{"id":2402,"date":"2010-10-31T18:51:40","date_gmt":"2010-10-31T17:51:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=2402"},"modified":"2010-10-31T18:51:40","modified_gmt":"2010-10-31T17:51:40","slug":"text-mucke-die-grosstadtlegende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2010\/10\/31\/text-mucke-die-grosstadtlegende\/","title":{"rendered":"Text: M\u00fccke, die Gro\u00dfstadtlegende"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der erste Morgen des Jahres. Die Sonne bricht den Zauber einer wundersch\u00f6nen, glasklaren Nacht. Vier Menschen, der Jugend entwachsen, aber zu jung, um alt zu sein, versuchen, nach einer gro\u00dfartigen Feier ein Taxi f\u00fcr den Heimweg zu ergattern.<!--more--><\/p>\n<p>Es wird ein typisches gelbes Gro\u00dfraumtaxi eines deutschen Autobauers. Nichts besonderes, aber perfekt, um nach Hause zu kommen.<br \/>\nPeter, Paul, Johannes und Marie, sie kommen gerade von M\u00fcckes kleiner Party. Dem legend\u00e4rsten Ereignis der ganzen Stadt.<br \/>\n\u201cWieso hei\u00dft diese Party denn M\u00fcckes kleine Party?\u201d, fragte Marie. Sie war das erste Mal auf diesem j\u00e4hrlichen Happening. Sie hatte bisher nur Ger\u00fcchte \u00fcber diese Party geh\u00f6rt und nun war sie sich sicher, dass all jene, welche die Ger\u00fcchte streuten, noch nie auf der Party gewesen waren. Denn sie untertrieben allesamt.<\/p>\n<p>Am Abend zuvor, es f\u00fchlte sich an, als w\u00e4re es letztes Jahr gewesen, waren sie vor diesem unscheinbaren Geb\u00e4ude im Westen der Stadt angekommen. Peter und Paul hatten Einladungen f\u00fcr die Party bekommen. Kleine Karten aus grauem Papier, beschrieben mit einer Schreibmaschine und unterschrieben mit \u201cM\u00fccke\u201d.<br \/>\nVor dem Geb\u00e4ude sa\u00dfen ein paar Menschen neben einer brennenden \u00d6ltonne am Eingang und spielten und sangen zu den Kl\u00e4ngen des Gitarrenmannes. Der Gitarrist unterbrach sein Spiel, schlug mit seinem Fu\u00df aber den Takt weiter. Er l\u00e4chelte und blickte die Vier an.<br \/>\n\u201cGuten Abend, Clemens!\u201d, sagte Paul. Er sch\u00fcttelte ihm die Hand und gab ihm dann die beiden Eintrittskarten. Clemens nahm sie entgegen und warf sie neben sich ins Feuer. Ein M\u00e4dchen neben ihm erhob sich und schob die Metallt\u00fcr auf. Gerade so weit, dass die Vier hindurchschl\u00fcpfen konnten, ohne die Kleider zu beschmutzen.<br \/>\n\u201cDas ist Clemens, der Fahrstuhlf\u00fchrer. Aber heute macht er den T\u00fcrsteher\u201d, kl\u00e4rte Paul Marie auf.<br \/>\n\u201cUnd wer sind die anderen um ihn herum?\u201d, fragte Marie.<br \/>\n\u201cDas sind Freunde und Fans. Nur weil er heute Abend arbeitet, hei\u00dft es ja nicht, dass er dabei keinen Spa\u00df haben darf, oder?\u201d<br \/>\nEr f\u00fchrte Marie, Peter und Johannes durch einen alten Umkleideraum, der jetzt als begehbare Garderobe f\u00fcr die G\u00e4ste fungierte. Eine letzte T\u00fcr und sie waren auf der Party. Sie standen im Erdgeschoss des Geb\u00e4udes. Alle drei Stockwerke waren durch breite Stahltreppen miteinander verbunden. Knapp die H\u00e4lfte des Geb\u00e4udes war eine offene Halle mit Galerien auf jeder Ebene. Man konnte von jeder Ebene aus nach unten in den Hauptraum blicken. Dort in der Mitte befand sich die Tanzfl\u00e4che. Und erst jetzt realisierte Marie, dass es sich bei dem Geb\u00e4ude um eine alte Schwimmhalle handelte. Was jetzt ein mit Holzboden ausgekleideter Tanzraum war, war vor langer Zeit mal das Becken gewesen. Im ersten Stock, etwa drei Meter \u00fcber der tanzenden Menge war das erste Sprungbrett zur Kanzel f\u00fcr den DJ umgebaut worden. Diese war im Moment aber leer. Daf\u00fcr spielte direkt