{"id":1269,"date":"2009-12-12T21:37:53","date_gmt":"2009-12-12T20:37:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mokita.de\/blog\/?p=1269"},"modified":"2009-12-12T21:37:53","modified_gmt":"2009-12-12T20:37:53","slug":"text-4-gefallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mokita.de\/blog\/2009\/12\/12\/text-4-gefallen\/","title":{"rendered":"Text: 4 Gefallen"},"content":{"rendered":"<p>Es war schon wieder Freitag und es war wieder diese Bar. Sie sa\u00df am Tresen, leicht angetrunken und deprimiert beobachtete sie ihre Freundinnen, die sich schon alle irgendeinen der Dorftrottel geschnappt hatten, die genauso wie sie jeden Freitag in dieser Bar zu finden waren. <!--more-->Diese Inzestbrutst\u00e4tte, in der jeder schon mit jedem \u2026. und es nur darum ging, die Langeweile wegzutrinken und dem eigenen Leben einen Glanz von Coolness zu verpassen. Sie war des Ganzen \u00fcberdr\u00fcssig und hatten sich ihr d\u00fcnnes J\u00e4ckchen schon zum Gehen bereit gelegt, als pl\u00f6tzlich ein neues Gesicht am Eingang zu sehen war.<br \/>\nSeine Augen gew\u00f6hnten sich an die von bunten Lichtern und k\u00fcnstlichem Nebel durchdrungene Dunkelheit, dann ging er, ungeachtet aller Blicke und Verwunderung ob des neuen Gesichts, direkt zur Bar. Er bestellte, der Barmann nickte. Dann drehte er sich um und lehnte sich r\u00fccklings an die Bar. Er war ein bisschen \u00e4lter als sie. Vielleicht Ende Zwanzig. Sein Bart sah aus wie der eines Mannes, der keine Zeit hatte, sich um ihn zu k\u00fcmmern. Als ob er Wichtigeres zu tun h\u00e4tte. Die Dorftrottel, die Art M\u00e4nner, denen sie sonst begegnete, wendeten viel Zeit auf, um ihr k\u00fcmmerliches Inneres durch ein perfektes \u00c4u\u00dferes zu bedecken. Er musste bemerkt haben, dass sie ihn anstarrte, denn er drehte sich zu ihr und l\u00e4chelte.<br \/>\nEin interessanter Mann, dachte sie. Dann r\u00fcckte sie zu ihm r\u00fcber.<br \/>\n\u201cHi!\u201d<br \/>\nEr nickte ihr zu.<br \/>\n\u201cGuten Abend.\u201d<br \/>\nEr beugte sich zu ihr.<br \/>\n\u201cK\u00f6nntest du mir vier Gefallen tun?\u201d<br \/>\nGleich vier Gefallen, er geht aber schnell vor, dachte sie.<br \/>\n\u201cKommt darauf an, was es ist.\u201d, sagte sie und lachte naiv.<br \/>\n\u201cIch habe nicht viel Zeit.\u201d, sagte er und zwinkerte.<br \/>\n\u201cWas ist denn der erste Gefallen?\u201d<br \/>\nEr zog ein zerfleddertes Notizbuch aus der Innenseite seiner Jacke und bl\u00e4tterte darin bis zur letzten beschriebenen Seite.<br \/>\n\u201cSind wir hier in Birkenfeld?\u201d<br \/>\nSie lachte und nickte.<br \/>\n\u201cJa, das hier ist die Weltstadt Birkenfeld. Was ist der zweite Gefallen?\u201d<br \/>\n\u201cW\u00fcrdest du mir deinen Namen verraten?\u201d<br \/>\nDa bin ich ja gespannt, was die anderen zwei Gefallen sein werden, dachte sie<br \/>\n\u201cSara hei\u00dfe ich, angenehm.\u201d Sie streckte die Hand aus. Er sch\u00fcttelte sie.<br \/>\n\u201cKasimir, hallo Sara. Mit oder ohne h?\u201d<br \/>\n\u201cOhne h.\u201d<br \/>\nEr nickte, zog einen Kugelschreiber aus derselben Tasche, in der das kleine Notizbuch gesteckt hatte, und schrieb ihren Namen und das Datum neben den Ortsnamen \u201cBirkenfeld\u201d. Sie, vorgebeugt, las sie mit, was er schrieb. \u00dcber ihrem Namen stand ein anderer Name hinter einem anderen Ort. Und hinter dem Namen war ein kleines H\u00e4kchen.