ihr freier Wille ben\u00f6tigt, um gl\u00fccklich zu sein. Und wo Menschen waren, so waren auch Wesen seiner Art n\u00f6tig. Das war einer der gro\u00dfen ungeschriebenen goldenen Regeln.<br \/>\nDie Sehnsucht nach Rauch in der Lunge wurde st\u00e4rker. Er schloss die Augen und sog die Luft stark durch die Z\u00e4hne ein. Er hielt kurz, dann lie\u00df er den Rauch durch die Nasenl\u00f6cher heraus flie\u00dfen. Das war einer der Vorteile im Land hinter dem Land. Hier konnte er sich verhalten wie er wollte. In der Stadt musste man immer darauf achten, unerkannt zu bleiben. Wie sagt man doch so sch\u00f6n: Das gr\u00f6\u00dfte Werk des Teufels war es, den Menschen weiszumachen, das er nicht existiere. So \u00e4hnlich war es auch mit seinesgleichen. Doch wusste er, dass er wirklich existierte, im Gegensatz zum Teufel. Anscheinend brauchen die Menschen etwas, dem sie das B\u00f6se zuschreiben konnten, sie merken nicht, oder wollen es nicht wahrhaben, das das B\u00f6se in ihnen steckt und man sie vor ihnen selbst sch\u00fctzen musste. Und daf\u00fcr war er da.<br \/>\nEine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Wenn er schon nichts unternehmen konnte, wollte er wenigstens etwas braun werden. Das w\u00fcrde gut aussehen, zusammen mit der wei\u00dfen Kleidung. Er blies die Wolke weiter, so das die Sonne wieder freie Bahn hatte.<br \/>\nDer Boden fing an zu vibrieren. Eine Rauchwolke n\u00e4herte sich. Unter ihr fuhr der Zug. Dann verlangsamte er seine Fahrt, gab schnaubende Ger\u00e4usche von sich und fuhr in den Bahnhof ein. Ein schwarzer Mantel stieg aus. Er l\u00e4chelte und stand auf. Das Gesicht das auf dem Mantel sa\u00df erwiderte das L\u00e4cheln. \u201eIch verstehe nicht, was du an der Farbe findest, unser wei\u00df ist doch viel sch\u00f6ner.\u201c \u2013 \u201eHallo Michael, danke der Nachfrage, mir geht\u2019s gut und dir?\u201c Er umarmte den Mann in Schwarz und l\u00e4chelte wieder. \u201eEntschuldigung, hallo Gabriel. Wei\u00dft du, abgesehen von der Langweile hier geht\u2019s mir auch ganz gut. Ich hoffe du hast gute Neuigkeiten f\u00fcr mich.\u201c Gabriel nickte. \u201eDu wirst abgel\u00f6st. So ein Neuling tritt an deine Stelle, ist erst seit ein paar Jahrhunderten dabei, soll sich in Geduld \u00fcben. Michael schlug die H\u00e4nde zusammen und betete zum Himmel \u201eDanke, Herr!\u201c Ein Gesicht formte sich in der Wolke, die er weggeblasen hatte und zwinkerte ihm zu. \u201eWei\u00dft du, ich h\u00e4tte es dir schon gestern Abend sagen k\u00f6nnen, aber ich wollte es mir nicht nehmen, wie ein normaler Mensch anzureisen.\u201c Michael sah ihn erst b\u00f6se an, dann l\u00e4chelte er. K\u00f6nnen wir wenigstens unsere Heimreise normal antreten?\u201c Gabriel blickte sich um, konnte aber kein Wesen erblicken, deshalb nickte er und legte den Mantel ab. Michael grinste noch ein St\u00fcck breiter, dann legte er den Hut auf den Stuhl auf dem er gesessen hatte und breitete seine Fl\u00fcgel aus. \u201eWer als erstes oben ist!\u201c Und sprang ab. \u201eHey! Das ist unfair!\u201c Gabriel lachte und folgte ihm. Die Wolken teilten sich, lie\u00dfen die beiden hindurch, dann schlossen sie sich wieder und was zur\u00fcck blieb, waren ein Mantel und ein Hut auf einem Stuhl in einem Bahnhof.<br \/>\nEin b\u00e4rtiger Alter schlurfte aus dem Schatten in dem er gelegen hatte, nahm sich Mantel und Hut und setzte die Coladose an die Lippen, doch sie war leer. Er drehte sie ganz um und sch\u00fcttelte sie, die letzten paar Tropfen fielen auf den staubigen Boden. Er zuckte die Schultern und stellte die Dose auf den Tisch und schlurfte er wieder zur\u00fcck in den Schatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er f\u00fchrte die Coladose zum Mund und kippte sie, doch sie war leer.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[989,1238,1327,2301,2700,2845,3206],"class_list":["post-317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schreiben","category-texte","tag-engel","tag-gedankenspaziergange","tag-gott","tag-mokita","tag-religion","tag-schreiben","tag-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=317"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}