{"id":265,"date":"2009-02-02T19:19:36","date_gmt":"2009-02-02T18:19:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=265"},"modified":"2009-02-02T19:19:36","modified_gmt":"2009-02-02T18:19:36","slug":"text-filmvorfuhrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/02\/02\/text-filmvorfuhrer\/","title":{"rendered":"Text: Filmvorf\u00fchrer."},"content":{"rendered":"<p>Gestern noch flehte ich den Tod an, mich zu besuchen und mitzunehmen und jetzt verabschiede ich mich von ihm.<!--more--><br \/>\nViele Stunden habe ich in der K\u00e4lte auf ihn gewartet und er hat mich versetzt. Statt dem Mann mit Kutte und Sense erschien ein M\u00e4dchen auf dem Pfad. \u201eGuten Abend, lieber Freund.\u201c<br \/>\nLangsam hob ich den Kopf.<br \/>\n\u201eVerzeiht M\u00e4del, aber ich glaube, ihr irrt. Ich bin niemandes Freund. Ich bin einsamer Gesell.\u201c<br \/>\nDas M\u00e4dchen l\u00e4chelte mich an und in diesem Moment raubte es mir die Luft, so sch\u00f6n erschien sie mir. Die Haare und die Augen, so schwarz wie Ebenholz. Ihre Haut strahlte so wei\u00df, dass es schien ihre Knochen w\u00fcrden hindurchscheinen. Ihre Worte holten mich in die kalte Wirklichkeit zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eEin Jemand, der niemandes Freund ist, ist ein verlorener Jemand. Nun, dann werde ich dich lieber Fremder nennen, wenn dir das genehmer ist. Und wer immer du bist und was immer du hier tust, ich bitte dich, begleite mich, denn sonst begleitest du niemanden mehr.\u201c<br \/>\nEs lag mir auf der Zunge, dass dies meine Absicht war. Doch dies war einer der Momente, in denen man seine Planung \u00fcber Bord wirft, seine Priorit\u00e4ten nicht beachtet und dem allt\u00e4glichen Leben eine Auszeit gibt. Und da mein Leben nur damit weitergehen w\u00fcrde, dass ich es beenden wollte, konnte ich mir diese Auszeit guten Gewissens genehmigen. Ich ergriff die Hand, die mir das M\u00e4del hinhielt und erhob mich von meinem Bett aus Schnee, in dem ich vorgehabt hatte, einzuschlafen.<br \/>\nWir gingen nicht weit. Oder ich hatte das Gef\u00fchl der Zeit verloren. Wir sa\u00dfen an einem Tisch, sie sa\u00df mir gegen\u00fcber und sah mich an. Ich kann mich an sonst nichts erinnern. Meine gesamte Aufmerksamkeit geb\u00fchrte dem Wesen vor mir. Ihr Gesicht war von eiskalter Sch\u00f6nheit. Es war, obwohl es noch unschuldig jung war, voller Zeichen f\u00fcr einen Menschen, der schon viel erfahren hatte. W\u00e4hrend ich diesen Gedanken dachte, l\u00e4chelte sie ein wenig mehr.<br \/>\n\u201eMan sagt, ich habe das Gesicht von meinem Vater.\u201c<br \/>\nSie schwieg. Dann:<br \/>\n\u201eDanke f\u00fcr das Kompliment.\u201c<br \/>\nUnd w\u00e4hrend ich merkte, wie sich ihre bleichen Wangen um Nuancen r\u00f6teten, fragte ich mich, wie fasziniert ich von ihr sein musste, dass ich nicht einmal mehr merkte, was ich dachte und was ich sagte. Das pl\u00f6tzliche Knarren der Dielen zerrte mich aus meinen Gedanken. Als die Gestalt eintrat, lief mir ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Der hagere Mann war in einen schwarzen Umhang geh\u00fcllt, einer M\u00f6nchskutte nicht un\u00e4hnlich, die