am Rand des Beckens eine funkige Jazzband und heizte den ersten mutigen T\u00e4nzern ein. Peter nahm die staunende Marie am Arm und f\u00fchrte sie erkl\u00e4rend \u00fcber die drei Ebenen bis ganz nach oben. Hier war die Musik nur noch leise h\u00f6rbar, so dass man sich problemlos unterhalten konnte. Unterhalten wollte sich Marie aber im Moment nicht. Sp\u00e4testens beim Anblick der Dachterasse war sie sprachlos. Beleuchtet von kleinen Feuern hatten sie einen atemberaubenden Ausblick auf die Lichter der Stadt und sie ahnte, was um Mitternacht best\u00e4tigt wurde: Es gab keinen besseren Platz in der ganzen Stadt, um die Feuerwerke zu bestaunen und zu feiern.<\/p>\n<p>Johannes, er hatte auf dem Beifahrersitz des Taxis Platz genommen, drehte sich zu ihr um. \u201cNaja, es ist M\u00fcckes Party, er veranstaltet sie jedes Jahr. Und dass es M\u00fcckes kleine Party genannt wird.\u201d, er zuckte mit den Schultern. \u201cDas ist seine Art.\u201d<br \/>\n\u201cDas muss ja ein ziemlich krasser Typ sein.\u201d, sagte sie anerkennend. Paul beugte sich nach vorne und sah am schlafenden Peter vorbei.<br \/>\n\u201cDu hast dich doch mit ihm unterhalten. Immer, wenn ich nach dir schauen wollte, hast du mit ihm geredet.\u201d<\/p>\n<p>Nach kurzer Zeit lie\u00dfen Peter, Paul und Johannes Marie alleine. Sie waren nicht zum ersten Mal hier und kannten ein paar der weiblichen G\u00e4ste. Oder wollten sie zumindest kennenlernen. Marie lehnte am Gel\u00e4nder im dritten Stock, unter sich konnte sie das Get\u00fcmmel der Party beobachten. Auf der anderen Seite sah sie die Terrasse, die bis jetzt fast nur von Rauchern besucht wurde. Das Sektglas, welches sie direkt am Eingang von Peter in die Hand gedr\u00fcckt bekommen hatte, war leer und warm und sie hielt sich nur noch daran fest, damit ihre H\u00e4nde besch\u00e4ftigt waren. Sie sah den Mann auf der anderen Seite der Galerie von der Terrasse hereinkommen. Er l\u00e4chelte ihr zu und ging \u00fcber eine der Treppen nach unten. Sie l\u00e4chelte zur\u00fcck und w\u00e4hrend sie ihn auf der Treppe beobachtete, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwand, \u00fcberlegte sie, ob sie ihn kannte oder ob er nur freundlich gewesen war. Als sie ihn dann gedanklich hinter sich gelassen hatte, stand er pl\u00f6tzlich neben ihr. Zwei Sektgl\u00e4ser in der Hand. Das kondensierte Wasser perlte an dem eiskalten Glas. Er tausche ihr leeres Glas gegen ein neues, stie\u00df mit ihr an und stellte sich vor.<\/p>\n<p>\u201cMartin ist M\u00fccke?\u201d<br \/>\nPaul und Johannes nickten. Peter schnarchte und sein Kopf plumpste auf Maries Schulter.<br \/>\n\u201cAber er hat mir gesagt, er kennt M\u00fccke gar nicht.\u201d<\/p>\n<p>Martin hatte sie gefragt, wie sie auf die Party gelangt war und sie erz\u00e4hlte ihm von ihren Bandkollegen Peter und Paul und ihrem Songwriter Johannes. W\u00e4hrend sie redete, suchte sie die tanzenden Menschen unten im Becken nach einem bekannten Gesicht ab, um sie Martin zu zeigen, aber sie fand keinen. Dann sagte sie, fast entschuldigend, sie selbst kenne M\u00fccke gar nicht. Martin lachte laut auf und vertraute ihr dann an, dass es ihm manchmal auch so gehe, sie m\u00fcsse sich gar nicht schuldig f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Paul l\u00e4chelte und obwohl sie nicht das Gesicht von Johannes sah, ahnte sie, dass auch er grinste.<br \/>\n\u201cWie gesagt, das ist seine Art.