{"id":31,"date":"2009-01-07T17:07:27","date_gmt":"2009-01-07T16:07:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=31"},"modified":"2009-01-07T17:07:27","modified_gmt":"2009-01-07T16:07:27","slug":"text-die-minuten-die-wir-am-gleis-zusammen-warten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/text-die-minuten-die-wir-am-gleis-zusammen-warten\/","title":{"rendered":"Text &#8211; Die Minuten, die wir am Gleis zusammen warten"},"content":{"rendered":"<p class=\"first\"><span class=\"first_letter\">I<\/span>ch hatte sie schon auf dem Bahnsteig gesehen. Ich kann nicht sagen, woran, ich kann nur sagen, dass sie mir aufgefallen ist. Ihre Haare waren so geschnitten, dass ihre gro\u00dfen Augen frei waren, und dass sie dennoch hinten einen Zopf machen konnte. Sie hatte eine gro\u00dfen Rucksack vor sich stehen. Einen Rucksack, wie ich ihn in meinem Jahr in Schweden dabei gehabt hatte. Zusammen mit vielen anderen warten wir, bis der Zug in den Bahnhof eingefahren war. So ein roter Doppeldecker mit blauen Sitzen. Ich lie\u00df mich in einem Vierer nieder. Dann sah ich dieses M\u00e4dchen den gang entlangkommen und hoffte, dass sie sich zu mir in den Vierer setzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"first\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"first\">\n<p class=\"first\">Eigentlich eine dumme Idee, denn ich hatte gehofft, die f\u00fcnf Stunden in der Bahn schlafen zu k\u00f6nnen. Ich beobachtete, wie sie sich auf einen Platz auf der anderen Seite des Ganges niederlie\u00df, ein Buch hervorholte und anfing, zu lesen. Mir sollte es recht sein. Ich schloss dir Augen und d\u00f6ste. Dann fuhr der Zug an und ich \u00f6ffnete die Augen und sah in das l\u00e4chelnde Gesicht des M\u00e4dchens, das nun in meinem Vierer sa\u00df.<br \/>\n\u201eWie lange bist du in dem Zug?\u201c<br \/>\nIch sagte es ihr.<br \/>\n\u201eIch hab\u2019 gedacht. Wir k\u00f6nnten zusammen Zug fahren. Dann brauchst du nicht vor Langeweile zu schlafen und ich nicht zu lesen.\u201c<br \/>\nIch h\u00e4tte entgegnen k\u00f6nnen, dass ich nicht aus Langeweile, sondern aus M\u00fcdigkeit schlief. Ich h\u00e4tte mir dadurch viele schlaflose N\u00e4chte und viel nachdenken ersparen k\u00f6nnen. H\u00e4tte.<br \/>\nIch nickte, sie l\u00e4chelte, holte ihren Rucksack und gab mir die Hand. Ich wollte mich vorstellen, doch sie sch\u00fcttelte den Kopf und legte ihren Finger auf meinen Mund.<br \/>\n\u201eErz\u00e4hl mir alles \u00fcber dich, aber sag mir nicht, wer du bist.\u201c<br \/>\nIch stutzte und schwieg.<br \/>\n\u201eStehst du auf M\u00e4dchen?\u201c<br \/>\nWieder ein Nicken.<br \/>\n\u201eIch auch. Also, auch auf M\u00e4nner.\u201c<br \/>\nSo fing es an. Sie erz\u00e4hlte und ich h\u00f6rte zu, dann tauschten wir. Wir lachten, wir wurden melancholisch, wir waren ernst und sarkastisch. Das Abteil f\u00fcllte und leerte sich mit Menschen. Manche waren interessiert, manche lachten mit, manche st\u00f6rten wir und manche waren emp\u00f6rt. Und machte das alles nichts aus, wir waren anonym. Ihnen und uns gegen\u00fcber.<br \/>\nDie ganze Zeit hatte sie diese unnahbare Aura und gleichzeitig erfuhr ich ihre intimsten Geheimnisse.<br \/>\nDann kam der n\u00e4chste halt, der meine Station sein w\u00fcrde. Ich dachte daran, einfach weiterzufahren, doch sie las meine Gedanken und sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n\u201eLieber Fremder, du musst aussteigen und wieder am normalen Leben teilnehmen. Aber man sagt, man sieht sich immer zweimal im Leben.\u201c<br \/>\nIch wusste, sie hatte Recht.<br \/>\nIch nickte, sie umarmte mich.<br \/>\nIch stand auf, sie l\u00e4chelte.<br \/>\nIch stieg aus, sie winkte, dann stand ich allein auf dem Gleis.<\/p>\n<p>Ob ich sie jemals wieder getroffen habe?<br \/>\nIch habe seitdem viele Fremde kennen gelernt und ihn Flugzeugen und Z\u00fcgen viele sch\u00f6ne Gespr\u00e4che gef\u00fchrt und ich hielt immer die Augen offen, doch nie mehr habe ich die Augen ge\u00f6ffnet und in dieses l\u00e4chelnde Gesicht geschaut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte sie schon auf dem Bahnsteig gesehen. Ich kann nicht sagen, woran, ich kann nur sagen, dass sie mir aufgefallen ist. Ihre Haare waren so geschnitten, dass ihre gro\u00dfen Augen frei waren, und dass sie dennoch hinten einen Zopf machen konnte. Sie hatte eine gro\u00dfen Rucksack vor sich stehen. 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