Kapuze \u00fcber den Kopf gezogen. Sein Gesicht lag im Dunkeln, das Einzige was man sah, war die Hand mit der er die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte. Sie schien so bleich, dass es aussah, er w\u00fcrde nur aus Knochen bestehen. Seine Stimme war so tief und rau, das wenn man die Augen schloss, nicht wusste, woher sie kam. Seine Stimme jagte mir mehr Angst ein als alles andere, was mir in meinem kurzen Leben widerfahren war. Und gleichzeitig bereitete sie mir einen wohligen Schauer, der beruhigte und tr\u00f6stete. Und als ich diese Stimme vernahm, wusste ich: Diese Gestalt war der Vater der Sch\u00f6nheit, die mir gegen\u00fcber sa\u00df, und diese Gestalt war der Tod. Diese Stimme war das Letzte, was man in seinem Leben h\u00f6ren w\u00fcrde. Und wenn es soweit w\u00e4re, dann w\u00fcsste man auch, dass es soweit ist.<br \/>\n\u201eGuten Abend Fremder\u201c<br \/>\nObwohl sein Gesicht noch immer im Dunkeln lag, ahnte ich, seine Augen sehen zu k\u00f6nnen. Und obwohl mich in diesem Moment die Angst h\u00e4tte packen m\u00fcssen, strahlte der Mann eine so ernorme Ruhe aus, die mich \u00fcber meinen Schatten springen lie\u00df.<br \/>\n\u201eGuten Abend.\u201c<br \/>\nDer Schwarze Mann schlug die Kapuze zur\u00fcck und l\u00e4chelte mich an. Er hatte ein eingefallenes Gesicht und zerfurchte Haut, aber ein L\u00e4cheln, so warm und naiv wie das eines Kindes.<br \/>\n\u201e Die Nacht ist kalt, es freut mich, dass du einen Weg hier ins Warme gefunden hast. Hat meine Tochter dir den Weg gezeigt?\u201c<br \/>\nDas M\u00e4del und ich nickten.<br \/>\n\u201eGut, das ist sch\u00f6n!\u201c<br \/>\nEr streifte den Mantel ab und hing ihn an einen langen, nach oben gebogenen Nagel an der T\u00fcr. Dann setzt er sich zu uns.<br \/>\n\u201eEs war ein langer Tag heute, viele Besuche musste ich machen. Und zuletzt hatte ich eine Verabredung am Waldrand. Doch dort war niemand, nur eine Kuhle im Schnee.\u201c<br \/>\nIch wollte erwidern, dass ich derjenige war, der dort h\u00e4tte liegen sollen, doch in den Augenwinkeln sah ich des Todes Tochter, die mich eindringlich ansah und den Kopf leicht sch\u00fcttelte. Und so schwieg ich. Der Alte seufzte:<br \/>\n\u201eNun denn, so ist das Leben.\u201c<br \/>\nEr blickte sich auf dem Tisch um und sah dann seine Tochter an.<br \/>\n\u201eHast du dem lieben Fremden nichts angeboten?\u201c<br \/>\nEr blickte mich an.<br \/>\n\u201eM\u00f6chtest du etwas trinken? Einen Tee gegen die K\u00e4lte?\u201c<br \/>\nBevor ich etwas erwidern konnte, sprang er auf und verschwand in einer T\u00fcr. Ich blickte ihm eine Zeit lang nach, dann schaute ich in die gl\u00e4nzend schwarzen Augen des M\u00e4dchens.<br \/>\n\u201eDein Vater ist\u2026\u201c<br \/>\nSie nickte.<br \/>\n\u201eDas ist er, aber er wei\u00df es nicht.\u201c<br \/>\nIch starrte sie verst\u00e4ndnislos an. Sie atmete tief durch und lie\u00df die Luft langsam hinausgleiten.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht, wie ich das erkl\u00e4ren soll. Mein Vater ist die Person, die immer als der Tod bezeichnet wird. Gevatter Tod, der Sensenmann, Schlafes Bruder, das sind alles Namen f\u00fcr ihn. Er ist das Wesen, das den Menschen das Leben nimmt. Aber er selbst wei\u00df nicht, dass er dieser Mann ist.