\u201d<\/p>\n<p>Wenn Martin tats\u00e4chlich M\u00fccke war, dann fand sie seine Art wundervoll. Er hatte fast die ganze Nacht mit ihr verbracht. Er war freundlich, unterhaltsam und intelligent. Sie hatten sich unterhalten und viel gelacht und niemals hatte sie sich bedr\u00e4ngt gef\u00fchlt oder gelangweilt. Wenn Martin aber M\u00fccke war, dann hatte er sie die gesamte Zeit \u00fcber belogen. Martin hatte erz\u00e4hlt, dass er eine kleine Wohnung in der Stadt hatte und Musiker war und davon ganz gut \u00fcber die Runden kam. So hatte er es ausgedr\u00fcckt. Von Peter und Johannes und den Gro\u00dfstadtlegenden aber wusste sie, dass M\u00fccke \u00fcber ein Verm\u00f6gen unbekannter Gr\u00f6\u00dfe verf\u00fcgte und neben der Schwimmhalle auch weitere Immobilien in der Stadt besa\u00df.<\/p>\n<p>\u201cWas ist seine Art?\u201d<br \/>\nWieder drehte Johannes sich auf seinem Sitz um.<br \/>\n\u201cZu untertreiben. M\u00fccke f\u00fchrt das krasseste Leben, dass du dir vorstellen kannst. Wenn dir jemand etwas erz\u00e4hlt von einem Bekannten, der jemanden kennt, dem was unglaubliches passiert ist, ist die Chance hoch, dass M\u00fccke dieser jemand war.\u201d<br \/>\nMarie starrte ihn ungl\u00e4ubig an.<br \/>\n\u201cAch was, das glaube ich dir nicht.\u201d sagte sie und sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\nPeter lachte.<br \/>\n\u201cHat er dir erz\u00e4hlt, was er f\u00fcr ein Instrument spielt?\u201d<br \/>\n\u201cGitarre, hat er glaube ich gesagt\u201d erinnerte sich Marie.<br \/>\nPeter nickte.<br \/>\n\u201cNeben vielen anderen Instrumenten auch Gitarre und Bass. Erinnerst du dich, als vor ein paar jahren mal die Stones hier im Stadion gespielt haben? Mit AC\/DC als Vorband? Am Tag des Konzertes hatte Ron Wood, der Bassist der Stones, sich verletzt und konnte nicht spielen. Dann ist M\u00fccke f\u00fcr ihn eingesprungen.\u201d<br \/>\nMarie tippte sich an die Schl\u00e4fe.<br \/>\n\u201cDu spinnst ja. Das ist doch nur eine Geschichte.\u201d<br \/>\nJohannes zwinkerte.<br \/>\n\u201cGenau das ist das Problem. Keiner glaubt ihm. M\u00fccke passieren wirklich die unglaublichsten Geschichten. Aber immer, wenn er es jemanden erz\u00e4hlte, wurde er als Spinner abgetan. Deshalb hat er folgende Taktik: Er wollte zwar niemanden anl\u00fcgen, aber so weit untertreiben, dass ihm die Leute zumindest glaubten. Und das zieht er seitdem erfolgreich durch.\u201d<\/p>\n<p>Marie war sich sicher, dass ihre Jungs sie gerade auf den Arm nahmen. Aber gleichzeitig ging sie den Abend und alle Aussagen von Martin durch. Und sie musste sich eingestehen, dass er vielleicht doch nicht gelogen hatte.<\/p>\n<p>\u201cDeshalb hei\u00dft er ja auch M\u00fccke. Du kennst doch das Sprichwort: Aus einer M\u00fccke einen Elefanten machen. Und Martin macht aus seinen Elefanten immer eine M\u00fccke.\u201d<br \/>\nMarie sah ihn schweigend an. Paul sprach einfach weiter.<br \/>\n\u201cM\u00fccke untertreibt immer. Wenn er dir mal sagt, du hast etwas gut gemacht, dann ist das ein Anzeichen daf\u00fcr, dass du ein Meisterwerk abgegeben hast. Leider hat er diese Angewohnheit so verinnerlicht, dass er sich auch bei Frauen so verh\u00e4lt. Er schafft es einfach nicht mehr, die Wahrheit zu sagen. Selbst wenn er jemanden direkt heiraten wollte, kommt nicht viel mehr raus als&#8230; &gt;&gt;Sch\u00f6n, dich kennengelernt zu haben.&lt;&lt;. Und darauf reagieren die Frauen, dann nicht so sehr.\u201d<br \/>\nMarie schwieg immer noch. Sie war gedanklich am Ende der Nacht angekommen. Zu ihr hatte M\u00fccke nicht &gt;&gt;Sch\u00f6n, dich kennengelernt zu haben.&lt;&lt; gesagt. Stattdessen hatte er gesagt: &gt;&gt;Vielleicht sehen wir uns irgendwo nochmal wieder, das w\u00fcrde mich freuen.&lt;&lt;. Und bis gerade eben war sie davon entt\u00e4uscht gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der erste Morgen des Jahres. 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