{"id":168,"date":"2009-01-18T13:38:04","date_gmt":"2009-01-18T12:38:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=168"},"modified":"2009-01-18T13:38:04","modified_gmt":"2009-01-18T12:38:04","slug":"text-die-bibliothek-der-vergessenen-bucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/01\/18\/text-die-bibliothek-der-vergessenen-bucher\/","title":{"rendered":"Text: Die Bibliothek der vergessenen B\u00fccher"},"content":{"rendered":"<p>und das Regal mit den Geschichten, die niemals enden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich bog um die Ecke in die n\u00e4chste Reihe von den B\u00fccherregalen. Jetzt war ich voll aus dem Sichtfeld des Bibliothekars verschwunden. Auch wenn der Alte immer ein warmes L\u00e4cheln f\u00fcr mich \u00fcbrig hatte, f\u00fchlte ich mich unter seinen Blicken etwas beobachtet.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Regal, vor dem ich nun stand, hing ein kleines Schild, verwittert und staubig:<\/p>\n<p>Geschichten, die niemals enden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Das Wort &#8222;niemals&#8220; hatte die schreibende Hand dreimal unterstrichen. Spontan fiel mir nur ein Buch ein, das in diesem Regal stehen sollte. Lustigerweise konnte ich Michael Endes &#8222;Unendliche Geschichte&#8220; nicht in dem Regal finden. Ich konnte \u00fcberhaupt kein Buch finden, von dem ich jemals geh\u00f6rt hatte. Die ganzen B\u00fccher in dem Regal hatte alle keine Titel. Aus dem Bauch heraus legte ich einen Finger auf einen Buchr\u00fccken und zog das Buch heraus. Ich h\u00f6rte die Schlurfenden Schritte des Bibliothekars, einen Moment lugte er um die Ecke und l\u00e4chelte mich schweigend an. Ich zeigte ihm das namenlose Buch in meiner Hand.<\/p>\n<p>&#8222;Warum haben all die B\u00fccher keine Titel?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Weil es f\u00fcr das, was in ihnen steht, nicht gen\u00fcgend Beschreibungen gibt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was steht denn in ihnen?&#8220;<\/p>\n<p>Zu dem L\u00e4cheln kam ein Augenzwinkern hinzu.<\/p>\n<p>&#8222;Wie gesagt, das kann man nicht so leicht in Worte fassen. Am besten, sie schauen rein.&#8220;<\/p>\n<p>Ich schlug das Buch auf, das ich in der Hand hatte. Die Sprache, in der es verfasst war, kannte ich nicht. Ja, ich konnte nichtmal etwas mit den Schriftzeichen anfangen. Ich lies die Seiten durch die Finger gleiten und wollte das Buch schliessen, als der Bibliothekar seine hand in das Buch legte.<\/p>\n<p>&#8222;Bitte, die Geschichten d\u00fcrfen niemals enden.&#8220;<\/p>\n<p>Er nahm mir das offene Buch aus der Hand, bl\u00e4tterte in die Mitte des Buches und schloss es. Dann gab er es mir wieder.<\/p>\n<p>&#8222;Verstanden?&#8220;<\/p>\n<p>Ich nickte, verdutzt, er lachte und wandte sich zum gehen.<\/p>\n<p>&#8222;Dann viel Sp\u00dfa beim Entdecken.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Haben die B\u00fccher eine Reihenfolge?&#8220;<\/p>\n<p>Er war schon verschwunden und steckte seinen Kopf nochmal hinter einem Regal hervor.<\/p>\n<p>&#8222;Keine Reihenfolge, keine Ordnung. Die Geschichten finden schon ihren Platz.