\u201c<br \/>\n\u201eUnd was glaubt er, was er ist?\u201c<br \/>\nBevor sie antworten konnte, erschien ihr Vater wieder in der T\u00fcr. Einen Tonkrug in der einen, drei Tontassen in der anderen Hand. Schweigend verteilte er die Tassen und den Tee.<br \/>\n\u201eWas haben Sie denn den ganzen Tag gemacht?\u201c<br \/>\nEr stellte den Krug ab und sah mich mit tiefschwarzen Augen an.<br \/>\n\u201eIch selbst nenne mich Filmvorf\u00fchrer. Menschen rufen mich, oder ich werde zu ihnen geschickt. Und dann lasse ich ihr gesamtes Leben, ihren eigenen Film vor ihren Augen ablaufen. Und dann gehe ich wieder. Mehr tue ich nicht.\u201c<br \/>\nSchweigen.<br \/>\n\u201eWillst du deinen Film sehen?\u201c<br \/>\nL\u00e4chelnd sch\u00fcttelte ich den Kopf. Noch vor ein paar Stunden war dies wirklich noch mein Wunsch gewesen. Der Abend wurde immer l\u00e4nger, der Tod erz\u00e4hlte vom Leben und seine Tochter l\u00e4chelte mich an. Nach drei oder vier Kannen Tee erhob sich die hagere Gestalt.<br \/>\n\u201cEs ist sp\u00e4t und ich habe morgen viel zu tun. Ich w\u00fcnsche eine gute Nacht, lieber Fremder.\u201c Ich deutete ein Aufstehen und ein Nicken an und gab dem Tod die Hand. Ich sa\u00df eine Weile mit dem M\u00e4dchen alleine da. Meine Gedanken schwammen durch das, was der Tod und das M\u00e4dchen gesagt hatten. Dann riss ich mich heraus und stand auf.<br \/>\n\u201eDanke f\u00fcr die Gastfreundschaft. Danke f\u00fcr das Leben.\u201c<br \/>\nEin L\u00e4cheln zog sich von ihren Mundwinkeln zu ihren Augen.<br \/>\n\u201eNichts zu danken, das ist nun mal das Leben.\u201c<br \/>\nDann erhob sie sich ebenfalls und brachte mich zur T\u00fcr.<br \/>\n\u201eSehe ich dich noch einmal?\u201c<br \/>\nWieder l\u00e4chelte sie.<br \/>\n\u201eMan sieht sich immer zweimal im Leben.\u201c<br \/>\nIch stand in der offenen T\u00fcre, die K\u00e4lte im R\u00fccken, und meine Gedanken kreisten um die Tatsache, dass es dem Tod nicht bewusst war, das er der Tod war. Und ein drittes Mal l\u00e4chelte das h\u00fcbsche M\u00e4dchen, kam mit dem Mund nah an mein linkes Ohr und fl\u00fcsterte: \u201eSoll ich dir ein Geheimnis verraten? Der, der das Leben schafft, wei\u00df es auch nicht.\u201c<\/p>\n<p><em>Filmvorf\u00fchrer<\/em> gibt es auch als <a href=\"http:\/\/bookrix.de\/_title-de-faby-nightheart-filmvorfuehrer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kurzgeschichte<\/a> bei BookRix.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern noch flehte ich den Tod an, mich zu besuchen und mitzunehmen und jetzt verabschiede ich mich von ihm.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[1058,1238,2026,2845,3206,3289],"class_list":["post-265","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schreiben","category-texte","tag-fantasie","tag-gedankenspaziergange","tag-liebe","tag-schreiben","tag-texte","tag-tod"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=265"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/265\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}