{"id":27,"date":"2009-01-07T16:55:27","date_gmt":"2009-01-07T15:55:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=27"},"modified":"2009-01-07T16:55:27","modified_gmt":"2009-01-07T15:55:27","slug":"text-bin-ich-echt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/text-bin-ich-echt\/","title":{"rendered":"Text &#8211; Bin ich echt?"},"content":{"rendered":"<p>Mit schnellen Strichen flitzt der Bleistift \u00fcber das Papier, zuerst scheinen es nur einzelne Striche und Kreise zu sein, doch langsam setzt sich das Einzelne zu einem Bild zusammen. David sitzt \u00fcber dem Blatt Papier und beobachtet, wie unter seiner Hand ein Mensch entsteht. Ein bisschen breitbeinig, lockere Klamotten, Haare in die Augen und Kopfh\u00f6rer um den Hals h\u00e4ngend steht er unter einer Br\u00fccke und schaut die leere Wand an. David zeichnet den Rest von der Welt des Menschen den er gerade erschaffen hat. Es ist ein wolkenloser Himmel, im Baum am rechten Bildrand sitzen V\u00f6gel. Im Hintergrund, ganz grob, nur angedeutet sieht man die Stadt die keinen Namen hat. David setzt sich auf und streckt sich. Ein Schluck aus dem Glas neben ihm und weiter geht\u2019s mit dem n\u00e4chsten Bild. Bild f\u00fcr Bild zeichnet er seinen Comic von Felix, dem Sprayer. Felix, der Sprayer aus der Stadt die keinen Namen, hat mit einem Leben das es noch nicht gibt.<!--more--><br \/>\nW\u00e4hrend David Felix die Wand bespr\u00fchen l\u00e4sst, denkt er sich ein Leben f\u00fcr Felix aus. Felix ist 17 und voller Lebensenergie. Seine Freundin macht ihn gl\u00fccklich, die Schule eher nicht. Doch das sprayen l\u00e4sst ihn alles vergessen, er spr\u00fcht sich seine eigene Welt. Er spr\u00fcht einen K\u00f6rper, einen Menschen. Den Menschen der er gerne w\u00e4re. Und w\u00e4hrend er spr\u00fcht, denkt er sich das Leben aus, das zu dem Bild unter der Br\u00fccke geh\u00f6rt. Ein unabh\u00e4ngiges Leben, gl\u00fcckliche Beziehung, blo\u00df keine Ehe. Kinder? Hm\u2026 Ja 2, im Abstand von zwei Jahren, am besten ein M\u00e4dchen und ein Junge. Und w\u00e4hrend er sich das Leben des Menschen an der Wand ausdenkt, denkt er \u00fcber sein Leben nach, das Leben, das David sich ausgedacht hat. Wird er mit seiner jetzigen Freundin gl\u00fccklich werden? Felix hofft es, doch David wei\u00df das es nicht so ist. Sie wird ihn verlassen und Felix wird sich fl\u00fcchten in die Welt des Sprayens und des Menschen an der Wand. Wird sein Leben besser verlaufen lassen als sein eigenes.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich haben David und Felix den gleichen Gedanken. In gewisser Hinsicht sind sie beide G\u00f6tter. Sie erschaffen Menschen und deren Leben. Sie bestimmen, wie sie sich verhalten, was sie essen und was sie anziehen, welche Menschen sie m\u00f6gen und welchen sie aus dem Weg gehen. Sie bestimmen, wann sie gl\u00fccklich sind und wann sie sterben. Und w\u00e4hrend David hier aufh\u00f6rt, dar\u00fcber nachzudenken, sondern weiterzeichnet, h\u00f6rt Felix auf zu sprayen und spinnt den Gedanken weiter. Was ist, wenn er nicht nur Leben erfindet sondern selbst erfunden ist? Er schaut nach oben und blickt mit seinen schwarzen Augen direkt in die Augen von David und fragt: \u201eBin ich echt?\u201c<br \/>\nDavid gibt dem Bild noch den letzten Schliff, radiert die herunterh\u00e4ngende Hand mit der Spraydose noch mal weg und zeichnet sie neu. Dann legt er den Bleistift weg und sieht sich das fragende Gesicht von Felix an. Er lehnt sich zur\u00fcck, nimmt einen Schluck aus dem Glas neben ihm und schaut aus dem Fenster rechts von ihm. In der Ferne sieht er die Stadt, die ihm als gro\u00dfe Vorlage f\u00fcr die Stadt ohne Namen gedient hat. Felix Gedanken sind vom Blatt in Davids Kopf gesprungen und machen sich breit. Er f\u00e4hrt sich mit der Hand \u00fcber seine kurzgeschnittenen Haare, sieht sich in seinem Zimmer um. Sein Bett an der Wand, der Schreibtisch in der Ecke und das Regal gegen\u00fcber. Er denkt \u00fcber sein Leben nach. \u00dcber seine Freundin, die mit ihm gl\u00fccklich ist, aber immer von der Vorstellung gepackt wird, dass er sie verlassen wird. Er denkt \u00fcber seine Zeit in der Schule nach, \u00fcber seine Freunde, seine Familie, Fantasien, seine Tr\u00e4ume und seine Zukunft. Was ist, wenn seine Wirklichkeit auch nur von einer Vorlage abgepaust ist? Wenn auch er erfunden ist? Na ja, erfunden wurde er, aber war es Gott, der ihn erfunden hatte? Er holt tief Luft lehnt sich zur\u00fcck schaut nach oben und sieht mir, dem Schreiber, mit seinen blauen Augen direkt in meine. Dann fragt er: \u201eBin ich echt?\u201c<br \/>\nIch lege den Stift aus der Hand und fahre mir mit dieser \u00fcber meinen Mund. Die Fantastischen Vier singen in meinen Boxen: \u201eBevor wir falln, falln wir lieber auf.\u201c Ich schaue aus dem Fenster und sehe viel Schnee und kahle B\u00e4ume. Im Baum am rechten Fensterrand sitzen viele V\u00f6gel. Im Hintergrund in weiter Ferne sehe ich den Vorort des Dorfes in dem ich wohne. Neben mir steht die Packung Doppelkekse an der ich mich ab und zu bediene. Und durch meinen Kopf schie\u00dft die gleiche Frage dir zuvor Felix und Davids Kopf durchkreuzt hat. Ich schaue hoch und sehe mit meinen braunen Augen in die Augen des Lesers und Frage: \u201eBin ich echt?\u201c<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht in der Slam Antholgie 2 vom <a title=\"Kupferd\u00e4chle\" href=\"http:\/\/www.kupferdaechle.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kupferd\u00e4chle Pforzheim<\/a><\/p>\n<p>Das Drabble zum Gedicht gibt&#8217;s <a title=\"Drabble - Bin ich echt?\" href=\"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/drabble-bin-ich-echt\/\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">hier.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit schnellen Strichen flitzt der Bleistift \u00fcber das Papier, zuerst scheinen es nur einzelne Striche und Kreise zu sein, doch langsam setzt sich das Einzelne zu einem Bild zusammen. David sitzt \u00fcber dem Blatt Papier und beobachtet, wie unter seiner Hand ein Mensch entsteht. 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