&#8220;<\/p>\n<p>Dann war ich allein mit all den namenlosen B\u00fcchern. Ich sah mir das Regal genauer an. B\u00fccher in jeglicher Form waren hier aneinandergereiht. Manche waren dicke W\u00e4lzer in edlen ledereinb\u00e4nden, einige waren eher Notizbl\u00f6cke und ein paar Exemplare waren eher lose Blattsammlungen als richtige B\u00fccher. Eine Ordnung schien es tats\u00e4chlich nicht zu geben. Die B\u00fccher waren wild aneinandergereiht, gestapelt und manchmal sogar in mehreren Reihen hintereinander aufgestellt. Frei nach meinem Gef\u00fchl zog ich eines nach dem anderen und betrachtete es. Ein recht dickes Buch, dessen Schrift ich zwar lesen konnte, aber nicht verstand, bl\u00e4tterte ich langsam durch. Anfangs war die Schrift kragelig, unsicher ud recht gro\u00df. Im Laufe der Seiten wurde sie immer feiner und ge\u00fcbter und sch\u00f6ner, bis sie irgendwann ihren H\u00f6hepunkt erreicht hatte und dann zwar fein blieb, aber immer zittriger wurde.<\/p>\n<p>Lange betrachtete ich den letzten, festen, aber entg\u00fcltigen Punkt. Dann bl\u00e4tterte ich zur\u00fcck zu den Seiten, auf denen die Schrift kalligraphische Z\u00fcge angenommen hatte, und schlug das Buch zu. Eine Schrift in einem Heftchen, das h\u00f6chstens ein Dutzend Bl\u00e4tter enthielt, hatte die Regelm\u00e4\u00dfigkeit eines Herzschlages. Als ich auf der letzten Seite einen langen gerade Strich sah, fr\u00f6stelte es mich.Ein Buch h\u00e4tte ich fast gleich wieder zugeschlagen, weil weil die Seiten wei\u00df waren. Erst auf den zweiten, viel genaueren Blick sah ich die feinen Erhebungen der Blindenschrift, die in das Papier gepr\u00e4gt waren. Ein Buch war voller tanzender Noten, ein anderes mit blutroter Farbe geschrieben. Ich fand B\u00fccher voll Kinderzeichnungen, Schriften, die von Tr\u00e4nen verlaufen waren, angekokelte Seiten und parfumiertes Papier.<\/p>\n<p>Jedes Buch hatte seine eigene Geschichte. Nein, jedes Buch war seine eigene Geschichte. Und keine der Geschichten konnte ich in Worte fassen. Der Bibliothekar hatte Recht gehabt.<\/p>\n<p>Ich legte ein kleines B\u00fcchlein zur\u00fcck, in dem sich ein aufgerissenes Kondomp\u00e4kchen und sonst nur leere Seiten befanden und zog ein Buch heraus, dessen Seiten aus Hanfpapier bestanden und farbenfroh bemalt und berschrieben waren. Mit dem Buch ging ich zu dem Alten zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&#8222;Was soll das kosten?&#8220;<\/p>\n<p>Der Alte sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p>&#8222;Die Geschichten kann man nicht kaufen, nur mitnehmen.&#8220;<\/p>\n<p>Ich nickte.<\/p>\n<p>&#8222;Und wann soll ich es wieder zur\u00fcckbringen?&#8220;<\/p>\n<p>Der Alte winke ab.<\/p>\n<p>&#8222;Die Geschichten haben bis jetzt immer ihren Weg gefunden.&#8220;<\/p>\n<p>Ich l\u00e4chelte. Obwohl ich nicht genau verstanden hatte, von was der Alte redete, hatte ich das Gef\u00fchl, er hatte Recht.Ich tippte an meinen imagin\u00e4ren Hut, lief an den Regalen voll mit B\u00fcchern vorbei und verschwand in dem Augang, der sich neben der Wand voller Sanduhren befand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>und das Regal mit den Geschichten, die niemals enden d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[1058,1978,2301,2845,3206],"class_list":["post-168","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schreiben","category-texte","tag-fantasie","tag-leben","tag-mokita","tag-schreiben","tag-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=168"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/168\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}