{"id":2797,"date":"2011-04-29T09:54:10","date_gmt":"2011-04-29T08:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=2797"},"modified":"2011-04-29T09:54:10","modified_gmt":"2011-04-29T08:54:10","slug":"text-ich-kann-jederzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2011\/04\/29\/text-ich-kann-jederzeit\/","title":{"rendered":"Text: Ich kann jederzeit"},"content":{"rendered":"<p>Ohne R\u00fcckversicherung h\u00e4tte er nie losgehen k\u00f6nnen.<br \/>\nThomas hatte sich sein ganzes Leben lang einen Hinterausgang freigehalten.<\/p>\n<p>Mit 16 Jahren und ein wenig Druck seines Vaters l\u00f6ste er die Band auf, mottete die Gitarre ein und begann die Ausbildung bei der Bank. Und er sagte sich:<br \/>\n\u201cIch kann jederzeit wieder eine Band gr\u00fcnden und von der Musik leben!\u201d<!--more--><\/p>\n<p>Mit vorsichtigen Bewegungen zog er die Briefmarke aus dem Wasser und l\u00f6ste sie von dem Brief, mit dem sie gekommen war. Mit einem Schwamm trocknete er die Marke, dann sortierte er sie vorsichtig in das vierte Album seiner Sammlung. Und er sagte sich:<br \/>\n\u201cIch kann die Sammlung jederzeit ins Feuer werfen und mir ein neues Hobby suchen.\u201d<\/p>\n<p>Sie sa\u00dfen bei ihr auf dem Bett und gratulierten sich zum ersten Jahr der Beziehung und ihre Augen leuchteten vor Liebe. Und er sagte sich:<br \/>\n\u201cIch kann mir jederzeit eine Neue suchen.\u201d<\/p>\n<p>Den festen Druck der Hand seines Vaters auf den Schultern sp\u00fcrend, unterschrieb er seinen Arbeitsvertrag bei der Bank und band sich damit f\u00fcr mindestens 5 Jahre an diesen kleinen Ort. Und er sagte sich:<br \/>\n\u201cIch kann jederzeit k\u00fcndigen.\u201d<\/p>\n<p>Er blickte in ihre Augen, nickte, drehte sich zum Pfarrer und sagte zu ihm und zu allen Anwesenden: \u201cJa, ich will.\u201d Zu sich selbst sagte er:<br \/>\n\u201cIch kann mich jederzeit scheiden lassen.\u201d<\/p>\n<p>Er riss mit einer eingespielten Handbewegung die zweite Packung des Tages auf und warf das Zellophan in den Stra\u00dfengraben. Und er sagte sich:<br \/>\n\u201cIch kann jederzeit aufh\u00f6ren.\u201d<\/p>\n<p>Die Erde rieselte durch seine Finger auf den Holzsarg seiner Frau und er sp\u00fcrte das Schluchzen seiner Tochter auf seinem Arm. Und der dachte sich:<br \/>\n\u201cIch kann sie jederzeit zur Adoption freigeben.\u201d<\/p>\n<p>Er kam von der Arbeit nach Hause, l\u00f6ste die Babysitterin ab und bemerkte, dass jeder Tag genauso monoton ablief, wie der Tag zuvor. Und er dachte sich:<br \/>\n\u201cIch kann mir jederzeit meinen Rucksack und meine Gitarre schnappen, das alles hinter mir lassen und mit Wind im R\u00fccken und Sonne im Gesicht ein neues Leben beginnen.\u201d<\/p>\n<p>Er schloss die Haust\u00fcr hinter sich, tastete nach dem Schl\u00fcssel, zog die Riemen des des Rucksack fest und ging dann los. Er war kaum aus dem Gartentor drau\u00dfen als er sich nochmal umdrehte und das Haus betrachtete. Er hatte sich Urlaub genommen, seine Tochter in die Obhut der Nachbarn gegeben und seine Briefmarken verfeuert. Er hatte sich seinen Rucksack geschnappt, alles andere hinter sich gelassen und begann mit Wind im R\u00fccken und Sonne im Gesicht ein neues Leben. Und er sagte sich:<br \/>\n\u201cIch kann jederzeit zur\u00fcckkehren.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne R\u00fcckversicherung h\u00e4tte er nie losgehen k\u00f6nnen. Thomas hatte sich sein ganzes Leben lang einen Hinterausgang freigehalten. Mit 16 Jahren und ein wenig Druck seines Vaters l\u00f6ste er die Band auf, mottete die Gitarre ein und begann die Ausbildung bei der Bank. 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