{"id":305,"date":"2009-02-15T17:04:25","date_gmt":"2009-02-15T16:04:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=305"},"modified":"2009-02-15T17:04:25","modified_gmt":"2009-02-15T16:04:25","slug":"text-personliche-briefe-in-grosbuchstaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/02\/15\/text-personliche-briefe-in-grosbuchstaben\/","title":{"rendered":"Text: Pers\u00f6nliche Briefe in Gro\u00dfbuchstaben."},"content":{"rendered":"<p>Es war ein Dienstagabend. Schnee lag keiner mehr, aber es war trotzdem nass und kalt.<!--more--><br \/>\nIch hatte nach dem Abendessen meine Frau und meinen Sohn gek\u00fcsst und war in den Park spazieren gegangen. Ich hatte meine Lieblingsbank, auf die ich zusteuerte, doch ich musste sehen, dass jemand schon auf ihr sa\u00df. Ein Kerl, gerade erwachsen und halb so alt wie ich. Ich gesellte mich zu ihm. Er sa\u00df vorn\u00fcber gebeugt und schien mich nicht zu bemerken. In seinen H\u00e4nden drehte er einen Zettel hin und her. Wir sa\u00dfen vielleicht eine Viertelstunde schweigend, pl\u00f6tzlich drehte er sich zu mir.<br \/>\n\u201eKann ich Sie etwas fragen?\u201c<br \/>\nIch nickte.<br \/>\n\u201eIch habe heute diesen Zettel mit der Post bekommen.\u201c<br \/>\nEr gab mir den Zettel. Ich r\u00fcckte meine Brille ein St\u00fcck h\u00f6her und las die Gro\u00dfbuchstaben.<\/p>\n<p>ICH HABE DEINE FREUNDIN GEBUMST.<\/p>\n<p>DAS MUTTERMAL LINKS SIEHT AUS WIE EIN PIERCING, ODER?<\/p>\n<p>\u201eMeine Freundin hat am linken Schenkel innen ein kleines rundes Muttermal. Das ist so nah, das sieht man auch nicht, wenn sie einen Bikini anhat.\u201c<br \/>\nEr erz\u00e4hlte von sich aus. Er redete \u00fcber die Zeit, die er schon mit diesem M\u00e4dchen zusammen war und er redete von seinen Gedanken, die er hatte, als er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte. Er erz\u00e4hlte, dass sie noch arbeiten war, als der Brief kam und er dann die Wohnung verlassen hatte, bevor sie kam. Er erw\u00e4hnte die Gedankeng\u00e4nge, die Rachepl\u00e4ne und die Verzweiflung, die er sp\u00fcrte. Dann schwieg er. Ohne mich etwas gefragt zu haben. Ich antwortete trotzdem.<br \/>\nIch beschwichtigte ihn, nur um ihn wieder aufzuregen.<br \/>\nIch machte ihm Vorschl\u00e4ge, nur damit er kontern konnte.<br \/>\nIch ulkte, nur damit er noch trauriger wurde.<br \/>\nDann verzweifelte ich und er \u00f6ffnete sich. Er lenkte ein, erz\u00e4hlte von ihren letzten Krisen, die sie gemeistert hatten. Er sagte, er w\u00fcrde sie trotzdem lieben. Ich warf ein, dass er sie darauf ansprechen musste. Er gab mir Recht. Das erste Mal an diesem Abend. Wir erg\u00e4nzten uns gegenseitig bis er endlich wieder ein wahrhaftes L\u00e4cheln auf den Lippen hatte.<\/p>\n<p>\u201eDas Leben ist so kurz, da sollte man sich nicht \u00e4rgern.\u201c<\/p>\n<p>Ich nickte und stand dann auf.<br \/>\n\u201eDas ist richtig, lieber Freund. Wenn du Probleme oder Sorgen hast, melde dich.\u201c<br \/>\nEr nickte.<br \/>\n\u201eIch werde wohl immer mal wieder Sorgen haben, aber ich sollte mich nicht von ihnen runterziehen lassen, sondern tun, was ich tun m\u00f6chte.\u201c<br \/>\nDiesmal l\u00e4chelten wir beide. Ich sch\u00fcttelte seine Hand, dankte ihm f\u00fcr sein Vertrauen, w\u00fcnschte ihm noch eine sch\u00f6ne Zeit und machte mich mit einem L\u00e4cheln auf dem Gesicht auf den Weg heim.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen las ich von ihm in der Zeitung. Er hatte sich umgebracht und pl\u00f6tzlich \u00e4nderten alle Worte, die wir gestern gewechselt hatten, ihre Bedeutung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein Dienstagabend. 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