{"id":16,"date":"2009-01-07T16:39:42","date_gmt":"2009-01-07T15:39:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=16"},"modified":"2009-01-07T16:39:42","modified_gmt":"2009-01-07T15:39:42","slug":"text-regenschirme-unter-dachern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/01\/07\/text-regenschirme-unter-dachern\/","title":{"rendered":"Text &#8211; Regenschirme unter D\u00e4chern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Liebesbrief. <\/strong><\/p>\n<p><span class=\"first_letter\">I<\/span>ch liege da und schreibe. Zumindest versuche ich es\u2026<br \/>\nDer Stift h\u00e4ngt zwischen meinen Z\u00e4hnen, langsam nehme ich ihn aus dem Mund und drehe ihn zwischen den Fingern. Dann fange ich an:<br \/>\n\u201eIch hasse Menschen, die mit offenen Regenschirmen unter D\u00e4chern laufen. Das ist wie \u2026 wie mit dem Auto in den Zug fahren um von einem Ort zum anderen zu kommen. Das ist wie\u2026 sich hinter einer Maske von Pers\u00f6nlichkeit zu verstecken und die eigene nicht benutzen. Das ist wie\u2026\u201c <!--more--><br \/>\nIch richte mich auch, schaue die geschriebenen W\u00f6rter an und zerkn\u00fclle das Blatt mit einer Hand. Ich werfe es \u00fcber meine Schulter und drehe mich dann auf meinem Stuhl um zu sehen ob ich den M\u00fclleimer getroffen habe. Daneben. Egal. Ich werde es sp\u00e4ter aufr\u00e4umen. Mit Schwung drehe ich mich wieder zum Tisch. Gedanken kreuzen meinen Kopf hinterlassen Ideen und Abf\u00e4lle. Das eine ist von anderen schwer zu unterscheiden. Ich f\u00fchle mich nach schreiben, meine Finger kribbeln, mein Kopf ist voll und ich bekomme nichts geordnet. Noch bevor ich die S\u00e4tze zu Ende gedacht habe, werfe ich sie gedanklich weg. In Gedanken treffe ich den M\u00fclleimer immer. Sie f\u00fchlen sich nicht richtig an. Das Blatt vor mir f\u00fcllt sich mit durchgestrichenem und Einzeilern, mit kleinen M\u00e4nnchen an den Seiten und hieroglyphenartigen Zeichen.<br \/>\nVier Buchstaben fahre ich immer wieder nach. Mit einem Ruck schiebe ich mich vom Tsch weg zum Eimer und packe den Papierball der daneben liegt. Aus dieser Entfernung treffe ich. Mein Blick verliert sich im Blau der Plastikt\u00fcte im Eimer, dann ziehe ich das St\u00fcck Papier wieder heraus, rolle zur\u00fcck zum Tisch und falte es wieder auseinander \u201eDas ist wie etwas zu schreiben, was man aussprechen sollte.\u201c Hier f\u00fchlt es sich richtig an. Mein Kopf formt und ich bringe es auf das Papier. Ich straffe das gefaltete Papier und stecke es in eine kleine orangene Mappe mit einem kleinen Aufkleber: Orte f\u00fcr Worte<br \/>\nEin neues Blatt, ein neuer Anfang.<br \/>\n\u201eEr kannte sie schon lange. Doch was hei\u00dft kennen, er wusste wer sie war. Hatte auch schon oft mit ihr geredet, mit dem M\u00e4dchen mit den lockigen Haaren, doch lange war sie das f\u00fcr sie gewesen, nur ein M\u00e4dchen mit lockigen Haaren, mit dem man an Veranstaltungen am Eingang sitzen konnte und anderer Menschen Aussehen beurteilen konnte. Doch nun\u2026<br \/>\nMenschen sind wie Lieder. Manche h\u00f6rt man einmal und man wei\u00df, man wird sie nie m\u00f6gen. Manche h\u00f6rt man einmal und man ist begeistert. Man h\u00f6rt dieses Lied eine Zeitlang rauf und runter und im Replay doch langsam schleicht sich das Gef\u00fchl von M\u00fcdigkeit ein, es verliert seine anf\u00e4ngliche Faszination und man kann es nicht mehr h\u00f6ren. Wie man \u00e4u\u00dferlich h\u00fcbsche Menschen nicht mehr sehen kann, wenn man das trostlose Innere einmal ersp\u00e4ht hat. Und dann gibt es die unscheinbaren Lieder. Man h\u00f6rt sie das erste Mal und es f\u00e4llt einem kaum auf. Man h\u00f6rt es wenn es im Radio l\u00e4uft, singt ein zwei Zeilen mit, aber richtig begeistern kann es einen nicht. Doch man h\u00f6rt es immer und immer wieder und langsam h\u00f6rt man das Innere aus den Liedern raus. Die leisen Instrumente, der Hintergrund und der Zusammenhang und langsam, so langsam das man es gar nicht merkt, ist das Lied wundersch\u00f6n \u2013 wie auch die Menschen. Man sieht sie und sie sind, was sie sind: Menschen. Doch man sieht sie immer wieder, redet mit ihnen und langsam erkennt man ihre Eigenheiten, was ihnen gef\u00e4llt, wie sie reden, wie die Lippen sich dabei bewegen. Man erhascht einen Blick auf ihr Inneres, und das ist wundersch\u00f6n. Immer mehr \u00f6ffnet sich dieses f\u00fcr einen. Man sieht sie sitzen auf den B\u00e4nken mit geschlossenen Augen und gelben Diskman in der Hand, geistig weit weg. Man wei\u00df, welcher Ausdruck zu welcher Gem\u00fctslage geh\u00f6rt, man lernt all ihre Ticks und Macken kennen, und man f\u00e4ngt an sie zu lieben. Und je mehr man sie liebt und je mehr man von sch\u00f6nen Inneren wahrnimmt, desto sch\u00f6ner wird f\u00fcr einen auch das \u00c4u\u00dfere. Fasziniert beobachtet man den Menschen, l\u00e4chelt \u00fcber Bewegungen und staunt \u00fcber Handlungen. Man sp\u00fcrt wenn diese Person den Raum betritt. Es wird heller, in einem drin. Die anderen h\u00f6ren zwar nicht auf zu reden, sie beachten sie nicht mal, aber du und deine Natur sind still. Jeder Gedanke, der dir durch den Kopf schie\u00dft, jedes Wort das dir \u00fcber die Lippen kommt, jeder \u00c4rger der dich auf die Palme bringt, jede gute Note die die Wolken verschwinden l\u00e4sst, alles wird klein und verstummt. Denn du sp\u00fcrst das H\u00fcbsche, und was braucht es mehr?\u201c<br \/>\nFlach liegt der Stift zwischen Papier und Hand, die darauf liegt. Ein kleines L\u00e4cheln umspielt meine Lippen. Im Grunde genommen mag ich die Menschen, die mit offenen Schirmen unter D\u00e4chern laufen, denn ohne sie h\u00e4tte ich nicht angefangen zu schreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Liebesbrief. Ich liege da und schreibe. Zumindest versuche ich es\u2026 Der Stift h\u00e4ngt zwischen meinen Z\u00e4hnen, langsam nehme ich ihn aus dem Mund und drehe ihn zwischen den Fingern. Dann fange ich an: \u201eIch hasse Menschen, die mit offenen Regenschirmen unter D\u00e4chern laufen. 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