<br \/>\n\u201cWof\u00fcr ist denn der Haken hinter dem Namen?\u201d<br \/>\n\u201cDas w\u00e4re mein dritter Gefallen. Sara, ich w\u00fcrde dich gern k\u00fcssen, darf ich das?\u201d<br \/>\nDann ist ja offensichtlich, was Gefallen Nummer vier sein wird, dachte sie und fand selbst Gefallen daran. Sie nickte. Kasimir beugte sich vor und k\u00fcsste sie. Kein schnelles Wahrheit-oder-Pflicht-K\u00fcsschen. Kein Willkommensbussi. Ein Kuss. Sie sp\u00fcrte die warmen Lippen, die stoppeligen Barthaare und musste erst einmal tief Luft holen, nachdem er fertig war, denn das hatte sie w\u00e4hrend des Kusses komplett vergessen. Er l\u00e4chelte wieder. Und dann setzte er seinen Haken hinter den Namen Sara. Ihren Namen.<br \/>\n\u201cWas ist der vierte Gefallen?\u201d, fragte sie und war bereit, zu nicken. Er beugte sich nach vorne, noch weiter zu ihrem Ohr und fragte:<br \/>\n\u201cKannst du mir einen anderen deutschen Ort nennen? M\u00f6glichst weit weg?\u201d<br \/>\nDas muss die Masche sein, die M\u00e4dels zu verwirren, dachte sie. Dann dachte sie nach.<br \/>\n\u201cVechta.\u201d<br \/>\n\u201cWo ist Vechta?\u201d<br \/>\n\u201cWeit oben, Niedersachsen. Meine Mutter kommt von dort, wir haben da noch Verwandte.\u201d<br \/>\n\u201cMit V geschrieben?\u201d<br \/>\nSie nickte und er schrieb den Stadtnamen in die n\u00e4chste Zeile. Dann leerte er sein Glas in einem Zug, legte einen Schein auf den Tresen, nickte dem Mann dahinter zu, l\u00e4chelte sie ein letztes Mal an, verabschiedete sich, stand auf und verlie\u00df die Bar. Perplex sah sie ihm hinterher, dann schnappte sie sich ihr J\u00e4ckchen und hastete ihm nach. Als sie an die feuchte, frische Luft kam und ihre Augen an die Dunkelheit gew\u00f6hnt hatte, sah sie ihn gerade in ein Taxi steigen. Es musste auf ihn gewartet haben, denn in Birkenfeld bekam man nie einfach so ein Taxi. Sie rannte zum Taxi und klopfte an die Scheibe, er kurbelte sie runter.<br \/>\n\u201cWohin f\u00e4hrst du?\u201d<br \/>\n\u201cNach Vechta. Eine Frau finden, die mich k\u00fcsst.\u201d<br \/>\nDann bedeutete er dem Mann hinterm Steuer loszufahren.<\/p>\n<p><em>Ver\u00f6ffentlicht<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><em>2010 in The Punchliner Nr. 7, hg. von Axel Klingenberg und Andreas Reiffer<\/em><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war schon wieder Freitag und es war wieder diese Bar. Sie sa\u00df am Tresen, leicht angetrunken und deprimiert beobachtete sie ihre Freundinnen, die sich schon alle irgendeinen der Dorftrottel geschnappt hatten, die genauso wie sie jeden Freitag in dieser Bar zu finden waren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[1016,2026,2845,3203,3206],"class_list":["post-1269","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schreiben","category-texte","tag-erwartungen","tag-liebe","tag-schreiben","tag-text","tag-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1269","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1269"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1269\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1269"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1269"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mokita.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1269"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}